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Teure WahrheitDie Formel für gutes Gelingen

Ein Messverfahren namens WLTP soll die Verbrauchsangaben von Neufahrzeugen realistischer machen. Der Plan scheint aufzugehen, nur werden alle Autos damit automatisch teurer. Wir erklären, warum.

Die Normverbrauchsabgabe richtet sich direkt nach dem Verbrauch. WLTP kann den Kauf also empfindlich teurer machen © 
 

Es ist eines dieser ungeliebten Ärgernisse, das seit Jahren durch die Gazetten und über die Stammtische dieses Landes geistert: Die Verbrauchsangaben von praktisch allen Autos stimmen einfach nie mit dem tatsächlichen Spritkonsum überein. Die Gründe dafür sind vielfältig: Zum einen sind die Ergebnisse des NEFZ (neuer europäischer Fahrzyklus) genannten Messprozederes ein reiner Laborwert und damit fern jeglicher Autofahrrealität. Zum anderen dürfen die Hersteller tricksen und schummeln, dass sich die Messbalken biegen. Und die Zeche bezahlt natürlich der Konsument. Dass er dabei tatsächlich auch Nutznießer ist, dazu kommen wir später.

Jedenfalls: Um die Herstellerangaben realistischer zu machen, kommt nun ein neues Messverfahren zur Anwendung. WLTP (Worldwide Harmonized Light Vehicle Test Procedure, weltweit vereinheitlichte Testprozedur für Pkw) wird zwar nach wie vor zu einem großen Teil auf dem Prüfstand gefahren, die Prozedur an sich ist im Vergleich zum bis jetzt verwendeten NEFZ jedoch deutlich komplexer. So dauert die Messung an sich mit 30 Minuten doppelt so lange, die Standzeit reduziert sich von 24 auf 13 Prozent und die gefahrene Strecke erhöht sich von elf auf 23 Kilometer.

WLTP

Verpflichtend: Seit September 2017 müssen alle neuen Fahrzeugmodelle den deutlich strengeren Prüfzyklus inklusive Straßenmessungen (RDE) bestehen. Seit 1. September 2018 gilt das für alle neu angemeldeten Fahrzeuge.

Dazu liegt die gefahrene Höchstgeschwindigkeit nun bei 131 statt wie bisher bei 120 km/h. Damit ergibt sich mit 46 km/h eine schon ziemlich realistische Durchschnittsgeschwindigkeit. Und mehr noch: Auch die Schaltpunkte sind nicht mehr fix vorgegeben, sondern können von Auto zu Auto variieren, um Motoren, die nur auf die Prüfstandsmessung hinoptimiert wurden und ansonsten anstößige Trinksitten haben, gleich vorab Einhalt zu gebieten. Allein diese Umstellungen können den gemessenen Verbrauch um bis zu 20 Prozent in die Höhe treiben – bei ein und demselben Auto.

Zur Anwendung kommt WLTP übrigens schon seit September 2017. Seit 1. September dieses Jahres gilt die Regelung für alle neu zugelassenen Autos, was bereits zahlreiche Versionen und Motorisierungen aus den Preislisten hat verschwinden lassen. Bei vielen haben die Hersteller nicht einmal mehr versucht, die Homologation zu schaffen. Was einem natürlich zu denken gibt.

Das neue Prozedere hat deutlich strengere Auflagen: Der Zyklus dauert länger, die Standzeiten wurden reduziert Foto © VW

Echter Alltag. Das ist aber erst der Anfang. Denn gleichzeitig gibt es erstmals auch Messungen auf der Straße. RDE, also Real Driving Emissions, kommt bei neuen Modellen ebenfalls seit letztem Jahr zum Zug, für bestehende Modelle wird diese zusätzliche Prüfung aber erst ab Herbst 2019 verpflichtend. Und spätestens hier ist dann endgültig Schluss mit allen Formen von Prüfstand-Tricksereien.

