Erwerbstätige Pensionisten Wenn Oma und Opa wieder arbeiten gehen (müssen)

Warum immer mehr Firmen auf lang gediente Profis setzen und warum beide Seiten davon profitieren, zeigt eine aktuelle Umfrage sowie ein Blick in das Wiener Generationencafe "Vollpension". Auch die Online-Plattform WisR bringt Alt und Jung erfolgreich zusammen.

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© Jürgen Fuchs
 

Die Zahl der älteren Arbeitnehmer wächst und auch der Anteil der erwerbstätigen Pensionisten nimmt in Österreich zu. Das Beratungsunternehmen Deloitte hat mit dem Wiener Generationencafé Vollpension über 200 Unternehmensvertreter sowie 250 Personen ab 60 Jahren zu Erwerbsarbeit im Alter befragt.

Unter „Senior Hires“ versteht man erwerbstätige Personen über 60 – unabhängig davon, ob diese bereits eine Alterspension beziehen. Die Befragung belegt: 90 Prozent der Unternehmen rechnen damit, dass die Erwerbsarbeit in der Pension an Bedeutung gewinnen wird. 

So wird zwar die Relevanz des Themas erkannt, es mangelt aber noch am entsprechenden Angebot: 71 Prozent der Unternehmensvertreter sowie 86 Prozent der Befragten ab 60 Jahren glauben, dass Jobangebote für Senior Hires der Nachfrage nicht gerecht werden.

Bewegung im Arbeitsmarkt

Der Arbeitsmarkt kommt aber in Bewegung: 84 Prozent der Unternehmen geben an, Personen über 60 zu beschäftigen, fast die Hälfte der Betriebe arbeitet mit Pensionisten zusammen.

Wie bei Oma: ein Platz für Alt und Jung Foto © Jürgen Fuchs

Schmeckt wie bei Oma

Im Generationencafe Vollpension ist die Zusammenarbeit und das Zusammensein zwischen Alt und Jung das Gebot der ersten Stunde. Omas und Opas, Seniorinnen und Senioren haben in der Vollpension die Möglichkeit, sich etwas Geld dazuzuverdienen - und in ungezwungener Atmosphäre mit anderen und vor allem auch jüngeren Menschen in Kontakt zu treten.

„Früher waren die Älteren fix im Familienverband eingebunden, man hat sich um sie gekümmert. Heute sehe ich selbst, dass viele Pensionisten, vor allem in der Stadt, schwer Anschluss finden und komplett vereinsamen“, sagt Hannah Lux, die schon seit den ersten Stunden der Vollpension dabei ist.

Hannah Lux, seit der ersten Stunde bei der Vollpension dabei Foto © Jürgen Fuchs
Was 2012 als soziales Projekt mit dem Ziel, die Gemeinschaft und Gemütlichkeit zu fördern, begann, hat sich im wahrsten Sinne des Wortes als Erfolgsrezept erwiesen. „Man möchte gar nicht glauben, wie viele Senioren an der Armutsgrenze leben oder sich einfach nach Kontakten oder Gesprächen sehnen“, sagt Hannah Lux.

Und auch auf die aktuelle Corona-Situation hat man sich hier eingestellt, so bietet man eine Tortenzustellung innerhalb Wiens an. Wer sich aber lieber selbst versuchen will, kann die Zubereitung seiner Lieblingsmehlspeise in Online-Live-Backkursen lernen. Beispielsweise Vegane Zitronenschnitten mit Fraz Christine oder Kardinalschnitten mit Herrn Gerhard.

Nicht mehr müssen, aber wollen

Für viele bricht eine Welt zusammen, wenn ihnen der Staat sagt, dass sie alt sind und jetzt in Pension gehen müssen“, holt Klaudia Bachinger von WisR ("weiser") aus, eine Online-Jobplattform für nimmermüde Pensionisten, die im Juni 2017 gestartet ist.

Der Ansatz: Aktive Senioren - „Silver Ager“ - können ihr Profil posten und ihre Erfahrung in projektbasierten, saisonalen sowie Teilzeitjobs anbieten. Auf der anderen Seite können Firmen auf der Plattform erfahrene Mitarbeiter rekrutieren.

