• Die Klimakonferenz musste bis vorerst Samstag verlängert werden.
  • Kompromiss zu Fonds für Klimaschäden in Entwicklungländern ist in Schwebe.
  • Neuer Entwurf für Schlusserklärung fällt inhaltlich schwach aus.
  • EU stellt Verhandlungsparnern die Rute ins Fenster und droht mit Scheitern des Gipfels.

Samstag, 19. November:

22.30 Uhr Ortszeit: In eigener Sache: Zur Stunde liegt bei der 27. UN-Klimakonferenz in Sharm el-Sheikh nach wie vor keine Einigung vor. Ich breche hier meine Zelte ab und begebe mich auf die Heimreise. Wir halten Sie über den weiteren Fortgang der Verhandlungen selbstverständlich auf www.kleinezeitung.at auf dem Laufenden. In diesem Sinne: Vielen Dank für’s Interesse, es hat mich sehr gefreut! Herzlichst, Günter Pilch

20 Uhr Ortszeit: Klimaministerin Leonore Gewessler, die inzwischen im Delegationsbüro der Benelux-Staaten "Asyl" gefunden hat (siehe unten, Eintrag von 16.15 Uhr), sprach in einer Verhandlungspause von einem weiten Weg, der in den Gesprächen noch zurückgelegt werden müsse. Vor allem im Bereich der Emissionsreduktion seien die bisher vorliegenden Schlusstext-Entwürfe nicht zufriedenstellend. "Hier stehen wir bei den Formulierungen immer noch auf dem Stand vom Vorjahr. Wir sind nicht hergekommen, um Bekanntes zu wiederholen", sagt Gewessler. Bedingung der EU sei, dass in den Schlusstexten ein Fortschritt festgehalten werden müsse. Bislang sei das nicht gegeben, weshalb für die EU, die sich ja eine Formulierung zum Zurückfahren der fossilen Energieträger wünscht, der Text noch nicht beschließbar ist. Auch im Bereich "Loss & Damage", also der Schaffung eines Fonds zur finanziellen Linderung von Klimaschäden, lieg noch keine Einigung vor. Es zeichnet sich zwar ab, dass ein solcher Fonds tatsächlich beschlossen wird, doch legen EU und USA höchsten Wert darauf, dass Staaten wie China oder Saudi Arabien zu den Zahlern und nicht zu den Geldempfängern zählen werden.

16.15 Uhr Ortszeit: Die Verhandlerinnen und Verhandler hier haben nicht nur mit inhaltlichen Dissonanzen zu kämpfen. Auch in organisatorischer Hinsicht häufen sich an diesem Samstag die Probleme. Schon die ganze Woche über hatte es Klagen über von den ägyptischen Veranstaltern schlecht organisierte Abläufe gegeben. Die Wasserversorgung war zwischenzeitlich zusammengebrochen, die Transporte verliefen teils chaotisch. Inzwischen sind auf dem Konferenzgelände so gut wie alle Verpflegungsmöglichkeiten geschlossen, Büros werden abgebaut, obwohl die Verhandlungen noch in vollem Gang sind. Klimaministerin Leonore Gewessler musste am frühen Nachmittag sogar die Räumlichkeiten wechseln, weil dem österreichischen Delegationsbüro kurzerhand der Strom abgeschaltet wurde, wie Gewesslers stellvertretende Kabinettschefin Irmi Salzer twittert:

14.30 Uhr Ortszeit: Später als gedacht hat die ägyptische Konferenz-Präsidentschaft nun doch neue Textentwürfe, unter anderem für die Schlusserklärung des Gipfels, vorgelegt. In weiten Zügen werden darin die Formulierungen wiederholt, die schon im Vorgängerdokument von Glasgow enthalten waren. Eine Reduktion oder ein Auslaufen aller fossilen Energieträger, wie es unter anderem die EU fordert, findet sich darin nicht. Ebesowenig enthalten ist der geforderte Appell, die globalen Emissionen vor 2025 zum Sinken zu bringen. Die Rede ist weiterhin nur allgemein von einer Kohle-Reduktion. Der Text bittet ("requests") zudem die einzelnen Staaten, ihre Klimaziele bis zur nächsten Klimakonferenz nachzubessern - ebenfalls eine Formel, die bereits in Glasgow mit Blick auf die derzeitige Konferenz verwendet wurde. Für Feinschmecker: Den Textentwurf für die Schlusserklärung ("Cover Decision") gibt es hier zum Download.

