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NationalsozialismusWolfsberger war Eichmanns bester Mitarbeiter

Der Wolfsberger Franz Novak war maßgeblich am Transport von Juden in die Konzentrationslager beteiligt. Auf Wikipedia wird er als „Persönlichkeit“ Wolfsbergs erwähnt.

Novak vor Gericht während seines zweiten Prozesses © ÖNB/Bildarchiv
 

Der Wikipedia-Eintrag zur Stadt Wolfsberg listet all die „Söhne und Töchter der Stadt“ auf: Burgtheaterschauspieler wie Wolfgang Gasser, Sportler wie Nationalteam-Fußballer Walter Kogler, Politikerinnen wie Ministerin Elisabeth Köstinger und den Historiker und ehemaligen Rektor der Karl-Franzens-Universität in Graz, Helmut Konrad. Alle auf ihrem Gebiet bekannte und anerkannte Fachkräfte. Und dann steht da, nur zwei Zeilen unter Konrad, ein Name, der im Zusammenhang mit den anderen „Persönlichkeiten“ – so der Name der Wikipedia-Kategorie – vor den Kopf stößt: Franz Novak, und nach Geburts- und Sterbejahr die lapidare Beifügung „österreichischer SS-Hauptsturmführer“.

Ein Eintrag, der Helmut Konrad nicht nur wegen der alphabetischen Nähe zu seinem Namen „empört“. Für ihn ist es ein weiteres Beispiel dafür, dass sich Österreich mit seiner NS-Vergangenheit schwer tut. Aufmerksam gemacht wurde er darauf von seiner Schwester. Diese hatte versucht, den Eintrag Novaks zu löschen, was ihr nicht gelang. Sie wurde nach dem dritten Versuch von Wikipedia gesperrt.

Ein übliches Vorgehen, wie Oliver Schimpke vom Wikimedia-Support-Team auf Anfrage hin erklärt: „Nach zwei Löschungen wurde die Person darauf aufmerksam gemacht, dass das kein akzeptables Vorgehen in einem Projekt wie Wikipedia ist. Diesen Hinweis hat sie nicht beachtet und wurde nach der dritten Löschung folgerichtig gesperrt.“

Die Auflistung Novaks sei „nicht als Auszeichnung zu sehen. In diesem Abschnitt sollen lediglich enzyklopädisch relevante Personen genannt werden, die in der jeweiligen Gemeinde geboren sind. Eine Bewertung steht einer Enzyklopädie aufgrund ihres neutralen Standpunkts nicht zu.“
Dem widerspricht die Bezeichnung des Abschnitts, der Begriff „Persönlichkeiten“ ist positiv besetzt. Dies räumt auch Schimpke ein, oft, schreibt er, werde deshalb „in solchen Fällen der Abschnitt in ,In x geboren‘ umbenannt“.

Ruft Empörung hervor

Wenn man sich Novaks Tätigkeit im NS-Regime betrachtet, wird klar, was Konrads Empörung hervorruft und was auch Wolfsbergs Bürgermeister Hans-Peter Schlagholz in Rage bringt. Ein Wahnsinn sei das, eine Zumutung, eine Schande für die Stadt, sagt Schlagholz.

Franz Novak, der Sohn eines Eisenbahnbeamten, wurde am 10. Jänner 1913 in Wolfsberg geboren. Er durchlief, schreibt der Historiker Christian Klösch in seinem Buch „Des Führers heimliche Vasallen“, „die für einen Wolfsberger Jungen typische deutschnationale Sozialisation im deutschvölkischen Turnverein und im Deutsch-Österreichischen Alpenverein“. Allerdings deute in seiner Jugend nichts „auf seine spätere Karriere im Stabe Adolf Eichmanns hin“. 1931 trat Novak der Hitlerjugend bei und später der SA. Er engagierte sich in der Partei und setzte dies auch nach dem Verbot der NSDAP in Österreich im Juni 1933 fort.

Juli-Putsch

Ein Jahr später, beim Juli-Putsch, nahm er aktiv an den Kämpfen teil. Nach der Niederschlagung des Putsches flüchtete er wie viele seiner Mitstreiter nach Jugoslawien und später nach Deutschland, wo er, schreibt Klösch, „eine unauffällige Karriere zum SA-Obertruppführer“ durchlief. Erst Jahre später, im Frühherbst des Jahres 1938 – Novak kam im Frühjahr kurz nach dem Anschluss nach Wien – traf er mit Adolf Eichmann auf jenen Mann, in dessen Abteilung er zumindest unter Historikern zu weltweiter Bekanntheit gelangte. „Dies gilt insbesondere für die USA“, sagt Konrad über den „Fahrdienstleiter des Todes“, eine „der Schlüsselfiguren beim Transport in die Vernichtungslager“.

Novak arbeitete zuerst in Wien, ab März 1939 in Prag und kurz danach im Judenreferat des „Reichsicherheitshauptamtes“ in Berlin, wo er, so Novak später in einer Vernehmung, seit 1942 „mit der technischen Bereitstellung des Fahrparks für die Transporte von Angehörigen der jüdischen Konfession in die einzelnen Konzentrationslager betraut gewesen war“. Damit ist zwar technisch beschrieben, worin seine Tätigkeit während dieser Jahre lag, der Schrecken, der sich dahinter verbirgt, enthüllt sich damit aber nicht.

