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Forschung aus Kärnten - FH„Von Jesus zu Greta Thunberg“

Kulturwissenschaftlerin beleuchtet das Phänomen „everybodies“. Vorbilder lösen in der Gesellschaft Faszination und gleichzeitig auch Hass aus.

Everybodies werden als Teil einer langen Bildtradition gesehen. Zu dieser gehöre auch das Bild von Jesus, so Anna Schober-de Graaf
Everybodies werden als Teil einer langen Bildtradition gesehen. Zu dieser gehöre auch das Bild von Jesus, so Anna Schober-de Graaf © mbolina - stock.adobe.com
 

In Ihrem Vorwort zur aktuellen Publikation „Popularisation and Populism in the Visual Arts“ gehen Sie auf die sogenannten „everybodies“ ein. Was verstehen Sie unter einem everybody?
ANNA SCHOBER-DE GRAAF: Everybodies sind säkulare Figuren der Publikumsadressierung und der Vermittlung. Sie tauchen in der Literatur auf – etwa in der Figur des „Jedermanns“, aber auch in politischen Diskursen und in Bildwelten: von der Malerei bis zum Film. Ich habe mich in erster Linie mit bildhaft inszenierten everybodies beschäftigt. Sie involvieren uns in das Dargestellte und fungieren als Boten, die oft hinter die Botschaft, die sie vermitteln, zurücktreten.

Jesus Christus könnte als einer der populärsten everybodies angesehen werden. Warum?
Everybodies sind Teil einer sehr langen Bildtradition und zu dieser gehört auch das Bild von Jesus. So gibt es eine Darstellungstradition, Jesus als „Allsehenden“ zu malen, der uns im Publikum gleichsam mit den Augen verfolgt – ein Bildmotiv aus dem ausgehenden 15. Jahrhundert, das etwa von Propagandaplakaten Anfang des 20. Jahrhunderts übernommen wurde. Jesus hatte und hat die Funktion, zu vermitteln: zwischen den Menschen und Gott beziehungsweise dem Jenseits.

Würden Sie Greta Thunberg als everybody identifizieren?
Ja, auch politische Figuren wie Greta Thunberg übernehmen die Funktion von everybodies: Sie vermitteln Begehren, zum Beispiel, so viel Zivilcourage wie sie zu besitzen, wahr zu sprechen, Agenden in Bezug auf die Zukunft unseres Planeten in Gang zu setzen. Dieses Begehren kann aber auch in Hass und Ressentiment umschlagen – dann wird man zu ihrem Gegner und sieht in ihr all das verkörpert, was an der Gegenwart unzulänglich ist. Das zeigt, welche große Ambivalenz mit diesen Figuren verbunden ist.

Warum braucht die Gesellschaft everybodies?
Gesellschaft stellt sich nicht von selbst her, sondern benötigt Vermittlungsgestalten – everybodies sind solche Figuren. Eine solche Figur wird in der Soziologie auch als „dritte Person“ bezeichnet. Visuell dargestellte everybodies wenden sich an alle und doch auch speziell an mich als Einzelnen. Sie sprechen mich an und verbinden mich mit anderen zu einer Gemeinschaft, der sie ein Gesicht verleihen. Sie vermitteln zwischen dem Eigenen und dem Fremden oder dem Öffentlichen und dem Privaten.

Inwieweit wirken sich soziale Medien auf die Verbreitung von everybodies aus?
Soziale Medien ermöglichen, dass ein viel größerer Personenkreis solche Figuren in Umlauf setzen kann. Es gibt verstärkt Figuren, die „bottom up“ kreiert und zirkuliert werden und nicht mehr nur die von großen Parteien oder Filmstudios vorgeschlagenen Figuren. Greta Thunberg ist eine solche Figur; auch populistische Führer wie Beppe Grillo, der Leader der italienischen Fünf-Sterne-Bewegung, wurden von der Straße aus zu solchen Resonanzfiguren mit großer Breitenwirkung gemacht. Es gibt heute aber auch virtuelle Stars wie Hatsune Miku, die über das Netz nach Vorlieben von Fans gestaltet wurde und die in Form eines Hologramms Livekonzerte gibt. Zugleich übernehmen gegenwärtig oft Influencer eine solche Funktion.

Wird es irgendwann keine everybodies mehr geben?
Nein, weil wir Begehren und Faszination wie auch Hass nicht aus uns heraus generieren, sondern dafür Vorbilder benötigen, die auch zu Rivalen werden können – was dann dazu führt, dass Begehren in Hass umschlägt. Was wir heute beobachten, ist, dass Einzelne sich oft selbst als everybody vorschlagen, etwa auf Kanälen neuer sozialer Medien, oder sie schlagen ihre Freunde vor. Es gibt hier einen heftigen Wettbewerb, wer mehr Likes bekommt, öfter geteilt wird und so weiter. Nur wenige schaffen es jedoch, eine größere Gefolgschaft zu erreichen, und auch hier kann ein Shitstorm zeigen, wie schnell Faszination zu Hass werden kann. Manchmal kristallisieren sich auf diese Weise mediale Figuren heraus wie Greta Thunberg – die für mehr stehen und überregional und transnational Resonanz zu stiften vermögen. Das sind Phänomene, die mich interessieren – weil everybodies und ihre Inszenierung auch als eine Art Spione gesehen werden können, die viel über die Gesellschaft, die sie vermitteln beziehungsweise polarisieren, aussagen.

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