Ebenfalls vorgelegt wurde ein fünfseitiger Vorschlag zur Errichtung eines Fonds für bereits eintretende Klimaschäden in Entwicklungsländern (Näheres dazu finden Sie hier und weiter unten im gestrigen Eintrag von 10.15 Uhr). Die Details für den Fonds sollen bis zur nächsten Klimakonfernz in den Vereinigen Arabischen Emiraten geklärt werden.

Ob diese Texte geeignet sind, die festgefahrenen Verhandlungen zu einem Ergebnis zu bringen, ist bis dato unklar.

13.30 Uhr Ortszeit: Was ist da los in den Verhandlungsräumen? Langsam sickert durch, warum der Ärger in EU-Verhandlerkreisen so groß ist. Bloomberg berichtet, dass die Ägypter den Verhandlern in den Nachtstunden Entwürfe zu Teilbereichen der Schlussdokumente präsentiert haben, die aber seitens der EU Empörung ernteten. Demnach fehlte in den Texten einerseits die von der EU formulierte Bedingung, dass nur die tatsächlich vulnerabelsten Länder von künftigen Zahlungen für bereits eintretende Klima-Schäden profitieren sollten. Die Rede war im ägyptischen Text nur von "Entwicklungsländern", was theoretisch auch Ölförderstaaten wie Saudi Arabien oder Schwellenländer wie China - und natürlich auch Ägypten selbst - einschließen würde. Zudem haben die Entwürfe von den Staaten kein weiteres Nachbessern ihrer Klimaziele zum Erreichen des 1,5-Grad-Ziels verlangt, zitiert Bloomberg einen Diplomaten. Das im Pariser Klimaabkommen festgehaltene Ziel wäre in diesem Fall gestorben.

12 Uhr Ortszeit: Während in den Verhandlungsgruppen weiterdebattiert wird, wirkt die Atmosphäre auf dem Konferenzgelände heute beinahe gespenstisch. Die meisten der insgesamt 34.000 Besucher und Aussteller sind inzwischen abgereist, die Länderpavillions sind verlassen und werden demontiert, die Ausstellunghallen sind menschenleer. Cafés und Snackstände haben geschlossen. Übriggeblieben sind hier auf dem Gelände nur noch die eigentlichen Verhandlerdelegationen, Pressevertreter und einige Beobachter.

Die Ausstellungspavillions werden abgebaut
© AP (Peter Dejong)

10.25 Uhr Ortszeit: Die EU-Kommission erhöht den Druck in den Verhandlungen. "Ich sage es ganz klar: Wir haben hier lieber gar kein Ergebnis als ein schlechtes", sagte EU-Vizekomissionschef Frans Timmermans am Samstagvormittag in Sharm el-Sheikh vor Medienvertretern, nachdem die Klimaverhandlungen abermals stecken geblieben waren. Die EU habe sich mit der Zusagen, einen eigenen Fonds für Klima-Schäden in Entwicklungsländern einzurichten, mehrere Schritte vorwärts bewegt (Näheres dazu im Eintrag von Freitag, 10.15 Uhr). "Das würden wir uns auch von unseren Partnern erwarten. Ich hoffe, dass das heute noch geschieht", sagte Timmermans, der die EU-Bedingungen für die Einrichtung eines derartigen Fonds wiederholte: Ein Bekenntnis aller Staaten, fossile Bennstoffe zurückzufahren und eine breite Finanzierungsbasis für den Fonds. "Dieses Basis muss der Welt von 2022 entsprechen, nicht jener von 1992", so Timmermans. Gemünzt ist das vor allem auf China, von dem die EU verlangt, sich am Fonds als Zahler zu beteiligen.

Timmermans stellte zudem klar, einen Abschluss der Klimakonferenz am heutigen Samstag nach wie vor für möglich zu halten. "Wir sind aber besorgt über manche Signale der vergangenen zwölf Stunden, die uns hinter den Stand der letzten Konferenz in Glasgow zurückzuwerfen drohen. Wir wollen nicht, dass das 1,5 -Grad-Ziel hier stirbt", so der für Klimafragen zuständige Kommissar.