Klarer wird der Schrecken durch eine Aussage von Eichmann, getätigt 1960 während dessen Prozesses in Israel: „Ich hätte meinen Auftrag nie erfüllen können, wenn es mir nicht gelungen wäre, die täglich schwieriger werdenden Transportprobleme zu lösen. Das war hauptsächlich Verdienst meines Sachbearbeiters Franz Novak.“ Novak war für den Transport von Hunderttausenden Juden in die Gaskammern von Auschwitz zuständig, alleine zwischen April und Juli 1944 waren es durch das Sondereinsatzkommando Eichmann 476.000 ungarische Juden.

Vor Gericht gestanden

Während sein ehemaliger Chef Eichmann vor Gericht stand und später zu Tode verurteilt wurde, arbeitete Novak in Wien, wie schon in seiner Jugend in Wolfsberg, in einer Druckerei, wo er es bis zum Betriebsleiter brachte. Nach dem Krieg war er unter verschiedenen falschen Namen untergetaucht, 1957, nach dem NS-Amnestiegesetz, fühlte er sich aber so sicher, dass er wieder seinen richtigen Namen annahm und mit Frau und Kind am Stadtrand von Wien lebte. Dann wurde ihm allerdings Eichmanns Lob zum Verhängnis. Ein internationaler Haftbefehl wurde 1961 erlassen.

Am 20. Jänner wurde er an seinem Arbeitsplatz verhaftet.
Die Geschichte seiner insgesamt vier Prozesse von 1964 bis 1972 ist ein Musterbeispiel für die Probleme der österreichischen Justiz mit ehemaligen NS-Tätern. „Man kann seine Prozesse exemplarisch lesen für den Umgang der jungen Zweiten Republik – vor Waldheim – mit der Geschichte der Beteiligung an den Verbrechen der NS-Herrschaft“, sagt Konrad.

ÖNB Bildarchiv
Demonstration gegen den Freispruch im Novak-Prozess © ÖNB Bildarchiv

Nach fast vierjähriger Vorbereitungszeit musste die Anklage, da viele Zeugen unauffindbar waren und Unterlagen verspätet eintrafen, auf zwei konkrete Fälle eingegrenzt werden. Im ersten Prozess, in dem sich Novak mit dem Satz „Auschwitz war für mich nur ein Bahnhof“ verteidigte, wurde er zu acht Jahren Haft verurteilt. Wie auch in den beiden folgenden Prozessen wurde das Urteil, 1966 ein Freispruch durch die Geschworenen aus „Befehlsnotstand“, 1969 neun Jahre Haft, durch den Obersten Gerichtshof aufgehoben. Erst 1972 erlangt das vierte Urteil, sieben Jahre Haft, Rechtskraft.

Ins Gefängnis musste Novak nicht mehr, nach fünfeinhalb Jahren Untersuchungshaft wurde ihm die Reststrafe 1974 durch eine Begnadigung durch Bundespräsident Rudolf Kirchschläger erlassen. Konrad: „Begnadigungen waren leider üblich.“

Novak bei der Urteilsverkündung am 17. Dezember 1964 Foto © ÖNB Bildarchiv

Bei Ploetz gearbeitet

Bis zu seiner Pensionierung 1978 arbeitete Novak im Druckunternehmen Ploetz in Wolfsberg. Am 21. Oktober 1983 starb er in einem Wiener Spital und wurde in Langenzersdorf beigesetzt. Die „Unterkärntner Nachrichten“ widmeten ihm, wie Klösch schreibt, „einen ehrenden Nachruf“, bei dem seine Tätigkeit so umschrieben wurde: „Während der Jahre vor und im Zweiten Weltkrieg versah Franz Novak einen administrativen Dienst in einer Eliteeinheit. Diese Tätigkeit sollte Jahrzehnte später als Kriegsverbrechen eingestuft werden.“ Auch eine Möglichkeit, Novaks Beitrag zur Ermordung von Hunderttausenden Menschen zu „beschreiben“. Hingegen wurde im Nachruf seine Arbeit in der Druckerei Ploetz, so Klösch weiter, „hoch gelobt“.

Für Wikipedia kommt eine Löschung dieser Wolfsberger „Persönlichkeiten“ nicht infrage. Für den Eintrag selbst hat ein – namentlich der Redaktion bekannter – Wolfsberger gesorgt, der den Konnex zwischen Novak und seiner Geburtsstadt herstellen wollte, „das Letzte, was ich wollte, war, eine positive Assoziation zu wecken“. Was durch den Eintrag auf alle Fälle erreicht wurde: Der NS-Kriegsverbrecher Franz Novak wurde wieder ins Bewusstsein gerückt.

Kommentare (1)

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lavant
1
3
Lesenswert?

Ja Lavanttal

war die Nazi Hochburg Österreichs. Leider gibt es in Wolfsber auch noch eine Ernst-Swatek-Straße. Auch Érnst Swatek war eine Nazi Größe der beim Putsch führend war und in der Swatek Villa die Waffen und Munition versteckte, flüchtete nach Jugoslawien und war dann in Berlin tätig. Er hatte zig Menschen am Gewissen und dafür widmete ihm eine Straße in Wolfsberg.

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