Squid Game: Was hinter dem Hype um die Serie steckt
Die Netflix-Serie „Squid Game“ bricht alle Rekorde. Warum die Produktion zum globalen Hype wurde, wer daran verdient und was die Folgen sind.

Game over? Davon kann keine Rede sein. „Squid Game“ ist ein weltweites Serienphänomen und stieg dieser Tage zur erfolgreichsten Netflix-Serie aller Zeiten auf. Mehr als 111 Millionen Haushalte verfolgten bislang das Schicksal von 456 armen Schuldnern, die ihr Leben aufs (Kinder)-Spiel setzen, um sich von der überwältigenden Schuldenlast zu befreien. Eine Gesellschaftsdystopie in bunten Farben wird zum Bestseller. Die südkoreanische Serie von Regisseur Hwang Dong-hyuk erzählt von einem zur Unterhaltung degenerierten Umgang der Eliten mit den Ärmsten, angesiedelt zwischen Gamingshow und Splatter-Serie. Die ästhetisierte bluttriefende Gewaltfantasie bildet die Oberfläche einer Handlung, die sich um den notorischen Spieler und Unglücksraben Seong Gi-hun (Lee Jung-jae) dreht. Mit 455 weiteren Verzweifelten muss er sich in sechs Spielen beweisen, um an Geld, den Heiligen Gral, zu gelangen. Mitleid hat er von den pink-uniformierten und maskierten Wachleuten nicht zu erwarten.
Die Geschwindigkeit der weltweiten Verbreitung – ermöglicht durch die Geschichtenmaschine Netflix und den Katalysator TikTok – ist atemberaubend und der Hype um „Squid Game“ wuchert ins Kuriose wie ins Nützliche: Die Nachfrage nach Südkoreanisch-Sprachkursen soll sprunghaft gestiegen sein, auf Halloween-Partys dürften die Uniformen und grünen Trainingsanzüge zum Hit werden. In China reagieren die Behörden indes verschnupft, weil der Hype zu einer massiven Zahl illegaler Filesharing-Downloads geführt haben soll. Und in Südkorea klagte ein Internetdienstleister Netflix, weil das Streamen der Serie so viel Datenvolumen verbrauche. An belgischen Schulen, wo die Serie nachgespielt wurde, gab es Verletzte.

Auch in Österreich ist das Phänomen angekommen: Ein Wiener Café bietet eigene „Squid“-Wettbewerbe mit Dalgona-Keksen an. Wem diese Zucker-Backpulver-Leckereien nicht genügen, dem wurde in Abu Dhabi geholfen, wo das Korean Cultural Center die Serie mit Freiwilligen nachspielen ließ. Zwar wurde auch dort geschossen, aber nicht erschossen. „Die Spiele scheinen ein bisschen brutal“, erklärte Nam Chan-woo, Direktor des Kulturzentrums, der die Serie auch als Gelegenheit sieht, koreanische Kultur zu vermitteln.
Ein Ansatz, den man wohl unter die Kategorie verlorene Liebesmüh verbuchen kann, denn die über allem schwebende Botschaft der Serie – eine in alle Facetten der Produktion eingewobene Kapitalismuskritik – wird gerade nach allen Regeln der Ökonomie ins Gegenteil verkehrt: Jeder will an der Serie verdienen. Der chinesische Tschantscherlmarkt von Handyhüllen bis Shirts läuft auf Hochtouren und ist doch nur die untere Preiskategorie. Die Seriendarsteller selbst sind über Nacht begehrte Testimonials geworden: Hauptdarsteller Lee Jung-jae schafft es als Model in die koreanische Vogue, während sein weibliches Pendant Jung Ho-yeon bei Louis Vuitton vom Model zur „globalen Botschafterin“ ernannt wurde.

Auf der Spielplattform „Roblox“ spielt man längst „Red Light, Green Light“, sodass man sich bei Netflix in seinem Weg bestätigt fühlen wird: Seit Jahren investiert man in den Einstieg ins Videospielgeschäft. Auch der im Juni online gegangene Merchandise-Stores bietet „Squid Game“-Shirts und -Hoodies an. Nicht zu vergessen, warum die Hypesau auch durchs globale Dorf getrieben wird: die Lust an der darwinschen Prämisse „Survival of the Fittest“. Anderen dabei zuzusehen, um das eigene Leiberl zu rennen, ist nicht erst seit „Tribute von Panem“ ein Erfolgsrezept. Bei all dem geht die Gesellschaftskritik, die DNA vieler südkoreanischen Filme und Serien, schlichtweg unter. Role Model ist hier der mehrfache Oscar-Preisträger „Parasite“. Und von dem kennen wir auch das Prinzip: An jeder Goldader treffen sich die Glücksritter.