Frans Timmermans und die EU-Minister stellten vor der Presse den Verhandlungspartnern die Rute ins Fenster
© Günter Pilch

9.30 Uhr Ortszeit: Falls sich jemand die Frage schon gestellt hat: Nein, die Corona-Pandemie war in den vergangenen beiden Wochen hier rund um die Klimakonferenz - anders als noch im vergangenen Jahr in Glasgow - kein wirkliches Thema. Bis gestern Nacht. Da meldete die amerikanische Delegation, dass der US-Klimabeauftragte John Kerry positiv auf Corona getestet wurde. Er habe leichte Symptome, sei aber vollständig geimpft und habe sich nun isoliert. Kerry spielt als ranghöchster Vertreter der USA bei der Konferenz eine zentrale Rolle - vor allem auch für die Gespräche mit China. Ob seine Infektion Einfluss auf den Verhandlungsverlauf nimmt, lässt sich bis dato schwer abschätzen.

7 Uhr Ortszeit: Guten Morgen aus Sharm el-Sheikh! Obwohl die Klimaverhandlungen gestern bis spät in die Nacht weitergelaufen sind, gibt es auch 13 Stunden nach dem eigentlich vorgesehenen Ende der 27. UN-Klimakonferenz noch keine Einigung auf die Schlusstexte. Konferenzrpäsident Sameh Shoukry möchte die Gespräche im Laufe des heutigen Samstag abschließen. Zur Stunde hat die ägyptische COP-Präsidentschaft noch keinen neuen Entwurf für die Schlusserklärung vorgelegt, erwartet wird ein solcher im Laufe des Vormittags.

Freitag, 18. November:

17.10 Uhr Ortszeit: In den Tagungs- und Verhandlungssälen auf dem COP-Gelände rauchen nach wie vor die Köpfe - und werden es wohl noch stundenlang tun. Wie sehr das auch erforderlich ist, zeigt die Weltemissionsuhr, die das World Data Lab am Rande der Konferenz gemeinsam mit der WU Wien präsentiert hat. Das Online-Portal bildet auf statistischer Basis die weltweiten aktuellen Treibhausgasemissionen ab. Einsehbar sind zudem nach Sektoren gegliederte Emissionsdaten aus 180 Staaten. Um zu sehen, wie rasch die Uhr tickt, klicken Sie auf das Bild:

15 Uhr Ortszeit: Inzwischen ist es offiziell: Die ägyptische Konferenzpräsidentschaft hat die Klimaverhandlungen bis Samstag verlängert. Der Form nach hätte die Konferenz heute um 18 Uhr enden sollen (siehe heutiger Eintrag von 7 Uhr). Der Schritt sei notwendig geworden, um noch bestehende Blockaden in den Gesprächen zu überwinden, heißt es in der Mitteilung. "Heute müssen wir erneut einen Gang zulegen, denn die Zeit ist nicht auf unserer Seite", mahnte Konferenzpräsident Sameh Shoukry. Viele Delegierte halten auch eine weitere Verlängerung bis Sonntag für möglich.

13.25 Uhr Ortszeit: Breaking: Zumindest im Pressezentrum der COP sind die Wasserspender wieder gefüllt. Wir feiern.

© Günter Pilch

12.15 Uhr Ortszeit: Ein weiterer kleiner Lichtblick: Die ägyptische COP-Präsidentschaft hat einen neuen Entwurf für eine Schlusserklärung vorgelegt, der (im Gegensatz zum gestern verbreiteten Papier) zumindest formal diesen Namen verdient. Inhaltlich fällt der zehnseitige Text jedoch eher schwach aus. Die Staaten werden darin aufgefordert, ihre nationalen Klima-Zusagen bis zur nächsten Konferenz nachzubessern, ineffiziente Subventionen für fossile Energieträger sollen umgestaltet ("rationalized") werden. Außerdem soll ein Plan erstellt werden, wie die Finanzierung von Klimaanpassungsmaßnahmen bis 2025 auf 40 Milliarden Dollar verdoppelt werden kann. Österreichs Klimaministerin spricht von einem "kleinen Schritt nach vorne", wenngleich im Text noch wesentliche Punkte fehlen würden. "So bleibt der Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen unerwähnt. Er ist aber eine Grundvoraussetzung, um die Klimakrise langfristig zu bewältigen", sagt Gewessler.

