SchirmmacherAlles im Griff: Einblicke in Österreichs letzte Schirmmanufaktur

Sieben Tage Regenwetter können kommen: Die letzte Schirmmanufaktur Österreichs ist wasserdicht gewappnet.

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© Jürgen Fuchs
 

Auf ein leises Klicken folgt ein vollmundiges "Flopp" und Andreas Kirchtags Gesicht verdunkelt sich. So klingen Dinge mit Substanz. "Viele öffnen den Schirm falsch. Die Spitze muss nach unten zeigen, sonst verbiegt man das Gestänge. 80 Prozent unserer Reparaturen sind Bedienungsfehler", sagt Kirchtag im Schatten der wasserdichten Kuppel. Griff aus Esche, Stoff vom Mailänder Krawattenstoffmacher, Gravur am Schieber: "Kirchtag Salzburg".

Lift in eine andere Welt

Der Schirmmacher sitzt in Erzählerpose im nostalgischen Tohuwabohu seiner Werkstatt über Salzburgs Dächern. Draußen im Gang drängen sich Schirmgerippe dicht an dicht, wie eine Aufforderung strecken sie dem Besucher die Griffe entgegen. Ersatzteillager in einer Schirmmanufaktur. Alles ist ein bisserl verstaubt und vom Leben gezeichnet beim letzten Schirmmacher Österreichs, dafür aber umso gemütlicher. Fast möchte man meinen, dass einen der Lift in eine andere Welt hochhebt statt in den vierten Stock eines Salzburger Altbaus.

Das Wetter grenzt an diesem Tag schon an Geschäftsschädigung. Für einen Schirmmacher zumindest möchte man meinen. "Wenn es regnet, kaufen die Leute billige Schirme oder fahren gleich ins Einkaufszentrum. An schönen Tagen haben sie Zeit, um zu gustieren."

Foto © Jürgen Fuchs
Bei den Stöcken kann man aus 25 Holzarten wählen. In der Werkstatt hängen sie aufgefadelt wie ein hölzerner Heizkörper: Birne, Apfel, Hickory . . . Später wird der Stock mit Leinöl eingelassen und ein Jahr lang gelagert. Danach werden die Federn, "das Herzstück eines jeden Schirms", aus Klaviersaitendraht eingeschnitten, montiert und das Gestell eingebunden.
THEMENBILD: SCHIRMMANUFAKTUR KIRCHTAG IN SALZBURG
Foto © APA/BARBARA GINDL

Name, Telefonnummer und E-Mail-Adresse als Gravur

Währenddessen fügen die Näherinnen die Stoffdreiecke mit wasserdichter Kappnaht zusammen. "Viele lassen sich am Ende dann noch Name, Adresse, Telefonnummer und E-Mail eingravieren", so Kirchtag in seiner schnürlregengeraden Art. "Sodass man angerufen werden kann, falls man ihn verliert. Aber ich sage immer: Je mehr die Kunden an der Kasse bluten, desto weniger verlieren sie ihn." Und Kirchtag-Schirme gibt's ab 200 Euro aufwärts. Ein Schirm bedeutet fünf Stunden Arbeit für die beiden Näherinnen und die zwei Gesellen, die man schon von Weitem hören kann - das Rattern der alten Pfaff gepaart mit dem Raunzen von Schleifpapier.

THEMENBILD: SCHIRMMANUFAKTUR KIRCHTAG IN SALZBURG
Foto © APA/BARBARA GINDL
Früher waren hier 300 Schirme am Tag repariert, heute sind es circa 1500 ineinem Jahr. Juniorchef Andreas Kirchtag kann sich noch gut erinnern, wie er als Kind die schweren Schachteln mit den Reparaturen in die Werkstatt hochtragen musste. "Die Schirmkultur ist verkommen. Bei den Festspielen tragen sie die teuersten Kleider. Und bei Regen Billigschirme."

Anders als zu Beginn der Werkstatt im Jahre 1903. 87 Jahre später und in einer ganz anderen Welt ist Andreas Kirchtag ins Geschäft eingestiegen. In einer abstrakten Welt, "in der niemand mehr darüber nachdenkt, woher Dinge kommen". Die Manufaktur konnte nicht mit der Billigkonkurrenz aus Asien mithalten und stellte die Produktion deshalb für einige Jahre ein. Andreas Kirchtag hat's 1994 trotzdem wieder probiert und zwei handgefertigte Herrenschirme ins Geschäft genommen. "Das war an einem Samstag im Mai. Es hatte über 30 Grad und wir hatten nur bis Mittag offen. Und alles, was wir an diesem Tag verkauft haben, waren diese beiden Schirme."