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Industrie 4.0. Ich lebe, um zu arbeiten, ich arbeite, um zu leben

Was bleibt von den Babyboomern inmitten der vierten industriellen Revolution? Ein Gespräch über Patriarchen, Ängste und Digitalisierung.

Roland Sommer: "Die Babyboomer, das sind manchmal noch Patriarchen, die kraft ihrer Position in der Hierarchie entscheiden. Das funktioniert bei den Jungen nicht mehr." © Jürgen Fuchs
 

Gut, so eine Plattform gibt es weltweit nicht. Dafür war der Anfang auch nicht ganz einfach, wie Roland Sommer, Geschäftsführer der Plattform Industrie 4.0 sagt: „Aber es war extrem wichtig, dass wir hier einen gemeinsamen Nenner finden.“ Alle Akteure inmitten der vierten industriellen Revolution haben hier ihren Platz gefunden, und das macht die Plattform so einzigartig: Ministerium genauso wie Arbeitgeber und Arbeitnehmervertreter, 51 Mitglieder insgesamt.

Der Verein „Industrie 4.0 Österreich“ hat sein Ziel so definiert: „Das Ziel ist, die neuen technologischen Entwicklungen und Innovationen der Digitalisierung (Industrie 4.0) bestmöglich für Unternehmen und Beschäftigte zu nutzen und den Wandel für die Gesellschaft sozial verträglich zu gestalten ... Zur Steigerung des zukünftigen Wohlstandes für alle Menschen in Österreich.“

Das mag pathetisch klingen, ist aber wichtiger denn je: Die Babyboomer, die die Industrie zu dem gemacht haben, was sie heute darstellt, kämpfen um die Deutungshoheit ihrer Lebensleistung. Was bleibt von ihnen angesichts von Digitalisierung und Automatisierung? Ihre Welt, wie sie die Babyboomer kannten, verändert sich rasend schnell. Plattform-Geschäftsführer Roland Sommer hat sich damit auseinandergesetzt und zeichnet ein differenziertes Bild – er sagt über ...

... den Generationswechsel von den Babyboomern zu Y, Millennials und Z: „Sie sind unglaublich gute Kompetenzträger. Aber sie erleben neben Digitalisierung und Automatisierung einen ganz anderen Wandel. Die Babyboomer haben gesagt: ,Ich lebe, um zu arbeiten‘. Die nachfolgenden Generationen sehen das umgekehrt. Die Jungen leben das ganz anders und fordern das auch ein.“

... die Lücke, die die Babyboomer hinterlassen werden: „Das ist die größte ­Herausforderung, die Arbeitsmärkte der Höher- und Hochqualifizierten sind in anderen Ländern schon leergefegt. Firmen wie BMW holen zum Beispiel gerade pensionierte Ingenieure zurück.“

... die Tatsache, dass die Babyboomer mit den anstehenden Pensionierungswellen der geburtenstarken Jahrgänge genau das beschleunigen, was sie am meisten fürchten: Digitalisierung und Automatisierung: „Ich glaube nicht daran, dass deshalb die meisten Jobs wegfallen. Es gibt eine Untersuchung von 700 Jobs in der Industrie, um abzuschätzen, wie stark diese automatisierbar sind. Es gab eine Schlussfolgerung, dass 98 Prozent wegfallen. Aber wir sehen das anders: Die meisten Jobs werden bleiben, nur die Tätigkeitsprofile ändern sich. Das wollen wir mit der Plattform zeigen. Es werden bei Weitem nicht so viele Jobs ersetzt, wie man prophezeit – außer bei Routine- oder manuellen Tätigkeiten, die von Maschinen übernommen werden können. Digitale Assistenzsysteme werden auch immer besser.“

... ein internationales Beispiel, das beweisen soll, dass der Mensch trotz Digitalisierung und Automatisierung nach der Babyboomer-Ära mehr als eine Nummer sein wird: „Toyota hat sehr stark in der Produktion automatisiert. Bis man die Auswirkungen, die es hat, wenn man nur automatisiert und die Maschinen arbeiten lässt, erkannt hat. Algorithmen können nur bis zu einem gewissen Grad denken, da muss man relativieren. Wenn ein Computer jeden Schachspieler besiegt, dann heißt das nicht, dass dieser Computer im übertragenen Sinne auch staubsaugen kann. Man hat festgestellt, dass man ausschließlich mit Algorithmen nicht weiterkommt – die können nicht um die Ecke denken wie ein Mensch und Lösungen in komplexen Problemstellungen bewältigen. Die Konsequenz war bei Toyota, dass die Firma wieder mehr Menschen eingestellt hat.“

... die Auswirkungen, die die vierte industrielle Revolution in der Industrie hat: „Es geht um die Auswirkungen auf nicht technologische Faktoren. Auf die Organisation der Arbeit, die Verantwortung, die Bonussysteme. Weil sich da sehr viel verändert. Weg vom Produkt, hin zu einer Dienstleistung. Das stellt die Kostenrechnung vor massive Herausforderungen. Die herkömmlichen Kostenrechnungssysteme funktionieren nicht mehr, genauso wenig wie schablonenartige Belohnungssysteme.“

... über den Wissenstransfer von den Babyboomern zu den nachfolgenden Generationen: „Eine Vorarlberger Firma ist gerade dabei, dieses immens wichtige Wissen ihrer Babyboomer mithilfe von einfachen Fragen und den ­Babyboomer-Antworten in ein System mit ,Machine ­Learning‘ und künstlicher Intelligenz einzuspielen. Die Spracherkennungssoftware wird immer besser, weil sie im Kontext agieren kann – also Zusammenhänge erkennt.“

... über die neue Führungskultur: „Die große Herausforderung ist, dass die Organisation mitzieht. Wir nennen es Führung 4.0. Wir leben in einem postheroischen Zeitalter. Die Babyboomer, das sind manchmal noch Patriarchen, die kraft ihrer Position in der Hierarchie entscheiden. Das funktioniert mit den Jungen nicht mehr. In Personalabteilungen glauben viele noch, dass es reicht, zu rekrutieren und Gehälter zu zahlen. Wenn ich heute ein Fachmann auf dem Gebiet künstliche Intelligenz bin, dann kann ich mir die Jobs aussuchen. Dann müssen sich die Unternehmen bewerben.

Die Plattform ­

Roland Sommer Foto © Jürgen Fuchs
Der Verein „Industrie 4.0 Österreich“ wurde 2015 gegründet. In ­einem breiten Schulterschluss wirken wichtige gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche und wissenschaftliche Akteure an der Gestaltung der zukünftigen Produktions- und Arbeitswelt aktiv mit. Damit soll ein Beitrag zur Steigerung des zukünftigen Wohlstandes für alle Menschen in ­Österreich ­geleistet werden.

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