11 Uhr Ortszeit: Der Durst nach einem greifbaren Ergebnis der Klimakonferenz vermischt sich bei manchem Teilnehmer hier inzwischen mit dem Durst nach Wasser. In weiten Teilen des Areals ist selbiges nämlich wieder einmal "sold out", wie man von den ägyptischen Servicekräften schulterzuckend mitgeteilt bekommt. Die Wasserspender sind ebenfalls leer, aufgefüllt werden sie vorerst nicht. Das leidige Thema sorgt hier bereits seit Start der Konferenz für Ärger.

Leere Wasserspender auf dem Konferenzgelände
© Günter Pilch

10.15 Uhr Ortszeit: Endlich zeichnet sich in den festgefahrenen Verhandlungen Bewegung ab. Die Delegierten haben erstmals einen Entwurf für den Umgang mit der Frage der Klima-Schäden in den meistbetroffenen Ländern des Globalen Südens (im UN-Jargon "Loss & Damage" genannt) vorgelegt. Das fünfseitige Papier sieht vor, dass entweder sofort oder bei der nächsten Klimakonferenz in einem Jahr ein neuer Fonds eingerichtet werden soll und eine Finanzierungsvereinbarung getroffen wird. Eine genaue Definition für Klima-Schäden gibt es bislang aber freilich nicht. Mit dem Entwurf scheint eine Einigung bei diesem Streitthema (siehe zwei Absätze weiter) erstmals machbar. Auch der EU-Klimakomissar Frans Timmermans hat in der Nacht reagiert und einen Fonds vorgeschlagen - die EU hatte derartiges in den Tagen zuvor abgelehnt. Timmermans stellte aber Bedingungen: Die Klimakonferenz müsste sich im Gegenzug dazu bekennen, dass die globalen Treibhausgasemissionen bereits vor 2025 zu sinken beginnen. Außerdem soll in die Schlusserklärung ein Zurückfahren aller fossilen Energieträger aufgenommen werden. An den Zahlungen für Klima-Schäden müssen sich nach Vorstellung der EU auch Staaten wie China und Saudi Arabien beteiligen.

7 Uhr Ortszeit: Als in Sharm el-Sheikh heute die Sonne aufgegangen ist, hat der offiziell letzte Tag der COP27, der 27. UN-Klimakonferenz, begonnen. Nach den immergleichen Zeitplänen dieser Konferenzen enden die Verhandlungen pünktlich am Freitag der zweiten Konferenzwoche um 18 Uhr. Theoretisch. Nur hat sich in der bald 30-jährigen Geschichte dieser Gipfel noch kaum eine Konferenz tatsächlich an das vorgesehene Ende gehalten. Genau genommen endeten nur die allererste und die vierte COP innerhalb des vorgesehenen Zeitrahmens, nur insgesamt sechs Klimakonferenzen gingen noch am Freitag zu Ende, wie die Plattform Carbon Brief erhoben hat. Der bisher längste Klimagipfel war übrigens jener vor drei Jahren in Madrid, der das geplante Zeitbudget um fast 44 Stunden sprengte. Verhandlungsende war damals erst am Sonntagnachmittag. Hier die grafisch aufbereiteten Überziehungsdauern aller bisherigen Klimakonferenzen, die über die Jahre immer drastischer wurden:

© Carbon Brief

Und heuer? Mit Stand am Freitagmorgen gehen viele Delegierte davon aus, dass die ägyptische Konferenz nicht vor Sonntag enden wird. Zu weit liegen die Standpunkte in mehreren Fragen auseinander, von einer Schlusserklärung, über die Konsens hergestellt werden kann, sind die Staaten auch nach fast zwei Verhandlungswochen noch weit entfernt. Nicht wenige Beobachter lasten das zum Teil auch der ägyptischen COP-Präsidentschaft an, deren Motivationen und Handlungen schwer durchschaubar bleiben und oft erratisch wirken. Die Hintergründe zu einem der Hauptstreitpunkte, der Frage der Entschädigungen für Klima-Schäden in Entwicklungsländern, finden Sie hier:

Donnerstag, 17. November:

