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Arthur-Schnitzler-Nachlass

Schnitzler-Archiv: Enkel will Dialog statt Rechtsstreit

Michael Schnitzler kann sich auch vorstellen, dass der Nachlass seines Großvaters weiterhin an der britischen Universität Cambridge bleibt.

Begierde und Sehnsucht - Arthur Schnitzler
Arthur Schnitzler (1862-1931). Sein Nachlass liegt in Cambridge © ORF/Vermeer Film
 

"Um Gottes Willen keinen Rechtsstreit" will Michael Schnitzler, Enkel und gemeinsam mit seinem Bruder Peter Erbe nach Arthur Schnitzler, im Fall des Schnitzler-Archivs in Cambridge. Vielmehr erhofft er sich einen "Dialog" mit der britischen Universität, die den Nachlass 1938 übernahm. Kontakt aufgenommen hat er bisher nicht. "Wir möchten wohlüberlegt vorgehen", sagte er am Dienstag zur APA.

Fest steht, dass er nach den neuen Erkenntnissen gerne einen Schlussstrich unter die Causa setzen möchte. Schnitzler könnte sich etwa vorstellen, dass das Archiv auch weiterhin in England verbleibt. "Das Einfachste wäre, wenn Cambridge das Unrecht in irgendeiner Form wieder gutmacht und die Sachen dort bleiben. Sie haben sehr viel in das Archiv investiert und gut gearbeitet. Wenn es nicht zu einer amikalen Lösung kommt, versteifen sich die Fronten und es folgt ein ewig langer Kampf, den ich überhaupt nicht will." Natürlich seien "das andere Leute heute, die können überhaupt nichts dafür. Der Bibliothekar hat damals sicher Fehler gemacht. Man muss neu überlegen: Ist Unrecht geschehen?" Was Schnitzler nicht will, ist, "nach 70 Jahren zu versuchen, Geld rauszuschlagen". Vielmehr denke er an eine "adäquate Abfindung, wenn Cambridge das Archiv behalten will".

Nicht vor Gericht

Einen Rechtsstreit möchte er vermeiden. So hält er wenig von der kurz angedachten Idee, den US-Anwalt Randol E. Schoenberg einzuschalten, der etwa Maria Altmann bei der Restitution der "Goldenen Adele" unterstützte. "Ein Rechtsstreit dauert vielleicht 15 Jahre und kostet viel Geld." Eine juristische Auseinandersetzung sei zudem wahrscheinlich sehr schwierig, "weil man die Sache aus verschiedenen Gesichtspunkten sehen kann". Vielmehr würde er gerne selbst nach England fahren, um mit den heute Verantwortlichen zu sprechen und gemeinsam zu einer Lösung zu kommen. Schließlich würden die damals Involvierten alle nicht mehr leben "und man kann das so oder so interpretieren, was meine Großmutter gemacht hat." Olga Schnitzler hatte den Nachlass zu Beginn der Machtübernahme der Nazis nach Cambridge gegeben, obwohl sich rechtlich nicht die Erbin war. Ihr Sohn Heinrich hatte bereits 1938 versucht, den Nachlass in die USA verbringen zu lassen, wohin er geflohen war. Das hatte im die Cambridge University damals verwehrt.

"Nach 75 Jahren ist es egal, ob wir das diese oder nächste Woche machen", sagt Schnitzler, der noch auf die Meinung seines Bruders aus den USA wartet. "Ich will dem Ruf von Cambridge in keiner Weise schaden", so Schnitzler. "Sie haben das Archiv vorbildlich aufbewahrt, haben es zugänglich gemacht, das Riesen-Projekt der Digitalisierung ist zusammen mit dem Literaturarchiv Marbach gerade in Gang."

Er selbst hat erst durch die Veröffentlichung im "Kurier" von neuen Erkenntnissen über die Korrespondenz zwischen Heinrich und Olga Schnitzler erfahren. Ans Licht gebracht hatten die Causa Wilhelm Hemecker, Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Geschichte und Theorie der Biografie in Wien, und sein Mitarbeiter David Österle im Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft. "Herr Hemecker war der Meinung, dass da großes Unrecht geschehen ist", so Schnitzler. "Mein Bruder und ich hatten keine Ahnung. Ich wusste, dass der Nachlass nach Cambridge gegangen ist und dass die Materialien dort sind. Ich hatte angenommen, das wird mit rechten Dingen zugegangen sein. Die Zitate aus den Briefen haben mich schon sehr überrascht. Man sollte versuchen, Klarheit zu schaffen."

"Niemand in der Cambridge University Library war sich bisher bewusst, dass sich im Wiener Theatermuseum die Korrespondenz zwischen Olga und Heinrich Schnitzler befindet oder worum es dabei geht", so ein Sprecher der Universität am Montag gegenüber der APA. Mittlerweile habe man den gesamten in Cambridge befindlichen Briefwechsel durchsucht. Der einzige Hinweis, dass Heinrich Schnitzler jemals die Übergabe des Archivs erbeten hat, finde sich im Jahr 1938, als er die Unterlagen nach Amerika bringen lassen wollte. Auf den Hinweis der Universität, dass sich das Archiv in ihrem Besitz befinde, habe er am 22. November 1938 geschrieben: "Ich habe Ihren Brief vom 31. Oktober erhalten und muss Ihnen für die freundliche Information darin danken. Ich hoffe, dass meine Fragen Ihnen keine Unannehmlichkeiten gemacht haben. Mit besten Grüßen, Ihr Henry Schnitzler." Ein Sprecher der Cambridge-Universität hält gegenüber der APA fest, dass es zwar bis 1963 Kontakt zu Heinrich Schnitzler, der 1982 verstarb, gab, er aber "nie wieder um einen Transfer des Archivs in seine Obhut gebeten hat". Von 1963 bis heute hatte man keinen Kontakt mehr zur Familie Schnitzler. "Wir würden aber sehr gerne einen Dialog mit den Erben eröffnen."

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