Philip Zimbardo, emeritierter Professor der Psychologie an der Stanford University, hat 1971 mit seinem "Stanford Prison Experiment" zur Erforschung menschlichen Verhaltens unter den Bedingungen des "echten" Gefängnislebens, Berühmtheit erlangt. Im Rahmen einer Veranstaltung des Berufsverbandes Österreichischer PsychologInnen (BÖP) hält er am Montag einen Vortrag in Wien.

APA: Herr Zimbardo, warum haben Sie 1971 das Stanford Prison Experiment initiiert? Woher kam die Idee?

Zimbardo: Vor dem Experiment habe ich mich damit beschäftigt, wie soziale Situationen das individuelle Verhalten beeinflussen. Wir glauben alle gern, dass das, was wir tun, unsere freie Entscheidung ist, auf dem freien Willen basiert - wir tun, was wir wollen. Als Sozialpsychologe wollte ich zeigen, wie eine negative Situation gute Menschen dazu bringen kann, böse Dinge zu tun.

Schon viel früher hatte ich Stanley Milgram kennengelernt, einen kleinen jüdischen Buben, wir waren in der gleichen High-School-Klasse. Das war 1949/50, also nicht lang nach dem Zweiten Weltkrieg. Stanley war immer besorgt, ob es jemals möglich wäre, dass er und seine Familie in den USA in ein Konzentrationslager gebracht werden? Und alle haben gesagt, Unsinn, wir sind nicht diese Art von Menschen, Amerikaner sind doch nicht wie Nazis. Und er meinte: Woher weißt du das, solange du nicht in der Situation bist? Später führte er sein Experiment zu Autoritätsgehorsam durch (1961; Anm.). Die große Frage war, wie weit würdest du gehen?

Ich dachte mir dann, es ist relativ selten, dass dir jemand sagt, du sollst etwas Böses tun. An meiner Studie nahmen gescheite junge College-Studenten aus ganz Amerika teil, alle psychisch und körperlich gesund. Sie wussten, dass es ein Experiment war, kein echtes Gefängnis. Sie haben auch einen Vertrag unterzeichnet, dass sie jederzeit leicht aus dem Experiment aussteigen konnten, wenn ihnen der Stress zuviel wird.

APA: Sie stoppten das Experiment bereits nach sechs Tagen, wie ging es Ihnen dabei?

Zimbardo: Am fünften Abend wollte ich mit Christina Maslach, damals Absolventin, zu Abend essen. Sie kam in den Keller und sah die "Wächter", wie sie die "Gefangenen" beschimpften, Ketten anlegten und ihnen Kapuzen aufsetzten. Sie weinte und sagte: "Ich kann das nicht mitansehen, das ist schrecklich" und rannte hinaus. Sie schrie mich an, hör auf damit, das sind junge Studenten, die leiden, und du bist verantwortlich dafür. Du bist dir selbst deiner Situation nicht bewusst, du bist hier der böse Gefängnisdirektor. Ich dachte, oh Gott, sie hat recht. Am nächsten Tag brachen wir ab.

APA: Glauben Sie eher an das Gute oder Böse im Menschen?

Zimbardo: Wir alle haben das Potenzial, gut und böse zu sein. Es kommt wirklich immer auf die Bedingungen an, in denen wir aufwachsen, und auf das Umfeld, in dem wir leben. Es hängt vom sozialen Druck auf uns ab. Ob du in einem Kriegsgebiet oder unter großem wirtschaftlichem Druck aufwächst. Was du tust, um zu überleben - etwa stehlen oder lügen - ist nicht böse, es ist eine Überlebensstrategie. Wenn du aber bei einer wohlhabenden Familie in einem sicheren Land aufwächst, bewegst du dich genau in die andere Richtung. Wir müssen uns der negativen Faktoren einer Situation bewusst sein und versuchen, ihnen vorzubeugen oder sie zu ändern. Und, wenn wir Einfluss haben, positive Bedingungen schaffen.