Am Donnerstagvormittag breitete sich unter Beobachtern auf dem Konferenzgelände eine Welle der Ernüchterung aus. Eben hatte die ägyptische COP-Präsidentschaft einen Entwurf zur Schlusserklärung der Konferenz, ein sogenanntes Non-Paper, veröffentlicht. Und der 20-seitige Text gleicht eher einer Auflistung von Gesprächsthemen als einem starken Signal. Einerseits werden darin Formulierungen wiederholt, die sich bereits in den Schlussdokumenten der Vorgängerkonferenz von Glasgow wiedergefunden haben. Andererseits finden sich im Entwurf weder Pläne für einen angestrebten Ausstieg aus dem Verbrennen fossiler Energieträger, noch enthält es klare Aussagen zur zentralen Frage, ob und wie Industriestaaten für Klima-Schäden in Entwicklungsländern aufkommen sollen. Experten beurteilen es als unüblich, dass zu einem derart fortgeschrittenen Zeitpunkt der Verhandlungen nicht mehr als Stichworte für die Schlusserklärung vorliegen.

Auch seitens der EU-Verhandler wird der Textentwurf kritisiert. Denn er enthält auch mehrere Passagen, die den Industriestaaten den alleinigen Schwarzen Peter für das zögerliche Vorankommen beim Klimaschutz zuschieben. So wird in dem Papier etwa "tiefes Bedauern" darüber ausgedrückt, dass die Industrieländer trotz ihrer finanziellen und technologischen Möglichkeiten bei der Reduzierung ihrer Emissionen weiterhin keine Führungsrolle übernehmen. Die österreichische Klimaministerin Leonore Gewessler zeigte sich über den Entwurf gegenüber Journalisten irritiert. "An sich wäre es Aufgabe einer COP-Präsidentschaft, die Verhandlungen zusammenzuführen. Diese 20 Seiten machen aber mehr Kontroversen auf, als sie Gräben zuschütten", so Gewessler. Die Bipolarität zwischen Industrie- und Entwicklungsländern in der Klimadiskussion sei mit dem Pariser Klimaabkommen 2015 eigentlich überwunden worden, jetzt drohe ein Rückfall. Gewessler: "Die ägyptische Präsidentschaft hat momentan keine spürbare Führungsrolle, wie man hier zu einem Konsens kommen kann."

Dass die Verhandlungen tatsächlich am Freitagabend enden, gilt inzwischen als ausgeschlossen. "Wir müssen jetzt versuchen, das Vorliegende auf ein Niveau zu heben, dass uns wirklich weiterbringt", sagt Gewessler, die bereits fix mit einem zusätzlich nötigen Verhandlungstag am Samstag rechnet.

Grüne Anstreichversuche

Dabei waren die ägyptischen Gastgeber in der Vorbereitung der Klimakonferenz offenbar bemüht, dem Tagungszentrum und seinem Umfeld zumindest einen minimalen grünen Anstrich zu verpassen. Wirklich prägend für das Gesamtbild will sich dieser aber nicht so recht erweisen. So berichten uns Taxifahrer, dass die (ohnehin kaum wahrnehmbaren) Grünstreifen zwischen den insgesamt sechs Fahrspuren der Durchzugsstraße noch vor wenigen Monaten nicht vorhanden waren. Und auch der als Fahrradweg gekennzeichnete Begleitweg dürfte neu sein. Denn Fahrradfahrer erblickt man in Sharm el-Sheikh weit und breit keinen einzigen. Über die Sraßen wälzen sich ausschließlich Autos, Kleintransporter und Busse. Und sogar für die Handymasten hat man sich etwas, na ja, Grünes einfallen lassen:

Der Versuch einer Tarnung als Palme: Die Handymasten rund ums Gelände der COP27
© APA/Sandra Walder

Und die Klimakonferenz ist noch nicht zu Ende, da wird bereits über die kommenden gesprochen. Fix ist ja, dass die Verhandlungen im nächsten Jahr in den Vereinigten Arabischen Emiraten fortgeführt werden, danach ein osteuropäischer Staat zum Zug kommen. Wohl auch um die politische Wende in seinem Land zu unterstreichen, hat Brasiliens neuer Präsident Luiz Inácio Lula da Silva nun via Twitter angekündigt, im Jahr 2025 Gastgeber der COP30 sein zu wollen. "Ich denke, es ist wichtig, dass die Menschen, die den Amazonas verteidigen, die Region und die konkrete Realität kennen lernen", schrieb da Silva, der derzeit selbst an den Verhandlungen in Sharm el-Sheikh teilnimmt.

