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Job-Serie

"Man muss zum Forscher geboren sein"

Biochemiker Frank Madeo über die Härten des Forscherlebens und den Rausch im Labor. Teil XXXIII unserer Serie zu Traumberufen - zwischen Illusion und Wirklichkeit.

© KLZ/Hassler
 

Vom amerikanischen "Time"- Magazin bis zum russischen "Playboy": Im letzten Jahr war Biochemiker Frank Madeo Gesprächsthema auf der ganzen Welt. Diesen Ruhm bescherte ihm ein körpereigener Stoff, der Spermidin heißt, nicht nur (aber auch) in Sperma vorkommt und möglicherweise ein Mittel gegen das Vergessen sein könnte. Spermidin startet im Körper nämlich einen Aufräumprozess, der die Abfallprodukte, die sich in Zellen ansammeln und zu Alterserkrankungen wie Demenz führen, abtransportiert und so das Gehirn "verjüngt". Sieben Jahre Forschung stecken hinter dieser Erkenntnis - und ein ganzes Forscherleben.

Ist Forscher ein Beruf, von dem man schon als Kind träumt?

FRANK MADEO: Ich wusste mit 13 Jahren, dass ich Forscher werden wollte. Ich wusste auch, dass ich Biochemiker werden will. Ich hatte ein Buch über Gentechnik gelesen, das hat mich total fasziniert. Ich habe gewusst, das ist es. Was mich an der Naturwissenschaft so gereizt hat, war, dass man entweder recht oder unrecht hat. Ich habe lieber unrecht, als ständig um den heißen Brei zu reden.

Braucht es also tatsächlich einen intrinsischen, angeborenen Forschergeist?

MADEO: Absolut. Man muss Überzeugungstäter sein und lieben, was man tut. Es braucht den unbedingten Willen, die Wahrheit herauszufinden - da ist schon viel an Idealismus gefordert. Ich glaube, dass man dafür geboren sein muss - sonst hält man nicht durch.

Wann haben Sie begonnen, Ihre Ausbildung Richtung Naturwissenschaft auszurichten?

MADEO: Ich war ein schlechter Schüler, immer an der Kippe zum Sitzenbleiben. In Physik gab es dann aber etwas, was mich interessiert hat - und plötzlich war ich in diesem Fach ein guter Schüler. Und das war ein sehr gutes Gefühl, denn plötzlich gab es Anerkennung, indem ich systemkonform war. Dann kam Bio dazu, das fand ich superspannend. Und irgendwann war ich Naturwissenschafts-Fan.

Der Weg ins Forscherleben ist ein harter: Stellen- und Geldmangel, befristete Verträge, ständige Ungewissheit, wie es weitergeht - wie schwierig war es für Sie?

MADEO: Es war sehr hart: Ich hatte bis zu meinem 40. Lebensjahr keine Dauerstelle. Davor hatte ich oft Verträge für ein halbes Jahr und saß ständig auf dem Schleudersitz. Das ist sehr anstrengend. Aber gleichzeitig kämpft man nur dann richtig gut, wenn man mit dem Rücken zur Wand steht - ich habe verbissen gekämpft, denn ich wusste, ich stehe sonst in einem halben Jahr auf der Straße. Das war ein Antrieb, ein gemütlicher Weg ist es aber sicher nicht.

Und warum ist das Forschersein dennoch Ihr Traumberuf?

MADEO: Man hat so viel Freiheit wie sonst nur ein Künstler. Man kann erforschen, was man will und wann man will. Und du bist in der Lage, so etwas Komplexes wie molekulare Prozesse im Körper zu kapieren. Das ist faszinierend. Gleichzeitig hat man auch allen Stress der Welt, denn es gibt ständig Konkurrenten, die das Gleiche machen wie du und es vor dir herausbringen. Es gibt in der Wissenschaft keine Silbermedaille. Wenn die anderen vor uns publizieren, habe ich Jahre der Forschung und Fördergelder in den Sand gesetzt.

Die Ergebnisse zur Wirkung von Spermidin auf das Gedächtnis haben für großen Wirbel gesorgt - ist diese Beachtung, das Zitiert-Werden der Lohn des Forschers? Oder woher beziehen Sie Ihre Glücksmomente?

MADEO: Es gibt viele Löhne. Einer ist, einen fantastischen Effekt im Labor zu sehen - wenn ein Experiment so funktioniert, wie du es gehofft hast, das ist ein rauschartiger Moment. Und natürlich: Keiner ist frei davon, den Ruhm zu genießen, den man erntet. Aber die größte Befriedigung ist, wenn du am Ende des Tages Menschen helfen kannst. Der erste Patient, der vor dir steht und sagt "Ich habe Demenz und deine Forschung ändert mein Leben", der ändert wiederum für dich alles.

Die Stimmung hier im Labor ist sehr locker und freundschaftlich - braucht universitäre Forschung keine starre Hierarchie?

MADEO: Ich eröffne meine Vorlesungen mit dem Satz: Wir sind hier, um uns zu amüsieren. Denn wenn wir Geld verdienen wollten, hätten wir Wirtschaft studiert. Wir arbeiten wahnsinnig hart, aber eine gute Atmosphäre ist für mich sehr wichtig und ich sage keinem, wann er zu kommen oder zu gehen hat. Und der Erfolg gibt uns recht: Wir sind die meistzitierte Gruppe an der Uni Graz.

Ist es Ihnen ein Anliegen, junge Leute zur Karriere in der Forschung zu motivieren?

MADEO: Ich bin da sehr zwiegespalten. Forschung ist nicht für jeden etwas und ich kenne viele Kollegen, die gescheitert sind. Deshalb muss jeder selbst wissen, ob er den Weg gehen will. Aber ich glaube, wenn du motiviert bist, begabt und hart arbeitest, kannst du es schaffen. Aber es braucht eine Summe widersprüchlicher Charakterzüge, um in der Wissenschaft erfolgreich zu sein: Man muss eine zähe Inspiration an den Tag legen. Und in der Regel sind Leute, die zäh sind, nicht so sehr inspiriert, und die großen Kreativen sind nicht so zäh. Es reicht nicht, die gute Idee zu haben, man muss sich ins Labor stellen und sie durchackern.

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