Ziel ist es, die öffentliche Wahrnehmung des Alters zu verändern und zu zeigen, dass Menschen auch in einer fortgeschrittenen Lebensphase für den Arbeitsmarkt wertvoll sind. Ein Umstand, der auch mit Zahlen belegbar ist. Im Schnitt fühlen sich Menschen im Pensionsantrittsalter um 15 Jahre jünger. Oder: Ein 60-jähriger Mensch hat heute das biologische Alter eines 40-Jährigen von vor 100 Jahren.

Pension - Depression

Die Mutter der Idee zu WisR, Klaudia Bachinger, hat sich in ihrer Vergangenheit als Videojournalistin schon oft mit der Frage beschäftigt, wie die Zukunft der Arbeit aussehen wird. Mit 29 Jahren kündigt sie ihren Job und pilgert nach Rom. „Auf den 750 Kilometern habe ich so viele Pensionisten getroffen, die mir erzählt haben, dass sie nicht so recht wissen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen“, erzählt die 32-Jährige.

Als schließlich auch Bachingers Großmutter, eine Landwirtin mit Leib und Seele, die ihre Waren auf dem Bauernhof vertrieb, in Pension geschickt und in Folge depressiv wird - kommt der Enkelin die zündende Idee: eine Plattform, wo Senioren noch Jobs finden können. Über einige Umwege findet sie schließlich Zahlenjongleurin Carina Roth, die ebenfalls neue Wege gehen will.

Klaudia Bachinger, Carina Roth und Susanne Stuppacher Foto © Juergen Fuchs
„Wobei sich die Senioren grundsätzlich in zwei Kategorien einteilen lassen“, erklärt Susanne Stuppacher. „Da sind einerseits die Experten. Die Babyboom-Generation konnte ja noch ganz andere und viel steilere Karrieren machen, als es heute möglich ist. Sie wollen ihr Wissen einfach weitergeben. Und dann sind da noch die, die sich einfach etwas dazuverdienen müssen.“

Mit 57 Jahren Job gekündigt

Susanne Stuppacher ist 60 Jahre alt und  Head of Sales und für Human Resources bei WisR zuständig. Zuvor war die Zwillingsmutter bei den Cineplexx-Kinobetrieben im Recruiting. „Bei mir war die Karriereleiter von meinem Chef besetzt. Deswegen habe ich mit 57 Jahren gekündigt.“ Sie selbst ist wohl das beste Aushängeschild für die Plattform. „Ich kann in zwei Jahren in Pension gehen“, sagt sie und lächelt ein kokettes Lächeln.

Nähephase, Honeymoon, Ernüchterung

Dennoch liegt die Frage nahe: Warum können Senioren ihren verdienten Ruhestand nicht genießen? Der amerikanische Soziologe Robert Atchley hat 1971 ein mehrstufiges Modell zum Gemütszustand angehender Pensionisten erstellt.

  1. Circa drei Jahre vor dem Ausscheiden aus dem Berufsleben wird die Pension als ersehnter Urlaub gesehen. In der „Nähephase“, wenn die Pensionierung unmittelbar bevorsteht, kommen erste Ängste und die Frage auf, wie die zukünftige Rolle aussehen wird.

  2. In der dritten, auch „Honeymoon“ genannten, wird die neu erlangte Freiheit intensiv gelebt.

  3. Doch nach dieser folgt die Ernüchterungsphase. „Am Anfang wird noch gereist oder man kümmert sich um die Enkelkinder, aber dann kommt oft das Erwachen“, erklärt Susanne Stuppacher.

Über Arbeit definieren

Obwohl man auch zwischen den Geschlechtern unterscheiden müsse, wie die Stuppacher einwirft. „Männer trifft der Pensionsschock stärker, weil sie sich hauptsächlich über die Arbeit definieren.“ Auch Firmen können die demografische Entwicklung nicht ausblenden.

Immerhin dauert es Jahre, Experten auszubilden. „Pensionisten haben den Luxus, nicht mehr zu müssen, aber zu können. Sie sind schon fast flexibler als Studenten“, so Bachinger. Carina Roth fährt fort: „Ich höre beim Feedback oft, dass es schön ist, dass von uns nur Leute kommen, die wirklich arbeiten wollen.“



 

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