Ministerin Gewessler hat sich indes am Rande der Konferenz bilateral mit ihrer pakistanischen Amtskollegin Sherry Rehmann getroffen und sie zu Arnold Schwarzeneggers Austrian World Summit 2023 nach Wien eingeladen. Hauptthema des Gesprächs sei die internationale Klimafinanzierung gewesen, sagte Gewessler. Pakistan ist heuer ja von noch nie dagewesenen Überschwemmungen getroffen worden, die zwischenzeitlich beinahe ein Drittel der Landesfläche betroffen haben.

Einladung nach Wien: Leonore Gewessler mit Pakistans Sherry Rehmann
© BMK/Cajetan Perwein

Mittwoch, 16. November:

Falls Sie sich übrigens gefragt haben: Ja, das gewaltige Konferenzgelände in Sharm el-Sheikh wird im Inneren gekühlt. Das Tagungsareal befindet sich – so wie der gesamte Touristenort – im Wüstengebiet auf dem Sinai, wo tagsüber auch im November die Temperaturen noch auf bis zu 30 Grad ansteigen. Wasser ist hier ein rares Gut und die Frage, warum dann trotz des hohen Energieaufwands für die gesamte Versorgung ausgerechnet an diesem sonst recht verlassenen Ort ein Mekka für All-inclusive-Urlauber am Roten Meer entstanden ist, darf sich jeder selbst beantworten. Die festungsartig gesicherten Hoteltempel entlang der Küste sind jedenfalls nicht nur während der UNO-Konferenz gut gebucht.

Wie hoch der Energieaufwand zum Kühlen des Tagungsgeländes ist, wird nirgendwo veröffentlicht. Er muss beträchtlich sein, zumal sich entlang der Außenwände der Zelte und Container teilweise im Abstand weniger Meter eine Klimaanlage neben die andere reiht. Einige Kollegen haben die heurige Klimakonferenz deshalb intern bereits in Klimaanlagenkonferenz umgetauft. Ein bislang nicht gelüftetes Geheimnis bleibt auch, warum es die ägyptischen Gastgeber für notwendig befinden, die Temperaturen im Inneren teilweise auf Eiseskälte abzusenken. Dass sie damit der globalen Erwärmung entgegenwirken wollen, bleibt ein böses Gerücht.

Hunderte Klimaanlagen schaufeln den ganzen Tag kalte Luft ins Innere des Konferenzareals
© Günter Pilch

Bei der Konferenz selbst gibt es neben zähen Gesprächen auch Signale der Hoffnung: US-Präsident Joe Biden und Chinas Staatspräsident Xi Jinping haben offenbar wieder eine gemeinsame Gesprächsbasis und wollen nun auch ihre bilateralen Klimaverhandlungen fortsetzen, wie die New York Times berichtet hat. Das ist insofern bemerkenswert, als China die vor einem Jahr in Glasgow fixierten Gespräche mit den USA nach dem Taiwan-Besuch der US-Repräsentantenhaus-Vorsitzenden Nancy Pelosi im Sommer abgeblasen hatte. Unter Beobachtern gilt es als essenziell, dass die beiden größten Treibhausgasemittenten der Welt gemeinsam Akzente setzen.

Protest gegen fossile Treibstoffe auf dem Konferenzgelände. Hier dürften nur handverlesene Gruppen demonstrieren. Protest gegen die Regierung ist in Ägypten tabu
© Günter Pilch

Der Verhandlungsfortschritt selbst ist diesmal schleppender als im vergangenen Jahr, ist von Delegierten zu erfahren. Noch zeichnet sich keine Einigung in zentralen Punkten ab. Indien hat etwa den Vorschlag eingebracht, aus der im Glasgow-Pakt enthaltenen Formulierung des "Zurückfahrens der Kohleverbrennung" im Abschlusstext von Sharm el-Sheikh einen "Ausstieg aus allen fossilen Brennstoffen" zu machen. Klingt im ersten Augenblick nach einem großen Fortschritt, doch kann der Teufel im Detail liegen. Einer der Erfolge der letzten Klimakonferenz in Glasgow war es, dass im Abschlusstext die Kohle erstmals dezidiert als Problemfaktor benannt wurde. (Ja, man glaubt es kaum, aber bis dahin hatte man nicht einmal dazu Einigung erzielen können.) Wenn nun nur noch allgemein von "Fossilen Energieträgern" die Rede sein soll, könnte man das auch als Verwässerung deuten.

