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Psychologin Jule Specht„Der Job prägt uns mehr als das erste Kind“

Jule Spechts Fachgebiet ist die Persönlichkeit des Menschen. Was sie von „starken Charakteren“ hält, ob es Altersweisheit wirklich gibt und wie uns die Pandemie verändern könnte.

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Frau Specht, umgangssprachlich sagt man bei charismatischen Menschen ja gerne: „Der oder die hat aber Persönlichkeit.´“
Jule Specht: Daran sieht man gut, dass wir Begriffe aus der Persönlichkeitspsychologie auch in der Alltagssprache nutzen, aber zum Teil mit einer ganz anderen Bedeutung. Wenn wir in der Persönlichkeitspsychologie von Persönlichkeit sprechen, ist von vornherein festgelegt, dass jeder eine Persönlichkeit hat. Und nicht der eine mehr oder der andere weniger. Wir haben in der Persönlichkeitspsychologie eine andere Vorstellung davon, was Persönlichkeit ausmacht.

Wie definieren Sie und Ihre Kollegen Persönlichkeit?
Persönlichkeitsmerkmale beschreiben Unterschiede zwischen Menschen in ihrem Denken, Fühlen und Verhalten. Die Persönlichkeit ist die Gesamtheit aller Persönlichkeitsmerkmale, also ein sehr komplexes Konstrukt, das per Definition bei jedem Menschen vorhanden ist.

Jule Specht ist Persönlichkeitspsychologin Foto © Jens Gyarmaty

Zur Person und Buchtipp

Jule Specht ist Professorin für
Persönlichkeitspsychologie an der Humboldt-Universität in Berlin.
Im Buch „Charakterfrage“ (Rowohlt Polaris) spürt sie der Veränderung der menschlichen Persönlichkeit nach.


Kommen wir schon charakterlich fertig auf die Welt – beispielsweise als Zauderer oder Draufgänger? Oder werden wir erst im Laufe unseres Lebens eine Persönlichkeit?
Sowohl als auch. Es ist schon so, dass man bei Kleinkindern beobachten kann, dass sie sich in ihrem Temperament unterscheiden. Menschen neigen dazu, sich auf die eine oder andere Art zu verhalten. Auch zu einem Zeitpunkt in ihrem Leben, wo sie noch gar nicht so viel Erfahrung gesammelt haben, die die Persönlichkeit nun maßgeblich hätte lenken können. Es gibt auf jeden Fall einen Grundstock an Persönlichkeitsmerkmalen, mit dem man schon auf die Welt kommt. Gleichzeitig ist es so, dass man sich im Laufe des Lebens weiterentwickelt. Dabei macht es einen riesigen Unterschied, ob man in einer Lebensumwelt aufwächst, in der man viele Freiräume hat, sich zu entwickeln, oder ob man vielleicht in Angst aufwächst. Das heißt, es gibt immer wieder Lebenserfahrungen, die die Persönlichkeit verändern können. Gleichzeitig gibt es aber eine Prädisposition, eine bestimmte Persönlichkeit zu entwickeln.

Die Coronakrise hat die Welt fest im Griff. Wie wird sie die Menschen verändern?
Letztendlich sind die Folgen der Pandemie für unterschiedliche Menschen auch unterschiedlich, weil wir vorher in unterschiedlichen Leben gelebt haben und unterschiedliche Privilegien genießen konnten. Gleichzeitig sind gewisse Dinge sehr ähnlich. Die Distanz, wenige soziale Kontakte – von dem her ist das eine sehr interessante experimentelle Manipulation aus Sicht der Wissenschaft. Es ist spannend, weil man sieht, wie verschiedene Menschen damit umgehen.

Haben Sie schon Thesen?
Eine Hypothese ist, dass die Ängstlichkeit ansteigen wird. Wir wissen von anderen lebensverändernden Ereignissen wie Naturkatastrophen, dass Ängstlichkeit und Nervosität ansteigen. Es kommt aber auch darauf an, wie sich die Pandemie weiterentwickelt. Ich bin auch gespannt, ob sich die Extraversion verändern wird. Eine Beobachtung, die ich gemacht habe, ist, dass viele nun viel mehr Zeit bei sich zu Hause verbringen und viel weniger ausgehen und dass einige Menschen damit auch gut klarkommen, zum Beispiel weil sie die Zeit mit der Familie schätzen. Auch Firmen denken wegen des Homeoffice um. Es könnte also durchaus sein, dass wir weniger gesellig werden oder neue Routinen entwickeln, unsere Geselligkeit anders als mit körperlicher Nähe auszuleben. Denkbar ist aber natürlich auch das Gegenteil: dass wir nach der Pandemie Nähe noch mehr wertschätzen und umso mehr suchen.

Immer wieder liest man von der Krise als Chance: Ist sie der richtige Impuls zur Veränderung?
Es kann ein guter Ansatzpunkt sein, sich bewusst zu machen, dass nur sehr wenig im Leben ausschließlich schlecht ist. Deswegen verstehe ich diesen Ansatz, so an die Sache heranzugehen. Man muss aber aufpassen, dass es nicht im Optimierungswahn endet und man sich nicht sagt: Jetzt ist Krise, jetzt ist alles anstrengend und jetzt muss ich auch noch das Beste daraus machen. Damit überfordern sich gerade viele. Ruhige, entspannte Phasen sind eher die Zeit, um Pläne zu machen. Ich glaube nicht daran, dass es immer die große Krise braucht, um uns zu hinterfragen, sondern es sind eher die ruhigen Momente, in denen es uns gut geht. In denen wir die Ressourcen frei haben, um ein bisschen systematischer darüber nachzudenken, wer wir sind und wo wir stehen.

Ruhige, entspannte Phasen sind eher die Zeit, um Pläne zu machen.

Jule Specht, Persönlichkeitspsychologin


Welche Lebensereignisse verändern den Menschen am meisten?
Analysen zeigen, dass es vor allem berufliche Lebensereignisse sind, die die Persönlichkeit prägen. Studien belegen, dass es einen maßgeblichen Effekt auf die Persönlichkeitsentwicklung hat, wenn Leute in den Beruf einsteigen, wenn sie den Job wechseln oder wenn sie im Unternehmen aufsteigen. Überraschenderweise hat es einen sehr überschaubaren Effekt, wenn familiäre Ereignisse passieren, wie zum Beispiel die Geburt eines Kindes. Wir passen unsere Rolle eher im Beruf an, um den Anforderungen zu entsprechen, und werden so zum Beispiel gewissenhafter.

Zu guter Letzt: Gibt es Altersweisheit?
Natürlich, es gibt Personen, die viel Erfahrungen gesammelt haben und als weise bezeichnet werden können. Gleichzeitig ist fraglich, wie eng das mit dem Alter verbunden ist. Vielleicht gibt es im Schnitt auch mehr ältere weise Menschen als junge, aber letztendlich wird es auch als Persönlichkeitsmerkmal aufgefasst, bei dem es individuelle Unterschiede gibt. Insofern ist die Oma nicht unbedingt die bessere Ratgeberin als vielleicht die beste Freundin, die viel dichter dran ist am Leben und den Interessen desjenigen, der um Rat bittet.


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