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Walter Hofer: "Man muss auf dem Boden bleiben"

Walter Hofer, FIS-Renndirektor für den Bereich Skispringen, ist in Seeboden aufgewachsen. Der "Herr der Schanzen" über seinen Namen, der nicht seiner ist - und über den harten Job der Athleten.

© AP
 

Ihr Vorname ist laut Wikipedia eigentlich Johann Walter. Wo ist der Johann hinverschwunden?

JOHANN WALTER HOFER: Es gibt keinen Walter.

Wie?

JOHANN HOFER: Ich heiße Johann.

Warum dann Walter?

WALTER HOFER: Eigentlich müsste ich ja schizophren sein. Geprägt wurde ich in der Kindheit auf den Namen Walter. Der ist mir in der Volksschule aber genommen worden, weil in der Geburtsurkunde eben nur Johann steht.

Warum hat man Sie als Kind Walter genannt?

HOFER: Ich bin bei meiner Großmutter aufgewachsen, gemeinsam mit ihren eigenen sechs Kindern. Ihr jüngster Sohn hieß auch Johann. Deshalb hätte ich als Walter eingetragen werden sollen. Aber mein Opa kam mit einer Urkunde von der Gemeinde zurück, in der eben Johann stand. Meine Großmutter hat dann aber entschieden, mich Walter zu nennen.

Unser Interview findet zwischen Ihren Reisen nach Sotschi und Laibach statt. Warum hat der Chef des Skispringens im Sommer so viel Stress?

HOFER: Wir betreuen ständig drei Ebenen. Erstens den Weltcup. Das ist sozusagen unser Tagesgeschäft. Hier müssen wir im Sommer viele Absprachen treffen und Koordinierungsgespräche führen. Zweitens sind es im Rhythmus von zwei Jahren die Weltmeisterschaften. Die dritte Ebene sind die Olympischen Spiele. Ein Beispiel: Wir brauchen für eineinhalb Stunden Olympia-Wettkampf sechs Jahre Vorlaufzeit. Das ist ein großer organisatorischer Aufwand.

Im Winter die Bewerbe, im Sommer die Organisation, wann machen Sie dann Urlaub?

HOFER: Es ist ein angenehmer Nebeneffekt, dass mein Beruf mein Hobby ist. Deshalb beschäftige ich mich auch in meiner Freizeit mit diesen Aufgaben. Zudem habe ich auch noch einen Lehrauftrag an der Uni in Salzburg für Eventmanagement. Ich erhole mich daheim in Salzburg bei meiner Familie. Das heißt aber im Umkehrschluss, dass ich in Salzburg sonst kein soziales Umfeld habe. Dort gibt es keinen Verein, keine Stammkneipe oder so etwas. Wenn ich zu Hause bin, dann bin ich einfach nur zu Hause.

Würden Sie sich als Workaholic bezeichnen?

HOFER: Ich vermute, dass ich das bin, aber ich spüre es nicht. Nur, wenn ich einmal ein paar Tage zum Nichtstun verurteilt bin, dann merke ich, dass mir das überhaupt nicht passt.

Renndirektor der FIS, wie kommt man zu diesem Job?

HOFER: Mit 25 habe ich mich entschieden, meinen Beamtenstatus bei den ÖBB aufzugeben. Ich war immer fasziniert von einem sportlichen Umfeld, war begeisterter Sportler, leider zu wenig talentiert. Und damals habe ich beschlossen, dass ich noch mehr über Sport wissen will. Kurz, mit 26 begann ich zu studieren und habe einen Nebenjob gebraucht. Auf eine Anzeige in der Zeitung hin habe ich beim ÖSV angerufen. In der Nachfolge-Ära von Willi Dungel wurde ein Betreuer gesucht. Am Ende des Studiums war ich schon Konditionstrainer bei den Skispringern.

Wie ging es weiter?

HOFER: Nach vier Jahren wechselte ich ins Ausland, als Trainer der deutschen Mannschaft. Die war sehr erfolgreich, Aushängeschild war Dieter Thoma, mit dem wir die Vierschanzentournee gewannen. Irgendwann hat mir die FIS dann die Möglichkeit eröffnet, ein neues Feld zu betreten. Die Funktion des Renndirektors hat es vorher nicht gegeben, sie wurde mit mir geschaffen. Und diese Funktion übe ich jetzt genau 20 Jahre aus.

In den vergangenen zehn Jahren ist das Skispringen zu einem gewaltigen Wirtschaftsfaktor, zu einer Erfolgsgeschichte geworden. Sind Sie ein bisschen stolz darauf?

HOFER: Na, ja. Man hat einen hohen Befriedigungsgrad wenn man beispielsweise bei Olympischen Winterspielen alle Springer sicher herunten hat und einen strahlenden Sieger sieht. Da weiß man, man hat etwas umgesetzt, was in die Geschichte eingeht. Natürlich macht man solche Arbeit auch aus einem übersteigerten Selbstwertgefühl heraus, man hat Geltungsdrang und Eitelkeit. Man muss halt immer wieder wissen, dass man mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben muss.

Sie sind der Puffer zwischen Athleten, Jury, Trainern und TV-Stationen. Wie bauen Sie diesen Druck ab?

HOFER: Indem man mit sich selbst ausmacht, niemals Entscheidungen aus dem Bauch heraus zu treffen. Jede Entscheidung muss rational begründet sein.

Was war der schönste Augenblick in Ihrer Karriere?

HOFER: Da gibt es einige. Zum Beispiel, als wir bei starkem Schneefall in Nagano 1998 einen Teambewerb durchgeführt haben. Im ersten Durchgang ist Lokalmatador Masahiko Harada zu kurz gesprungen. Deshalb gab es einen Protest der Japaner. Im zweiten Durchgang schaffte Harada den weitesten Sprung und stand mit Tränen in den Augen als Olympiasieger da. 60 TV-Stationen waren in diesem Moment live drauf. Das sind dann schon schöne Momente.

Und die schlimmsten Momente?

HOFER: Es zerreißt einen innerlich, wenn Athleten sich verletzen.

Täuscht der Eindruck, dass das Skispringen für die Athleten zu einer brutalen Angelegenheit geworden ist? Fasten, Training im Sommer, Kameras rund um die Uhr, enormer Druck.

HOFER: Wir sagen salopp, beim Springen ist der Kopf vorne. Eine höchst mentale Angelegenheit. Aber die Athleten und Athletinnen, die sich für das Schispringen entscheiden, sind ausgereifte Charaktere. Es gehört eine gewisse Demut dazu, du lernst sehr viel, bis du oben bist. Ein gewisser Sozialisierungseffekt tritt dabei ein. Es ist ein spezieller Typus von Athleten, die im Skispringen Platz finden.

Was verbindet Sie mit Oberkärnten, mit Ihrer Heimat Seeboden?

HOFER: Es ist definitiv meine Heimat. Auch meine Familie ist gerne in Kärnten, meine Großmutter, meine echten Freunde sind da. Kärnten ist qualitativ weltweit einer der schönsten Orte.

Wenn wir in zehn Jahren wieder hier zusammensitzen würden, in welcher Position würde ich Sie interviewen?

HOFER: Hoffentlich als Pensionist!

CHRISTIAN WETTERNIG

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