Mindestens 90 Minuten wird durch die Stadt, überland und auf der Autobahn gefahren. Zwar in streng vorgegebenen Temperatur- und Geschwindigkeitsbereichen, aber dennoch schlägt der Alltag stets die Laborbedingungen. Schließlich beinhalten diese 16 Kilometer Strecke Steigungen, vielleicht sogar Stop-and-go-Verkehr und so weiter. Wie im wahren Leben eben. Das heißt: Maßnahmen wie das Start-Stopp-System fallen kaum mehr ins Gewicht. Geringes Gewicht und ein niedrigerer Luftwiderstand gewinnen dafür an Bedeutung.

Und das ist immer noch nicht alles: Zusätzlich müssen die Autos nun voll und ganz dem Serienzustand entsprechen. Das bedeutet: Nicht mehr nur die leichte Basisversion kommt zum Handkuss, sondern wirklich jede Ausbaustufe mit allen erhältlichen Rad/Reifen-Kombinationen, Ausstattungsdetails und so weiter und so fort. Kein Wunder, dass viele Hersteller bereits reagierten und den Optionen-Wahnsinn massiv eindampften.

Kein Mogeln mehr: WLTP unterbindet auch Tricks wie Leichtlaufreifen Foto © Daimler
Einige belassen es nun überhaupt bei fix vorgegebenen Versionen, die nicht mehr nach Belieben aufgerüstet werden können, nur damit sie irgendwann auch einmal mit dem Testen fertig werden.
Jedenfalls zeigt allein schon die Tatsache, dass mit den Fahrzeugen wirklich gefahren wird, dass die Verbrauchsangaben zwar realistischer, aber automatisch auch höher sein werden. Ein Nebeneffekt, der vor allem in Österreich schnell schmerzliche Folgen haben wird, ist die damit verbundene NoVA-Einstufung.

Die Normverbrauchs­abgabe, zu entrichten bei jedem Auto, das das erste Mal in Österreich zugelassen wird (egal ob Neu- oder Gebrauchtwagen), richtet sich nämlich direkt proportional nach dem CO2-Ausstoß, der wiederum vom Verbrauch abhängt. Durch die Mogelei der letzten Jahre war der angegebene Verbrauch vielleicht völlig unrealistisch – dies sorgte jedoch für eine angenehm niedrige Einstufung, über die sich wohl kein Neuwagenkäufer jemals beschwert hätte. Schnalzen die Angaben aufgrund von WLTP jetzt aber nach oben, steigen zwangsläufig auch die Abgaben.

Experten gehen davon aus, dass nur aufgrund der Umstellung auf WLTP die NoVA um zwei bis drei, in Extremfällen sogar um sieben Prozentpunkte steigen wird. Der ÖAMTC hat diese Auswirkungen mit einem Rechenbeispiel veranschaulicht: Kostet ein Pkw bislang 32.700 Euro, würde die neue Einstufung die Abgabe um 900 Euro erhöhen. Der Gesamtpreis liegt dann schon bei 33.600 Euro, für das haargenau gleiche Auto. Doch Österreich wäre nicht Österreich, gäbe es da nicht ein paar Ausnahmen und Übergangslösungen.

Die Normverbrauchsabgabe wird bei jedem erstmals in Österreich zugelassenen Auto fällig Foto © Fotolia

Was ist die Normverbrauchsabgabe?

Auslöser für die NoVA war die EU. Als Österreich 1995 der Staatengemeinschaft beitrat, war die Umsatzsteuer auf Neufahrzeuge in der Höhe von 32 Prozent nämlich schlagartig verboten. Mehr als 20 Prozent durften nicht mehr ver­anschlagt werden. Da die Einführung neuer Steuern aber ebenfalls nicht erlaubt war, die Einnahmen der „Luxussteuer“, wie sie der Volksmund nannte, dennoch nicht wegfallen sollten, wurde man im Finanzamt kreativ und erfand stattdessen einfach eine neue Abgabe, auf die natürlich auch wieder die Mehrwertsteuer fällig wird. Clever, oder?

