Russland muss sparen Im Land der Kaltduscher

In Russland herrscht derzeit - wie alle Jahre im Sommer - wieder Eiszeit in der Dusche. Ein Relikt aus Sowjetzeiten beschert den Russen tagelang nur kaltes Wasser.

×
Artikel gemerkt

Gemerkte Artikel können Sie jederzeit in Ihrer Leseliste abrufen. Zu Ihrer Leseliste gelangen Sie direkt über die Seiten-Navigation.

Zur Leseliste
Kalte Dusche
Für viele eine Überwindung: Die kalte Dusche. © (c) AP (Darko Vojinovic)
 

Und jährlich grüßt das Murmeltier: Für viele Russen ist momentan wieder Kalt-Duschen angesagt, denn wie alle Jahre im Sommer sind die Wartungsarbeiten am russischen Leitungssystem in vollem Gange. Zu diesem Zweck muss das Warmwasser vorübergehend abgeschaltet werden, für Millionen von Russen bedeutet das eine zehntägige Eiszeit in der Dusche. "Es ist wie, wenn du in ein Eisloch springst", erzählt ein Betroffener im Ö1 Morgenjournal am Montag. "Eine technische Notwendigkeit", heißt es von Seiten der Moskauer Wasserversorgung.

In einer Region nach der anderen drehen die Kommunalbetriebe das Warmwasser ab, um die Rohre mit Druckluft zu füllen und nach undichten Stellen zu suchen. Gegebenenfalls werden die kaputten Leitungen anschließend ausgetauscht. Auch der sommerliche Zeitpunkt ist kein Zufall, denn bei wärmeren Temperaturen seien die Reparaturen einfacher durchzuführen. Eine sehr pragmatische Erklärung, wenn man bedenkt, dass dieses Szenario für Millionen von Bürgern schon im Sommer eine Herausforderung darstellt.

Echte Russen duschen kalt

Vielen Russen bleibt dann nur, darauf zu hoffen, dass das Wetter mitspielt und die unfreiwillige Dusch-Eiszeit zumindest als angenehme Erfrischung durchgehen kann. Doch auch dann hält sich die Begeisterung oft mehr als in Grenzen. "Wir haben das dritte Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts. Und in Russland wird nach wie vor im Sommer das warme Wasser abgestellt", beschwert sich ein Nutzer in einem Online-Portal. Ein anderer beklagt sich darüber, dass seine Haut leide, weil die Seife unter kaltem Wasser nicht schäume. Hartnäckig hält sich zudem der Vorwurf, die kommunalen Unternehmen von Kaliningrad bis ins fernöstliche Kamtschatka wollten mit der sommerlichen Maßnahme in erster Linie Heizenergie sparen.

Andere nehmen die Situation mit Humor. Ganz nach dem Motto "Geteiltes Leid ist halbes Leid" ist das russische Internet in den Sommermonaten voll mit Sprüchen und Bildern rund ums Thema kalt duschen. Man sei kein echter Russe, wenn man das ganze Jahr über warmes Wasser habe, impliziert eines. Manch einer kann der Situation sogar etwas abgewinnen. Eine kalte Dusche sei gut für den Kreislauf, heißt es in einigen Foren. Trotzdem greifen heutzutage die meisten Russen auf technische Hilfsmittel, wie Gas-Boiler oder Durchlauferhitzer, zurück, um der Eiszeit zu entgehen.

Duschparty bei Mama und Papa

Eher irritiert reagieren hingegen ausländische Touristen, denn auch zahlreiche russische Hotels sind nicht mit Durchlauferhitzern ausgestattet. Immer wieder bemängeln Reisende in ihren Bewertungen deshalb eine kalte Überraschung im Badezimmer. Zumindest in der Ostseemetropole St. Petersburg, wohin zur Fußball-EM kürzlich Tausende Fans gereist waren, wollte man sich eine Welle der Häme aber offenbar ersparen - und unterbrach die Kaltwasser-Zeit zwischen Anfang Juni und Mitte Juli.

Ansonsten heißt es: Augen zu und durch - oder? Nicht ganz, denn Not macht erfinderisch. Weil viele der 146 Millionen Bewohner des Riesenreiches keine übermäßigen Fans vom Bibbern unter der Dusche sind, haben sie für diese besondere Zeit im Jahr ihre eigenen Badezimmer-Rituale entwickelt. Da die einzelnen Bezirke in größeren Städten ab Mitte Mai zeitversetzt betroffen sind, zieht es dort viele Menschen auch einfach zu Mama, Papa oder ins Fitnessstudio. Beliebt und immer wieder in Filmen thematisiert sind auch Duschpartys bei Freunden - wenn auch in Zeiten dramatisch hoher Corona-Infektionszahlen durchaus bedenklich.

(c) SERGEI CHUZAVKOV Kochtopf und Herd
Das Erhitzen von Wasser auf dem Herd ist nur eine von vielen kreativen Lösungen. © (c) SERGEI CHUZAVKOV

Besonders beliebt und mit der Pandemie verträglich ist Umfragen zufolge aber ohnehin das Erhitzen von Wasser auf dem Herd oder im Wasserkocher. Es geht aber auch weitaus kreativer: Sie sollten doch einfach ihre Waschmaschine anzapfen, um an die Mangelware Warmwasser zu kommen, rät ein Online-Portal seinen Lesern: Heißen Waschgang starten, Abwasserschlauch in die Badewanne halten - fertig.

Wem all das zu umständlich ist, dem empfiehlt ein sibirisches Online-Portal Trockenshampoo oder - wenn der Geldbeutel das zulässt - häufigere Friseurbesuche. Und der Rest des Körpers? Auch kein Problem: "Menschen haben Feuchttücher erfunden, mit denen man alles auf der Welt abwischen kann - auch den Körper."

Kommentare (1)
ReinholdSchurz
2
2
Lesenswert?

Das wäre auch gut für🇦🇹

Um das aufgeheizte Hirn bei so manchen abzukühlen und wieder klar zudenken finde ich eine Super Idee👍🏻🍺