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Flüchtlingslager auf Lesbos"Ich habe noch nie so großes psychisches Elend gesehen"

Salzburger Psychologin von Ärzte ohne Grenzen berichtet von katastrophalen Zuständen in überfüllten Lagern: "Traumatisierte Menschen bezahlen für Politik der Abschottung".

Flüchtlingslager Moria auf Lesbos
Flüchtlingslager Moria auf Lesbos © AP
 

"Ich habe noch nirgends ein so großes psychisches Elend gesehen wie dort - bei uns in Europa." Das sagte Monika Gattinger-Holböck, Psychotherapeutin bei Ärzte ohne Grenzen (MSF), die nach Einsätzen in Pakistan, im Libanon und im Norden des Irak zuletzt in einer MSF-Klinik für Überlebende von Folter und Gewalt auf der griechischen Insel Lesbos gearbeitet hat.

Völlig unzureichenden Strukturen stehen 7.400 Menschen - davon mehr als 2.000 Kinder - im Flüchtlingslager Moria gegenüber. Sie müssen dort nach den Vorgaben des im März 2016 geschlossenen Türkei-EU-Deals auf die Entscheidung in ihrem Asylverfahren warten. "Die meisten verlieren dort jede Hoffnung und brechen seelisch zusammen", berichtete Gattinger-Holböck, "die Klinik kann dem Bedarf nicht gerecht werden."

30 neue Patienten pro Tag wurden Anfang Oktober behandelt, bis zu zehn von ihnen wegen akuter Suizidgefährdung oder psychotischen Symptomen. Zwei Monate später standen 554 Patienten auf der Warteliste.

Politik der Abschottung

"Durch die absurde EU-Politik der Abschottung bezahlen die Flüchtlinge schwer mir ihrer Gesundheit - auch mit ihrer seelischen Gesundheit", warnte die Salzburger Psychologin im Vorfeld des Weltflüchtlingstags, der am Mittwoch begangen wird. Seitens der griechischen Behörden ortet sie teils Überforderung und teils Unwillen.

So seien im dem Lager sechs Psychologen im Auftrag des Gesundheitsministeriums tätig, um traumatisierte Flüchtlinge zu identifizieren, sie haben aber keine Übersetzer zur Verfügung. Traumatisierte Menschen gelten laut einer EU-Richtlinie und der Genfer Flüchtlingskonvention als besonders schutzwürdig. Ihnen stehen bessere Aufnahmebedingungen und psychosoziale Betreuung zu. Nach den Erfahrungen Gattinger-Holböcks wird auf Lesbos fast kein Flüchtling als besonders schutzwürdig anerkannt.

Erfahrungen auf der Flucht

Um Traumata nach Krieg, Gewalt und Folter zu überleben, benötigen Flüchtlinge in erster Linie eine stabile Situation, in der sie sich sicher fühlen können. Das hielt die Psychotherapeutin Barbara Preitler von der Betreuungseinrichtung Hemayat fest, die sich in Wien um Betroffene kümmert. "Wir würden uns viel bessere Rahmenbedingungen für unsere Arbeit wünschen", sagte die Expertin. Bei Hemayat, Kooperationspartner von MSF, stehen derzeit mehr als 400 traumatisierte Menschen auf der Warteliste für einen Therapieplatz. Die NGO finanziert sich durch Förderungen und Spenden. Immer häufiger kommen Menschen mit traumatischen Erfahrungen auf der Flucht.

Die Ungewissheit über den Ausgang des Asylverfahrens oder rassistische Übergriffe, von denen man bei Hemayat zunehmend häufiger höre, seien neben der fehlenden Möglichkeit, eine Arbeit aufzunehmen, die größten Hindernisse für die Betroffenen, ihre Traumata hinter sich zu lassen, sagte Preitler. Diese Traumata können sich in psychotischen Zuständen äußern, in Alpträumen, Depressionen oder Angst, zu den häufigsten Symptomen gehören Konzentrations- und Merkstörungen.

Mehr Sensibilität wünscht sich die Psychologin auch bei Befragungen im Asylverfahren, denen die Flüchtlinge ohnehin mit Angst entgegensehen. "Ein traumatisierter Mensch ist vielleicht gar nicht imstande, eine stringente Geschichte zu erzählen", mahnte Preitler.

Fehlender politischer Wille

Sowohl für Ärzte ohne Grenzen als auch für Hemayat ist die unzureichende Versorgung traumatisierter Flüchtlinge keine Frage fehlender Kapazitäten, sondern eines Mangels an politischem Willen.

Im Fall des Irakers Ibrahim sieht das nach einer Schilderung Gattinger-Holböcks so aus: Er wurde in seinem Heimatland gekidnappt, musste Enthauptungen mitansehen, wurde zum Schein hingerichtet, schaffte die Flucht in die Türkei und kam in Haft. Dort erfuhr er vom Tod seiner im Irak zurückgebliebenen Frau und seines Sohnes durch einen Bombenangriff. Er flüchtete nach Griechenland und kam ins Lager Moria.

Als ihn ein Freund nach einem Suizidversuch in die MSF-Klinik brachte, konnte er nach Angaben der Psychotherapeutin zunächst weder sprechen noch Blickkontakt aufnehmen. Stimmen in seinem Kopf sagten ihm jeden Tag, er würde am Abend umgebracht. Sein Asylgesuch wurde in erster Instanz abgelehnt.

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