Irgendwo auf unserer Erde wird in diesen Tagen ein besonderes Kind zur Welt kommen. Ohne es jemals zu erfahren, wird sie oder er jener Mensch sein, mit dem die Weltbevölkerung die Schallmauer von acht Milliarden durchbrochen hat. Berechnungen der Vereinten Nationen haben dieses Datum am 15. November festgemacht. Wann genau, wer und wo das ist, lässt sich aus offensichtlichen Gründen nicht bestimmen.

Wachstum als Gefahr oder Erfolgsgeschichte: Muss das Wachstum gebremst werden?

Das Wachstum sorgt vor dem Hintergrund multipler globaler Krisen bei vielen für Unbehagen. "Das Boot ist voll"-Argumente werden insbesondere bei Diskussionen um die Themen Klimawandel und Hunger ins Treffen geführt. Andererseits wird das Wachstum auch als Indikator für eine menschliche Erfolgsgeschichte interpretiert. Die Chefin des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen, Natalia Kanem, nennt die acht Milliarden einen "bedeutsamen Meilenstein".

"Die Kombination aus längerer Lebenserwartung, weniger Mütter- und Kindersterblichkeit und immer effektiveren Gesundheitssystemen" spiegle einen fundamentalen Sprung wider. Nach Einschätzungen der UNO liegen die Probleme nicht in dem Fehlen von Ressourcen, sondern in deren richtigen und gerechten Verteilung. Dass hier Handlungsbedarf besteht, ist augenscheinlich. Corona und der Ukrainekrieg haben uns erneut gezeigt, in welch sensiblen Abhängigkeiten sich die Menschheit in lebenswichtigen Fragen, wie jener der Versorgung mit Nahrungsmitteln, begeben hat.

Lukas Meyer, Professor für Praktische Philosophie an der Uni Graz, sieht in der Acht-Milliarden-Marke im Gespräch mit der Kleinen Zeitung zunächst einmal etwas Positives: "Grundsätzlich ist es erfreulich, dass es Menschen gibt – und mehr Menschen gibt –, sofern sie ein hinreichend gutes Leben führen können."

Mensch gegen Klima

Doch gerade vor dem Hintergrund der Klimadebatte (die derzeit im Rahmen von "COP27" in Sharm el-Sheikh von Vertretern von 200 Ländern diskutiert wird) tut sich schnell die Frage nach dem Zusammenhang mit der Populationszunahme auf. Meyer dazu: "Wenn es uns, wie im Paris-Übereinkommen vereinbart, gelingt, global bis 2050 Klimaneutralität zu erreichen, ist der Umstand, dass die Bevölkerung noch wächst, kein Grund zur Sorge. Denn bei der Klimaneutralität macht es keinen oder kaum einen Unterschied, wie viele Menschen so gut wie keine Emissionen verursachen.

Aus dem möglichen Verfehlen des Ziels der Klimaneutralität könnte man die Frage nach bevölkerungspolitischen Maßnahmen ableiten. Dabei gibt der Philosoph aber zwei Punkte zu bedenken. Zum einen würden die Effekte solcher Maßnahmen erst mit starker Verzögerung eintreten und bis 2050 kaum einen Unterschied machen. Und: "Würde man den Zeitraum verlängern und radikale Maßnahmen zur Populationskontrolle – die nicht durchsetzbar sein dürften und mit hohen Freiheitseinschränkungen verbunden wären – einführen und sonst keine Maßnahmen zur Emissionsreduktion, dann würde das einen Unterschied von etwa 0,5 Grad bis 2060 machen", so Meyer.

Auch wichtig sei die Frage, wo der größte Teil der Emissionen entsteht. Die Antwort sind nicht jene Teile der Bevölkerung, die schnell wachsen. Das zeigen auch Statistiken zu den Pro-Kopf-Emissionen. Fast die Hälfte der globalen CO₂-Emissionen wird von den zehn reichsten Prozent der Erdbevölkerung verursacht.

Mensch gegen Umwelt

Mehr Menschen bedeuten in der Regel mehr Druck auf die Natur. Da geht es etwa um zunehmende Land- (siehe auch Versiegelungsdebatte in Österreich) und Ressourcennutzung, Umweltverschmutzung und den aus den ersten beiden Punkten resultierenden Rückgang der Biodiversität. Bei dieser Problematik sieht Lukas Meyer einen engeren Zusammenhang mit dem Bevölkerungswachstum als beim Klimawandel, wenngleich es nicht möglich ist, diese Bereiche klar zu trennen. "Wobei die Einschätzung dieser Konsequenzen auf Tiere und Natur auch davon abhängt, wie wir den Wert von Tieren und natürlichen Systemen verstehen. Ist deren Wert instrumentell zu verstehen, nämlich weil sie den Interessen der Menschen dienst oder, wofür sehr viel spricht, haben Tiere und natürliche Systeme auch Eigenwert und sind auch deshalb schützenswert?"  

Wird die Familienplanung zur moralischen Frage?

Krieg, Klimakrise, die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft; viele jüngere Menschen sind geplagt von Sorgen über die Zukunft. Von Zweifel darüber, dass alles einmal besser wird. Nicht wenige stellen sich daher die Frage, ob es Kindern zuzumuten sei, in "der Welt, so schlecht wie sie ist", leben zu müssen. "Die Umstände sind nicht zum ersten Mal so, dass wir darüber nachdenken, ob es den Kindern, die wir haben können, gut genug gehen wird, dass sie zu zeugen, moralisch erlaubt ist." Es sei eine ethische Frage mit langer philosophischer Tradition.

Vor dem Hintergrund der oben genannten Herausforderungen beantworten diese Frage manche junge Leute – wenn auch nicht viele – aus einem weiteren Grund mit einem Nein: Sie wollen mit einem kinderlosen Leben das Klima, die Umwelt, die Ressourcen der Erde schonen. Rein wissenschaftlich eine nachvollziehbare Entscheidung, zumindest wenn man sie nur auf Basis eingesparter Emissionen trifft. Einer schwedischen Studie zufolge spart jedes nicht auf die Welt gekommene Kind in einem Industriestaat jährlich bis zu 117 Tonnen CO₂.

Lukas Meyer sieht das differenzierter. "Man kann sich die Frage schon stellen 'Kann ich die zusätzlichen Emissionen eines Kindes verantworten?', aber, wie viele Emissionen ein Kind verursacht, liegt zunehmend in seiner Verantwortung,  je älter es wird und je mehr es in der Lage ist, Verantwortung dafür zu übernehmen, wie es sein Leben führt."

Gerade in demokratischen und hoch entwickelten Gesellschaften sei es möglich, seinen fairen Beitrag zur Erreichung des Zieles der Klimaneutralität zu leisten. Meyer: "Wir alle stehen unter der Pflicht, unsere Emission auf das faire Maß zu reduzieren, und politisch darauf hinzuwirken, dass die Netto-Emissionen global sinken. Das würde auch für unsere Kinder gelten. Und jedenfalls sofern die Transformation der Gesellschaft zur Klimaneutralität im Sinne des Pariser Abkommens politisch und technologisch erreichbar ist, zugegeben eine optimistische Annahme, werden unsere Kinder dies nicht erschweren, wohl eher im Gegenteil."

Für Meyer besteht aus moralischer Sicht kein Grund, wegen der Klimakrise keine Kinder zu bekommen.