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FamiliensacheVon der Schmiede zur Maschine

Bis 2025 stehen zehntausende Familienbetriebe vor der Übergabe. Zwei Familien erzählen, wie man den elterlichen Betrieb in ein neues Zeitalter führen kann.

Vater und Sohn, Franz und Michael Gaugl, Senior- und Juniorchef © (c) Juergen Fuchs (FUCHS Juergen)
 

Der Dreißigjährige Krieg war noch nicht überstanden, als der Grundstein des heutigen Landmaschinenbetriebs Gaugl in Vorau gelegt wurde. Das älteste steirische Familienunternehmen fand seinen Geburtsstall im Jahre 1628 in einer kleinen Schmiede am Fuße der Lafnitz. Sie entspringt nur wenige Kilometer weiter nördlich. Ein zartes, schmales Bächlein ist diese Lafnitz dort im steirischen Joglland zunächst. Doch die Kraft des Wassers reichte der Schmiede als Energiespenderin im Fluss der Zeit.

Geführt wird der Familientrieb betrieb heute mittlerweile in der zwölften Generation. Ein dünner Schleier legt sich hier über die Wiesen, die Baumwipfel torkeln ganz leise durch die würzige Morgenluft. In der Werkstätte der Gaugls herrscht Hochbetrieb. Für den 39 Jahre alten Juniorchef Michael Gaugl und seinen Vater, Seniorchef Franz Gaugl (65), ist es bereits Mittag.

Ihr Betrieb wurde zwischen Seuchen und Hungersnöten gegründet. Wie lässt sich diese lange Tradition zurückverfolgen?

FRANZ GAUGL
: Der ehemalige Bibliothekar des Stifts Vorau, Ferdinand Hutz, hat für uns vor 20 Jahren in verschiedensten Archiven geforscht. Durch meine Gattin, die an der Hauptschule Vorau unterrichtete und sich seit jeher für die Ahnenforschung interessiert, kamen wir mit ihm in Kontakt. Anhand von Familienchroniken und Finanzaufzeichnungen ließ sich unsere Geschichte zurückverfolgen. Ein gewisser Augustin Gaugl aus Strallegg kam eines Tages im Jahre 1628 hier nach Vornholz und kaufte das bereits bestehende, ursprüngliche Anwesen „Schmied auf der Eben“, das nicht weit von hier bis heute steht.

Historischer Lehrbrief aus dem Familienarchiv Foto © (c) Juergen Fuchs

Das Familienunternehmen Gaugl lernte gehen, bevor es motorisierte Räder gab. Die Metamorphose von der Schmiede zum Landtechnikbetrieb vollzog Franz Gaugls Vater, nachdem er im Krieg mit den Motoren von Flugzeugen in Kontakt kam. Nach der Heimkehr errichtete er sich eine neue Existenz.

FRANZ GAUGL: Erst Ende der 1960er-, Anfang der 1970er-Jahre ist die Mechanisierung der Landwirtschaft in unserer Gegend schließlich so richtig in Schwung gekommen. Für viele war es nicht vorstellbar, dass sich der Traktor durchsetzen kann. Er galt nämlich als schweres und dreckiges Gerät. Außerdem schreckte der Preis ab. Mehr als einen Traktor im Leben zu besitzen, schien unmöglich zu sein. Natürlich kam es ganz anders.

War für Sie von vornherein klar, dass Sie den Betrieb Ihres Vaters weiterführen werden?

MICHAEL GAUGL: Ja! Ich kann mich noch an die ersten Ausfahrten und Lieferungen mit meinem Vater erinnern. Die Technik des Traktors dient nicht bloß der Fortbewegung, sondern ist zu etwas nützlich. Das faszinierte mich seit jeher. 

Der Traktor ist für beide weniger Maschine, vielmehr ein Uhrwerk. Man kann sich auf ihn verlassen. Er liefert Leben. Das Weiterleben der Familientradition wird hier dennoch nicht erzwungen. Michael Gaugl kann aber seinen Sohn, die jüngste Generation, gar nicht davon abhalten, bereits vor der Schule in der Werkstatt zu schrauben.

