"Darf ich deine Haare anfassen?" Es ist ein Satz, den Adjanie Kamucote schon öfter gehört hat. Aber nicht nur das – noch bevor sie reagieren kann, fühlt die fragende Person oft schon am Kopf der 29-Jährigen. Das ist eines der Beispiele für Alltagsrassismus, das die Villacherin bei Workshops regelmäßig anführt. Kamucote ist Sozialpädagogin, diplomierte Mentaltrainerin und leistet Antirassismus- sowie Antidiskriminierungsarbeit an Schulen, in Jugendzentren und in Unternehmen. Zusammen mit ihrer Kollegin Chantal Bamgbala, mit denen sie die Workshops hält, hat sie zudem die Plattform "Melanin Talk" ins Leben gerufen, wo das Duo zusätzlich Aufklärungsarbeit leistet. Der Bedarf ist groß, wie Kamucote feststellt.

Sie erinnert sich noch gut an einen Schulworkshop, bei dem sich eine Professorin bei der Begrüßung den eingangs erwähnten Fehltritt leistete und Kamucotes Haaren anfasste – eine respektlose und grenzüberschreitende Geste. "Als wir dieses Thema später im Workshop ansprachen, war sie entsetzt und sie hat sich sehr angegriffen gefühlt", erzählt Kamucote. Das wiederum sei ein Beispiel für "White Fragility", also Weiße Zerbrechlichkeit. Was hinter diesem Begriff steckt? "Wir alle sind rassistisch sozialisiert, aber bei Weißen Personen ist es oft so, dass das nicht so wahrgenommen wird", sagt Kamucote. "Eben weil man ja nicht rassistisch sein möchte und so etwas eher mit Nazis verbindet."

Über dieses Thema schreibt Kamucote auch als Gastautorin im Buch "War das jetzt rassistisch?", das erst kürzlich erschienen ist und an dem gleich mehrere Aktivistinnen und Aktivisten mitgewirkt haben. Herausgegeben haben das Buch Minitta Kandlbauer, Melanie Kandlbauer und Noomi Anyanwu. Neben Kamucote haben etwa die Bloggerin DariaDaria, Sängerin Conchita Wurst und Autor Omar Khir Alanam Beiträge beigesteuert.

Beschimpfungen in der Straßenbahn und rassistische Komplimente

Bevor sie 2015 für ihr Masterstudium nach Graz gezogen ist, hat Kamucote in Villach gelebt. "Ich bin dort geboren und aufgewachsen und lange waren wir die einzige Schwarze Familie in der Umgebung", sagt die Mentaltrainerin. "Es war dann so, dass alle uns kannten und wir quasi zu den 'Guten' gehört haben." Erst in Graz habe sie gemerkt, dass es auch anders gehen kann und berichtet etwa von Beschimpfungen in der Straßenbahn.

Wobei es auch in Villach rassistische Zwischenfälle gab. Vermeintliche Komplimente für das gute Deutsch der Kärntnerin oder "nett gemeinte" Sätze wie "Für eine Schwarze Frau bist du aber schön". Kamucote: "Als ob es sonst unüblich wäre, dass Schwarze Frauen schön sind." Eine wiederkehrende Frage ist auch die nach Kamucotes Herkunft. Darauf hat sie eine klare Antwort: "Ich komme aus Villach."

Aufklärungsarbeit

Umso wichtiger sei es, schon im Schulbereich mit Aufklärungsarbeit anzusetzen: "Der Austausch ist bereits in den Volksschulen und Mittelschulen intensiv. Da bin ich oft überrascht, wie viel die Kinder schon wissen." Auch in den Oberstufen werden mit den jungen Erwachsenen rege Diskussionen geführt. Zum Teil gebe es schon gewisse Meinungen, die aber reflektiert werden, wie Kamucote berichtet. "Bei Erwachsenen ist die Meinung dann oft schon verwurzelt und es ist etwas schwerer, sie zum Nachdenken anzuregen." Dabei können auch Unternehmen in Sachen Diversität noch viel lernen. "Wir bekommen immer wieder Anfragen von Firmen, die gerne diverser sein wollen. Generell wird in Österreich die Diversität, die wir leben, viel zu wenig repräsentiert. Das fängt schon bei Werbungen an."

Wie man sich einsetzen kann

Informieren, die eigenen Privilegien erkennen, Betroffenen zuzuhören und ihnen eine Plattform geben sowie Petitionen unterzeichnen – so könne man sich etwa für die Gemeinschaft einsetzen. Bis 26. September läuft zum Beispiel noch die Eintragungswoche des Black Voices Volksbegehren.

Bei ihrer Aufklärungsarbeit verfolgt Kamucote ein ambitioniertes Ziel – die Welt ein Stück besser zu machen. Genau das ist auch das Thema eines Panels, an dem sie kommende Woche teilnimmt. Im Rahmen des "Female Future Festivals" in Graz sprechen sie und andere Unternehmerinnen am Donnerstag über ihre Visionen. "Ich sehe mich als Pionierin; als Schwarze Frau, die dort hingeht und darauf aufmerksam machen will, dass es auch andere Frauen gibt, die was erreichen können und wollen. Ich will das Ganze niederschwellig angehen."