Schon daran wird ersichtlich, wie entscheidend die genauen Formulierungen in den Schlusstexten sind. Für Österreichs Klimaministerin Leonore Gewessler, die für die EU das Kapitel der Klimawandel-Anpassung verhandelt, kommt ein "Backtracking", also ein Zurückfallen hinter bereits erzielte Erfolge, nicht in Frage, wie sie gegenüber Journalisten betonte. Dass die Staaten derart verbissen um jeden Halbsatz des Schlusstextes feilschen, kann auch als Zeichen dafür gedeutet werden, dass den Beschlüssen der Klimakonferenzen inzwischen große politische Bedeutung beigemessen wird. Nach derzeitigem Stand jedenfalls deutet viel darauf hin, dass die Verhandlungen diesmal nicht Freitagnacht, sondern erst im Laufe des Samstags enden könnten.

Dienstag, 15. November:

Groß, größer, Klimakonferenz. Es ist eine kaum überblickbare Stadt aus Containern und Zelthallen, die hier in den Wüstensand des Sinai gepflanzt wurde. Zwischen den burgenhaften Tempeln des All-inclusive-Tourismus und dem nahen Flughafen von Sharm el-Sheikh tummeln sich derzeit im klimatisierten Inneren des UN-Konferenzzentrums mehrere Zehntausend Menschen, um über das Weltklima und alles, was damit zusammenhängt, zu sprechen. Willkommen auf der COP27 – der 27. Weltklimakonferenz der UNO.

Die eigentlichen Verhandlungs- und Beratungssäle nehmen tatsächlich nur einen kleinen Teil des Areals ein, das zwar in Ägypten aus dem Boden gestampft wurde, für die Dauer der Verhandlungen genau genommen aber UN-Hoheitsgebiet ist. In mehreren endlos langen Hallen präsentieren sich hier Staaten und Institutionen im besten, also grünsten Licht. Von Frankreich bis Tadschikistan, von Togo bis Australien, von der internationalen Handelskammer bis zur Erdöl-Organisation OPEC reichen die Pavillons. Und einer strahlt grüner als der andere. Indien und Brasilien kehren den Ausbau von Wind- und Solarstrom hervor, das Scheichtum Katar nutzt die Gelegenheit, seine nachhaltigen WM-Fußballstadien im Kleinformat zu präsentieren, am Stand der "Generation Atomic" erfährt man, dass der Weg weg von schmutztriefenden fossilen Energieträgern hin zu blitzeblanken AKW-Kühltürmen führen muss. Wem da die Luft wegbleibt, der kann sich an einem der Kühlschränke auf dem Gelände einen Softdrink aus dem Hause der Coca-Cola Company holen, einem der Hauptsponsoren der Konferenz.

Katar präsentiert auf der COP27 seine WM-Fußballstadien
© Günter Pilch
Von Dreckig nach Sauber mit der Atomkraft: Der Pavillion der "Atomic Generation"
© Günter Pilch

Also doch alles nur Greenwashing, alles nur grüne Behübschung, nur Schein und kein Sein? Dieses pauschale Urteil täte der Konferenz unrecht. Ja, die grünen Waschmaschinen werden bei der COP27 überall dort angeworfen, wo sich Staaten und Institutionen selbst in die Auslage stellen. Doch fast unbemerkt von vielen Besuchern läuft der eigentliche UN-Verhandlungsprozess, der Zweck und Ursprung der ganzen Übung. Und der hat mit dem Gedränge um das nachhaltigstes Antlitz rundherum wenig bis nichts zu tun. Ministerinnen und Minister aus allen Staaten versuchen, bis zum Wochenende Einigkeit in zentralen Fragen des Klimaschutzes zu erzielen, nationale CO₂-Reduktionsziele so weit nachzuschärfen, dass die globale Erwärmung um zumindest einige Zehntelgrad weniger drastisch ausfällt, als sie es sonst tun würde. Sie versuchen, ein Regularium dafür zu finden, wie die bereits eintretenden Schäden durch die Erderwärmung finanziell abgefangen werden können und wie sich die Welt an die neuen Bedingungen anpassen kann.

