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Interview„Der 8-Stunden-Job ist heute passé“

Ronald Hanisch, Digitalisierungsexperte aus Velden am Wörthersee, sieht für Ältere und Babyboomer ­keineswegs schwarz – doch ohne sich neu zu erfinden, wird es nicht gehen. Dafür sieht er neue Chancen für ­Frauen.

Ronald Hanisch: "Ob ich als Mann, Frau oder ­Intersexueller blogge, ist egal." © (c) ©HelgeBauer
 

Wie überleben wir die Digitalisierung?
RONALD HANISCH: Es geht zuerst ­einmal darum zu verstehen, dass die Digitalisierung nichts anderes ist als eine Abbildung der Welt, wie wir sie kennen  – nur in digitaler Form. So reduziert sich die Angst, denn es kommt ja nichts Neues. Wir können die Digitalisierung nutzen, um die Dinge schneller und effektiver zu machen.

Aber sie stellt die Dinge, wie wir sie kennen, auf den Kopf?
Ja, auch im Positiven: Frauen etwa finden viele Möglichkeiten vor, die sie früher in dieser Form nicht hatten. Weil Männerdomänen das verhindert haben. Die Digitalisierung macht das Arbeitsleben weiblicher. Über die Anonymisierung und mehr Mobilität bieten sich neue Chancen, Hürden brechen weg. Ein Beispiel: Ob ich einen Blog als Mann, Frau oder Intersexueller schreibe, ist egal.

Das war im analogen Leben noch anders?
Da war es noch oft so, dass bei Bewerbungen die Hürde, Frau zu sein, groß war. Das sind Vorteile der Digitalisierung. Es fallen aber auch viele Jobs weg – die typischen Sachbearbeiterstellen wird es in Zukunft nicht mehr geben. Die Anforderungen an Mitarbeiter erhöhen sich massiv.

Haben Sie ein Beispiel?
Die Verschmelzung von Arbeit und Freizeit hat ja bereits stattgefunden – vieles verschwimmt. Ich lebe es selbst vor: Ich sitze am Strandbad in Velden, checke dort eine Stunde lang meine E-Mails, gehe danach mit meinem Sohn auf ein Eis, bevor ich eine Telefonkonferenz habe.

Sie scheint es nicht zu belasten – andere wollen klare Grenzen ziehen.
Ich kenne auch junge Leute, die wollen nur von 8 bis 16 Uhr am Schreibtisch sitzen und sich abgrenzen.

Haben die noch Zukunft?
Nein. Der 8-Stunden-Job ist passé. Der Gesetzgeber ist nun gefordert, die Rahmenbeingungen so anzupassen, dass sie dem realen Leben entsprechen. Auch Unternehmer sind aufgerufen, sich mehr zu zeigen: Viele liefern wunderbare Qualität, nur kaum einer weiß es.

Es fehlt ihnen an Selbst­bewusstsein und Inszenierung?
Es geht darum zu zeigen, dass die eigene Leistung etwas Besonderes ist, dass da Herzblut drinsteckt und Emotionen im Spiel sind. Inszenierung, authentisch präsentiert, ist einer der wichtigsten Faktoren in digitalen Zeiten. Was auch ein Problem ist: Wir zeigen uns viel zu statisch, brauchen mehr Bewegtbilder in der Darstellung.

Ronald ­Hanisch mit Kleine-Zeitung-Redakteur und Mitglied der Chefredaktion, Uwe Sommersguter Foto © (c) ©HelgeBauer

Wenn man Ihnen so zuhört, glaubt man fast, es geht künftig mehr um den Schein als ums Sein?
Schein hieße, etwas vorzutäuschen, das man gar nicht kann. Genau darum geht es nicht. Natürlich, es gibt viele Blender am Markt, aber über einen längeren Zeitraum setzt sich Qualität immer durch – das war schon immer so.

Die Digital Natives tun sich mit der neuen Arbeitswelt naturgemäß leichter. Was bedeutet das für ältere „Digital Immigrants“?
Digital Natives sind im Ab­arbeiten am Computer um vieles schneller. Die Jungen sind schneller, die Erfahrenen kennen allerdings die Abkürzung. Ältere haben eine deutlich ausgeprägtere soziale Kompetenz. Die müssen sie nutzen, denn die fehlt vielen Jungen – noch. Es geht um eine Arbeitsteilung zwischen Älteren und Jüngeren. Die Älteren sollen auf ihre Fähigkeiten vertrauen und können Leistungen jüngerer Digital Natives zukaufen.

Führt ein Weg für Ältere daran vorbei, sich mit den vielen digitalen Trends zu beschäftigen?
Mit der Fülle an Themen sind wir komplett überfordert. Es ist wirklich schwierig, sich allein in der Welt der sozialen Plattformen zu bewegen – je nachdem, wie das Business ausschaut.

Mit welchem Mindset sollten Ältere in die restlichen 10, 15 Jahre ihres Arbeits­lebens gehen?
Ich kenne einige, die in der Blase der Vergangenheit leben. Nur: So wie es vor zehn Jahren funktioniert hat, geht es heute einfach nicht. Das Risiko, dass ich wegrationaliiert werde, ist riesig. Wenn ich 20 Jahre immer dasselbe mache, bin ich unbeweglich. Wir müssen beweglich bleiben!

Und wie bleibt man im Arbeitsleben, wie Sie sagen, beweglich?
Indem wir regelmäßig in neue Situationen kommen, gefordert werden. Sich komplett neu zu erfinden, ist natürlich ein harter Prozess. Ein Coach kann einem bei der Selbstfindung helfen. Ich muss mich selbst kennenlernen, für diesen Prozess der Reflexion brauche ich einen Zweiten.

Damit geht es ans Eingemachte: Welche Überlebens­tipps haben Sie für die digitale Arbeitswelt?
Unbedingt offen bleiben: Viele wollen sich lieber auf ihren Lorbeeren ausruhen, statt an sich weiterzuarbeiten. Als Arbeitgeber muss ich mir mehr denn je Mitarbeiter suchen, die dasselbe Ziel verfolgen, Mitreisende. Wenn ich als Arbeitnehmer etwas finde, wo ich sage: „Wow, wo die hinwollen, will ich auch hin“, ist das eine Win-win-Situation mit dem Arbeitgeber.

Wohin geht die Reise unserer Gesellschaft?
Viele bekannte Jobs werden letztlich wegfallen, etwa Jobs wie jener des Taxifahrers, von dem man es sich heute kaum vorstellen kann, wie es ohne gehen wird. Andererseits kommen viele neue Jobs, von denen wir heute noch keine Idee haben, hinzu.

Sie sind 45. Sie machen sich keine Sorgen?
Ganz im Gegenteil. Meine Tätigkeit als Berater ist umso willkommener, je mehr Erfahrung ich mitbringe. Je älter ich werde, desto beliebter und gefragter werde ich.

Zur Person

­Ronald Hanisch, geb. 1973 in Bruck an der Mur, ­absolvierte eine Lehre als Fein-mechaniker, ­spielte wettberbsmäßig Volleyball, machte die Werkmeisterschule für Maschinenbau, vertiefte sich in professionelles Projektmanagement, dann ­begann er mit dem Coaching von Managern und Führungskräften. 2007 machte er sich selbstständig als Unternehmens­berater. Er ­betätigt sich auch  als Autor.

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