Biennale zur Rettung des Planeten mit KI: „Architektur ist Überleben“
Die 19. Architekturbiennale in Venedig aktiviert kollektive „IntelliGens“ zur Rettung des Planeten mit viel Holz und KI. Österreich feiert den Wiener Gemeindebau.
Ein düsterer Himmel hängt voll dröhnender Klimakästen, die brütende Hitze verbreiten. Schon im Eingang zum Arsenale warnt die Installation „Das dritte Paradies“ von Pistoletto , wie sich die Menschheit selbst vom Planeten zu vertreiben droht. Kurator Carlo Ratti lässt seine Mission hautnah spüren: „Es gibt keinen Planeten B! Architektur ist Überleben.“ „Planetary Architecture“ soll den Planeten retten mit Anpassung beim Bauen an den Klimaschutz. Mit „IntelliGens“ – Betonung auf Gens (Menschen) – und zwar „Natural. Artificial. Collective.“

Unter diesem Motto der 19. Architekturbiennale in Venedig erwandert man im endlosen Mauerschlauch des Arsenale über 300 Projekt-Beispiele von 750 Architekten und Wissenschaftlern. Sie reichen vom Vorbild einer einfachen Laubzweige-Hütte im Amazonas bis zum Dach aus Blätterfäden getrockneter Bananenstauden in Indien. Natürliche Materialien aus der Region sind der Grundstoff einer „Baubotanik“. Hölzer aller Sorten feiern den Triumph einer „Baumarchitektur“, vom Südtiroler Chalet-Dorf auf Stelzen im Wald bis zum mehrgeschossigen Baumwohnhaus der TU München. KI hilft überall mit. In Shanghai bauen Mensch und Roboter gemeinsam ein Dach aus Taifun-Windbruch. Ermutigt und ob der Dichtheit der Ausstellung erschöpft, erholt man sich bei einem Espresso aus pflanzlich gereinigtem Wasser aus dem Arsenale-Becken.

In den Giardini setzt sich der Klimaschock im Deutschen Pavillon mit Hitzekammer und Wärmekamera fort, ehe man in begrünt gekühlten Videostädten zu „Action now!“ aufgefordert wird. Herausragend das Projekt daneben im Kanada-Pavillon, wo mit Technik der ETH-Zürich Türme aus Mikroben wachsen, die Kohlendioxid binden. Im belgischen Pavillon wächst ein sensorbestückter Wald, der den Bäumen Autonomie gibt, Wasserzufuhr zu steuern. Großbritannien arbeitet seine koloniale Vergangenheit an Sklaven-Höhlen in Kenia ab.
Den Österreich-Pavillon haben Michael Obrist, Sabine Pollak und Lorenzo Romito zur „Agency for Better Living“ erklärt. Auf der einen Seite wird der Wiener Gemeindebau gefeiert, gegenüber die devastierte Wohnlandschaft Roms angeprangert. Der für Kunst und Kultur zuständige Vizekanzler Andreas Babler und Wiens Bürgermeister Michael Ludwig durften bei der Eröffnung am Freitag einig zufrieden sein, wenngleich Architekt Obrist mahnt: „Das Servicesystem Wien fördert zu wenig ziviles Engagement und wird als normal wahrgenommen und nicht in seiner Fragilität. Wir haben aber eine enorm wachsende Stadt und das Bauen wird teuer – das ist eine Alarmstufe.“ Für den Vergleich mit Rom hat man beim Eingang zwei Wände mit Gucklöchern aufgezogen. „Mit der symmetrischen Teilung des Pavillons stellen wir zwei Wohnungssysteme gegenüber, die mit der IntelliGens der Biennale gemeinsam ein neues Wissen hervorbringen sollen“, erklärt Architektin Pollak den Eingriff in den vor 91 Jahren eröffneten Pavillon.
„Ich wohne, daher bin ich!“, hat Biennale Präsident Pietrangelo Buttafuoco bei der Eröffnung der Biennale die Bedeutung der sicheren Unterkunft philosophisch als Grundrecht bestärkt und dies pathetisch auch für die Menschen in Gaza und in der Ukraine geltend gemacht. Das Musterbeispiel des Gemeindebaus des „Roten Wien“, der Karl-Marx-Hof, wird auch in den Neuen Prokuratien am Markusplatz gewürdigt. Dort gilt eine Schau dem Architekten Harry Seidler (1923-2006), der vor den Nazis von Wien nach Australien fliehen musste und 1995 den Wohnpark Neue Donau in Wien entwarf.
Für Österreich stark aufgezeigt hat wieder Architektin Jana Revedin, die bereits zum 18. Mal Global Awards für nachhaltige Architektur verlieh und die Preisträger aus Marokko, Ecuador, Vietnam, Frankreich und Deutschland auf einem Symposium und mit einer Gala feierte.
Weil der Zentralpavillon umgebaut wird, sind viele Ausstellungen über ganz Venedig verteilt. Nicht entgehen lassen soll man sich auf der Insel San Giorgio Maggiore in der Fondazione Cini die Entwürfe von Stararchitekt Jean Nouvel für den Umbau von Cartier in Paris. In der Fondazione Querini Stampalia wird ein Museum in Riad in Saudi Arabien vorgestellt, das Schiatarella aus Rom für 35 Studios für lauter KI-Künster entworfen hat. Venedig stellt sich in den Giardini als Stadt mit 120 Bibliotheken vor und in den Arsenale mit Zukunftsprojekten in Stadt und Lagune als „Intelligent Venice“.
19. Architekturbiennale von Venedig: „Intelligens. Natural. Artificial. Collective.“, 10. Mai bis 23. November. www.labiennale.org