Ein Mäusemelken mit jedes Jahr aufs Neue nur kleinen Fortschritten. Aber die UN-Klimakonferenzen sind das einzige Forum, bei dem weltweit alle Akteure an einem Tisch sitzen, um den internationalen Klimaschutz voranzubringen. Dass ihnen das bislang nicht in ausreichendem Maß gelungen ist, stimmt. Doch die Alternative wäre, es gar nicht erst zu versuchen und die bisher bereits erzielten Erfolge (und ja, die gibt es) in den Wind zu schreiben. Der UN-Verhandlungsprozess zum Klima hat von seiner Dringlichkeit nichts eingebüßt, im Gegenteil. Das penetrante Grün der Präsentationspavillons ändert daran nichts.

Montag, 14. November:

Als Leonore Gewessler am Montag im Konferenzzentrum von Sharm el-Sheikh das Ruder in der österreichischen Verhandlerdelegation übernommen hat, bekam sie es aus routinierten Händen überreicht. Fachlich leitet die österreichische Abordnung nämlich Helmut Hojesky, der bereits seit eineinhalb Wochen in Ägypten ausharrt. Der Wiener gilt im Ministerium als "Mr. Klimakonferenz" schlechthin – er war seit 1995 bei jeder einzelnen der bisher 27 weltweiten Zusammenkünfte als Verhandler dabei. Mehr Routine in Klimakonferenzen geht also gar nicht.

Helmut Hojesky bei der COP27 in Sharm el-Sheikh
© kk

 

Dass man nach 27 Jahren des permanenten Klimaverhandelns einiges aus dem Nähkästchen erzählen kann, versteht sich von selbst. So werden die wichtigen Entscheidungen längst nicht nur an den Konferenztischen selbst angebahnt, verrät der 64-Jährige der Kleinen Zeitung. Vom gemeinsamen Abendessen bis zu informellen Treffen auf den Gängen – das Ringen um Einigkeit macht in den zwei Wochen der Klimakonferenzen praktisch keine Pause. Und wenn es sich am Ende zuspitzt, rauchen auch spät nachts noch die Köpfe. "Da kann es vorkommen, dass ich mehrere Nächte hintereinander nicht schlafe", erzählt Hojesky.

>>>Was Helmut Hojesky noch zu erzählen hat, lesen Sie hier.<<<

Was in der ersten Konferenzwoche geschah:

Gleich nach Start der Verhandlungen am 6. November wurde eine wichtige Hürde genommen: Die Delegierten haben sich darauf geeinigt, dass die Frage nach Entschädigungszahlungen reicher Länder an ärmere Nationen, die durch den Klimawandel besonders gefährdet sind, auf die Agenda kommt. Der umstrittene Tagesordnungspunkt zur sogenannten "Loss and Damage"-Thematik war im Vorfeld der COP von Staaten und NGOs eingefordert worden.

Diese Maßnahme sollte auch dazu dienen, das zuletzt zunehmend angespannte Verhältnis zwischen den Staaten des globalen Nordens und des globalen Südens etwas zu entkrampfen. Letztere weisen mit zunehmender Vehemenz darauf hin, selbst kaum etwas zur Klimamisere beigetragen zu haben, wohl aber massiv unter den bereits eingetretenen Folgen der Erhitzung zu leiden. Bislang hält die globale Erwärmung im weltweiten Schnitt bei rund 1,2 Grad über vorindustriellem Niveau:

Österreich verkündete in der ersten Verhandlungswoche, in den kommenden vier Jahren 50 Millionen Euro für "Loss & Damage" in den Entwicklungsländern aufbringen zu wollen. Die größere Herausforderung liegt für die Republik – wie auch für die meisten anderen Industriestaaten – allerdings darin, die eigenen Emissionen auf Zielpfad zu bringen. Obwohl im Vorjahr bei den Verhandlungen in Glasgow alle Staaten zugesagt hatten, ihre nationalen Klimaziele bis heuer nachzuschärfen, hatten das bis vor Beginn der 27. Klimakonferenz erst 24 Staaten tatsächlich gemacht.

Die erste Verhandlungswoche war entsprechend geprägt von der wachsenden Kluft zwischen Entwicklungs- und Industrieländern.

© Kleine Zeitung