KärntenDie gefragtesten "Villen" am Wörthersee

Der Traum vom eigenen Haus am See ist in Klagenfurt um 721 Euro zu haben – inklusive 43.000 Quadratmeter Vorgarten. Der Haken: Man braucht ein paar Jahrzehnte Geduld.

Seit den 1960er Jahren ist diese Hütte das Sommerdomizil der Familie Kollmann
Seit den 1960er Jahren ist diese Hütte das Sommerdomizil der Familie Kollmann © Helge Bauer
 

Rot und gelb schimmert der Wörthersee. Die Sonnenmilch, die die Kinder am Vortag beim Baden abgewaschen haben, bildet einen feinen Film auf dem Wasser im Strandbad Klagenfurt. Jetzt, da die Sonne noch ganz tief steht, bricht sich das Licht darin und schimmert in den Farben des Regenbogens. Ein Schauspiel, das es jeden Tag nur ganz kurz zu sehen gibt, in den wenigen Minuten, nachdem die Tore zum Bad geöffnet haben und noch bevor die ersten Schwimmer das Wasser wieder aufwirbeln.

Ein saftiges Platsch, kurz darauf ist ein Schnauben zu hören. Der erste Köpfler des Tages. „Das war jetzt nicht mein Mann, aber der macht das auch immer als Erstes in der Früh: reinspringen.“ Hemma Wallner hat hingegen anderes zu tun: Sie deckt für das Frühstück. Eine große Kanne Kaffee hat sie von daheim mit, das Gebäck auf dem Weg gekauft. Die Stühle und der Tisch aber – die waren auch über Nacht im Strandbad, denn das pensionierte Ehepaar genießt einen Luxus, um den sie wohl viele Klagenfurter beneiden: Sie haben ein Haus direkt im Strandbad.
Gut, dem Haus sollte man wohl eine Verniedlichungsform anhängen, denn mit drei mal zwei Metern Grundfläche, weiteren zwei Quadratmetern Veranda und vielen weiß gestrichenen Brettern ist es wohl eher ein Häuschen. Aber eines, das heiß begehrt ist.

Einblick in das Häuschen der Familie Wallner
Einblick in das Häuschen der Familie Wallner Foto © Helge Bauer

Die Glocks, Porsches, Flicks und Hortens haben seit Jahrzehnten ihre Domizile rund um den See. Dutzende Neureiche haben in den letzten Jahren mit redlich oder sonst wie erwirtschafteten Geldern nachgezogen und den Betonbunkerkrebs in Form von Appartements wuchern lassen. Aber die 197 Badehäuschen im Strandbad, die gibt es nicht gegen Geld, sondern nur mit Geduld. „Im Schnitt wird ein Haus pro Jahr frei und kann neu vergeben werden“, sagt Stadtwerke-Sprecherin Verena Nedwed. Die 20 Jahre, die man im Wiener Gänsehäufel auf eine Kabane wartet, muten da wie ein Wimpernschlag an.

Wenn eine Familie ein Haus einmal hat, gibt sie es so leicht nicht her

Günther Kollmann

Klagenfurt: Wenn man ein Häuschen im Strandbad hat...

Wie lange die Wallners auf ihre Zuteilung gewartet haben, wissen sie nicht mehr. Davor hatte man eine der fast 1500 Kabinen. Auch nicht schlecht, aber kein Vergleich mit dem Häuschen, das aus 43.000 Quadratmetern Strandbadgrund den eigenen Vorgarten macht. Auch Familie Kollmann, die eine Gasse weiter auf Liegestühlen entspannt, kann sich nicht mehr daran erinnern, wann man das Häuschen bezogen hat. „Irgendwann in den 1960ern hat der Vater das Haus bekommen, seither verbringen wir hier die Sommer.“ Denn wenngleich es gemietete Häuschen sind – 729,80 Euro für die großen, 421,70 für die etwas kleineren Häuschen –, kann man ihr Benützungsrecht quasi vererben. „Und wenn eine Familie ein Haus einmal hat, gibt sie es so leicht nicht her“, sagt Günther Kollmann. Zumindest fünf Saisonkarten müssen gemeinsam mit einem Haus gekauft werden, bei manchen sind es sogar 20 eingetragene Benützer.

Ein Badegast weiß von einem anderen Häuschen zu berichten: „Die Mutter liegt dement im Altersheim, ihr Sohn lebt seit Jahrzehnten in Wien. Aber weil er in der Pension wieder nach Kärnten will, kauft er seit Jahren für die ganze Familie Saisonkarten und zahlt die Miete für das Haus. Dabei ist er maximal an einem verlängerten Wochenende da.“
Die meisten anderen Hausbesitzer kommen freilich jeden Werktag, ganz früh, damit man das Auto noch unter einem Schatten spendenden Baum abstellen kann, und gehen spät am Abend. Nur die Wochenenden, an denen die Gäste auch die schmalen Gänge zwischen den Häusern belegen, um Schatten zu finden, sparen viele aus. „Zu viel Tamtam.“

Anna Jamnig zählt ihre Strandbadtage – heuer sind es schon über 60.
Anna Jamnig zählt ihre Strandbadtage – heuer sind es schon über 60. Foto © Helge Bauer

Ein Argument, bei dem Anna Jamnig die Schultern zuckt. 60 Seetage hat die Kleinkindpädagogin heuer schon geschafft, mehr als 100 hat sie in ihrem besten Sommer genossen. Direkt vor dem sechs Quadratmeter großen Häuschen, das bei näherer Betrachtung mehr aufzubieten hat als ein Schweizer Armeemesser. Getränke, Liegen, Literatur von der Gala bis zum Gatsby, Hygieneartikel, Schnapskarten, Mitbringsel vom Ironman und Strohhüte aus den Beachvolleyball-Jahren. „Wenn die Bretter sprechen könnten, sie würden von Kabinenpartys erzählen, von Jugendlichen, die sich zu Badeschluss hier versteckt haben, um dann heimlich die Nacht im Strandbad durchzufeiern“, schmunzelt Jamnig und fügt rasch hinzu: „Ich weiß das freilich nur, weil mein Vater mir davon erzählt hat.“

An einen ganz entscheidenden Vorteil denkt man um diese Uhrzeit aber noch nicht: „Wenn es einmal einen richtigen Regentuscher gibt, muss man nicht gleich aufbrechen, sondern kann im Häuschen abwarten.“
Hinterher hat man zwar nicht den See, aber zumindest einen Teil seines Vorgartens wieder für sich alleine.

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