Die Normverbrauchs­abgabe ist bei allen Pkw fällig, die für den privaten Gebrauch bestimmt sind und erstmalig in Österreich ­zugelassen werden. Das heißt also: Sowohl Neu- als auch Gebrauchtwagen sind davon betroffen. Je älter ein Auto ist, desto geringer fällt die Zahlungsschuld aber aus. NoVA-befreit ­hingegen sind Oldtimer, Anhänger und Wohnwagen sowie gewerblich genutzte Fahrzeuge, zum Beispiel Taxis, Fahrschulautos oder Klein-Lkw. Wie der Name schon ­verrät, richtet sich die NoVA nach den Verbrauchswerten des jeweiligen ­Autos, wobei als Ausgangsbasis der CO2-Ausstoß ­verwendet wird. Elektro­autos sind somit auto­matisch NoVA-befreit, da sie lokal keine Abgase emittieren.

So wird gerechnet: Von dem Emissionswert des angegebenen kombinierten Verbrauchs in Gramm pro Kilometer ­werden 90 Gramm ab­gezogen. Der verbleibende Wert wird durch fünf geteilt und fertig ist die Abgabenhöhe in Prozent des Fahrzeugpreises. Fahrzeuge, die ­weniger als 90 Gramm CO2 ausstoßen, wären ­theoretisch auch NoVA-­befreit. Gedeckelt ist die Abgabe erst bei 32 Prozent. ­Allerdings erhöht sich bei einem Ausstoß von mehr als 250 Gramm die ­Zahllast zusätzlich um 20 Euro pro jedem zusätzlichen Gramm.

So hat der Verband der Automobilimporteure mit dem Finanzministerium ausgehandelt, dass bis Ende 2019 als Berechnungsgrundlage für die Normverbrauchsabgabe weiterhin der NEFZ verwendet wird. Diesen ermittelt man künftig aber einfach durch eine Rückrechnung von den WLTP-Angaben mit der „CO2MPAS“ genannten Formel. Doch keine Sorge: Dabei handelt es sich um keine österreichische Erfindung, sondern um eine EU-weit anerkannte Lösung, die entstand, weil die definierten Grenzwerte für Flottenverbräuche bis 2020 noch auf Basis des NEFZ festgelegt wurden.

Der nach dem Dieselskandal frühzeitig eingeführte WLTP würde jetzt aber Ergebnisse liefern, mit denen diese Vorgaben nie und nimmer einzuhalten wären. Da aber nur mehr nach diesem Prozedere gemessen wird, muss man sich bis zu den noch zu definierenden Normen des nächsten Jahrzehnts also mit mathematischen Korrekturen irgendwie hinüberretten.

Für heimische Autokäufer ist das zwar schön, so günstig wie bis jetzt kommt aber kaum mehr jemand davon, da sich trotz Umrechnung dezente Verteuerungen nicht vermeiden lassen. So wurden im Rahmen der Umstellung des Messverfahrens auch zahlreiche Mogelmöglichkeiten eliminiert, was sich natürlich negativ auf den Verbrauch und damit die NoVA-Einstufung ausgewirkt hat.

Teil der neuen Messung: Verbrauchs­fahrten auf der Straße Foto © VW
Es darf etwa nicht mehr mit abgeschalteter Klimaanlage oder ohne Lichtmaschine (den Strom liefert nur eine aufgeladene Batterie), angeklappten Außenspiegeln, abgeklebten Karosseriespalten oder verstellter Spur zur Senkung des Reibungswiderstands angetreten werden. Doch das ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was ab 2020 auf uns zukommen wird. Gibt es nämlich keine Neuregelung der Normverbrauchsabgabe, wie und anhand welcher Werte sie berechnet wird, sind Steigerungen von bis zu 20 Prozentpunkten möglich, wenn WLTP die Basis bildet.

Doch die letzten Meldungen aus dem Finanzamt klingen versöhnlich. Bis Ende 2019 soll nämlich eine neue NoVA-Berechnung erarbeitet werden, die ab 2020 zur Anwendung kommen und aufkommensneutral sein soll. Sprich: Durch die neue Berechnungsformel bleibt das ­NoVA-Aufkommen so hoch wie bisher. Und wenn nicht, dann gibt es wenigstens wieder genug Gesprächsstoff für die Stammtische dieser Nation.

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