Täter sind meist einsam und isoliert

Wenn Menschen, vor allem Jugendliche, töten oder zu Amokläufern werden, stellt sich danach immer die Frage nach dem "Warum". Philip Zimbardo sieht eine Begründung vor allem in der sozialen Isolation der Täter und setzt sich dafür ein, bereits vorher zu überlegen, wie es etwa an Schulen gelingen kann, alle Kinder und Jugendlichen zu integrieren.

APA: Was kann die Ursache oder der Auslöser sein, wenn vermeintlich "unauffällige" Jugendliche töten?

Zimbardo: In den USA gibt es durch den Zugang zu Massenvernichtungswaffen einen Unterschied. Wenn ein Teenager in Österreich eine Person tötet, sind es in den USA 20 Todesopfer oder mehr, weil der Täter dort eine Maschinenpistole hat. In den USA werden Schusswaffen seit jeher glorifiziert, das ist Teil der Kultur. Jedenfalls sind solche Schützen nahezu immer jung und männlich. Meistens sind es relativ einsame und isolierte junge Burschen, die kaum Freunde, kaum soziale Bindungen haben. Oft haben sie Depressionen. Manche entwickeln dann Fantasien: Was kann ich tun, um jemand zu sein? Damit die Leute wissen, wer ich bin?

In den USA liest jedes Kind über solche "Shooters". Der Schütze wird berühmt, die Menschen kennen seinen Namen. Es passiert überall - in großen Städten und kleinen Orten am Land. Es gibt in den USA auch das "Going postal" genannte Phänomen, eine Bezeichnung für Amokläufe am Arbeitsplatz. Das ist keine so eine spezifische Umgebung, wie ein Gefängniskeller, sondern eine viel breitere soziale Situation, in der die Menschen gefangen sind. Die Medien spielen hier auch eine sehr große Rolle, das wurde nie so richtig anerkannt. Die reißerischen Schlagzeilen bleiben bei den Leuten hängen. Nach 9/11 machten die Medien mit ihren Titelseiten den Menschen mehr Angst vor Terrorismus als es die Terroristen selbst taten.

APA: Was kann getan werden, um solche Taten verhindern?

Zimbardo: Das ist schwierig. Es sind relativ wenige Jugendliche, die töten oder vergewaltigen. Aber wenn sie es tun, ist es extrem dramatisch, dann beeinflussen sie sich gegenseitig. In vielen Fällen gab es Warnsignale, es heißt nachher oft: "Er war ein Einzelgänger" oder "Er hatte kaum Freunde". Wir beschäftigen uns viel zu wenig damit, was wir schon weit davor tun können, um so ein Verhalten zu verhindern. Mit Zuschreibungen wie "seltsam" in einem negativen Sinn sollte man vorsichtig sein. In Schulen müsste man soziale Fähigkeiten fördern und dafür sorgen, dass niemand ausgeschlossen wird.

APA: Welche Rolle spielen Soziale Medien?

Zimbardo: Wir sollten sie "asoziale Medien" nennen. Die Menschen sind durch diese neuen Technologien zwar auf der ganzen Welt miteinander verbunden und Nachrichten verbreiten sich in Mikrosekunden. Aber es sind fast immer negative Nachrichten. Der menschliche Verstand reagiert viel schneller auf Negatives, weil das möglicherweise eine Bedrohung darstellt. Ich glaube, die Medien wissen das instinktiv - positive Geschichten sind selten auf dem Titelblatt. Das ist auch ein Problem, das ich jetzt mit meinem Helden-Projekt habe.

APA: Wo liegt der Fokus Ihrer aktuellen Arbeit?

Zimbardo: Ich forsche zur Psychologie der Zeitwahrnehmung. Und fast 50 Jahre nach dem Gefängnis-Experiment mache ich es nun umgekehrt: Ich schaue mir an, was passiert, wenn man ganz gewöhnliche Menschen in positive Situationen bringt. Könnte man sie zu Helden machen? Es gab bis jetzt kaum psychologische Forschung zum Heldentum. Meine Vision ist, dass Menschen Mitgefühl in heroische Taten umsetzen. Das ist meine Mission.