Können Generationenbetriebe in der schnelllebigen, globalisierten Welt von heute überhaupt Schritt halten?

FRANZ GAUGL: Früher hat der Verkauf vor dem Haus oder auf Messen stattgefunden, heute wird eben über das Internet angeboten. Der Kreis und die Reichweite unseres Betriebs mussten also mit der Zeit größer gedacht werden. Früher war der Betrieb auf die angrenzenden Ortschaften beschränkt, heute verkaufen wir bis an die ungarische Grenze. 

MICHAEL GAUGL: Auslädische Händler kommen ein paar Mal im Jahr zu uns, um Großlieferungen abzuholen. Unsere Produkte gibt es heute also sogar in Polen.

Was hat sich in den letzten 20 Jahren konkret verändert?

FRANZ GAUGL: Der Weltmarktpreis diktiert heutzutage das Geschehen. Alles wird enger und größer. Früher hat jeder Bauer seine eigene Kuh, jede Landwirtschaft ihre eigenen Maschinen gehabt. Die Fläche ist zwar noch immer die gleiche, aber heutzutage übernehmen einige wenige Firmen die Bewirtschaftung.

Michael Gaugl (links) führt den Betrieb „Landmaschinen Gaugl“ bereits in der 12. Generation Foto © (c) Juergen Fuchs (FUCHS Juergen)

Die globalisierte Welt spricht eine gemeinsame Geschäftssprache. Das war nicht immer so, wie sich Gaugl senior erinnert. Als sich der Eiserne Vorhang lüftete, kamen erste ausländische Kunden aus Szentgótthard. Bezahlen wollten die Käufer mit Sensen und Sicheln.

Inwiefern unterscheidet sich die Arbeit in einem Familienbetrieb von der Anstellung in einem großen Konzern? Ist die Verantwortung Beglückung oder Bürde?

MICHAEL GAUGL: Unser Familienbetrieb besteht aus vielen kleinen Zahnrädern. Umso wichtiger sind ein fixes Team und Menschen, auf die man sich verlassen kann. Die Fluktuation ist in unserem Unternehmen sehr gering, auch wenn wir nicht jeden bei uns behalten können. Auch im Bereich der Lehrlingsnachfrage haben wir großes Glück. Wir könnten, wenn wir wollten, fünf weitere Lehrlinge, die sich bei uns beworben haben, anstellen. Nicht jeder Betrieb hat diesen Luxus. Vertrauen oder Verantwortung sind zentrale Grundpfeiler. Der Begriff Loyalität hat hier ebenfalls noch Gewicht. Natürlich wird alles härter. Der Produkthandel ist nach wie vor wichtig, aber mit dem bloßen Traktorverkauf ist es lange nicht getan. Vor allem die Dienstleistung und der Kundenservice sind wichtig. Der Vorteil des Familienbetriebs gegenüber größeren Firmen ist, dass Entscheidungen kurzfristig gefällt werden können. Aber früher war es sicher nicht besser, nur anders.

FRANZ GAUGL: Verändern wird sich immer etwas. Veränderung hat es immer gegeben. Wichtig ist, dass man diese rechtzeitig erkennt und darauf entsprechend reagiert. Manchmal braucht man dafür auch die nötige Portion Glück und Zufall.

Die Geschichte der Gaugls ist eine Geschichte von Wasserkraft und Motor. Zeit und Strom. Schmiede und Maschine. Pferd und Pferdestärke. Hufen und Traktorreifen. Seit 390 Jahren wird in der Werkstatt des ältesten steirischen Familienbetriebs repariert und erneuert. Einmal musste man sich den Schrecken des Krieges, einmal die Schmiere des Motors aus dem Gesicht wischen. Es gab Schrammen, verloren ging das Gesicht durch die Jahrhunderte nie.

Familien und ihre Betriebe in Österreich

Mehr als die Hälfte der österreichischen Unternehmen sind Familienbetriebe. Die Frage der Nachfolge ist für viele nach wie vor problematisch.
Laut einer PwC-Studie wollen 88 Prozent der nächsten Generation prägende Veränderungen in ihrem Betrieb erwirken. 69 Prozent würden erfahrene Manager einsetzen, die nicht Teil der Familie sind.



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