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Tocotronic in Graz: Das Einfache und das Komplizierte

Das Indieohren-Festival auf der Grazer Messe hatte mit Tocotronic einen perfekten Headliner.

© IMAGO/Carsten Thesing
Dirk von Lowtzow von Tocotronic (Aufnahme aus Berlin)
Martin Gasser
Ressortleitung Kultur und Medien

Kobrakasino, Zahn, Luisa Schweig, Ende, Fraeulein Astrid, Efeu und Anda Morts bot das Indieohren-Festival 2026 auf, um einen Nachmittag und einen Abend aktuelle Musik mit hohem österreichischen Anteil unter das (erfreulich heterogene) Publikum zu bringen. Headliner waren Tocotronic und damit wieder einmal die Frage, wie man das Komplexe und das Schlichte zusammenführt. Wie kann man die Unübersichtlichkeit der Welt in Slogans verpacken, und zugleich nicht so tun, als wäre alles ganz einfach? Dirk von Lowtzow und der Band Tocotronic gelingt dieses Kunststück seit mehr als 30 Jahren. Es ist eine Musik voller Spannungsverhältnisse, die an Widersprüche grenzen, was auch beim Grazer Konzert unüberhörbar war.

Diese Musik wurde zwar oft als „Diskurs-Pop“ gescholten, die intellektuell verblasene Leitartikel als Popsongs verkaufen möchte. Dabei braucht das natürlich die Urkraft von Rock und die Emotionalität des Augenblicks, um zu funktionieren. In Graz hob das Konzert erst im letzten Viertel ab, nämlich ab „Let there be Rock“, wo das begeistert abfeiernde Publikum den Song sozusagen beglaubigt. Man ist versucht an die Talking Heads zu denken, die wahren Väter von Tocotronic, von denen Herz, Verstand und Tanzbein so lange gleichzeitig bedient worden sind, bis kein Unterschied zu erkennen war. Oder, wie es Talking-Heads-Mastermind David Byrne viel besser und eben einfacher (!) ausdrückte: „If you dance, you might understand the words better.“

Ein furioses Finale

Vor dem furiosen Finale, das von einem etwas postrockigen „Explosion“ zur Zugabe gekrönt worden ist, war das vielleicht ein bisschen uninspiriert. Böse könnte man sagen, es waren unbeeindruckende Versionen von beeindruckenden Songs, etwa ein doch sehr unkonturiertes „Sie wollen uns erzählen“. Gut, diese Songs sind mittlerweile so mit Bedeutung, mit Gewicht aufgeladen, dass die Realität einfach nicht mehr mithalten kann. Eine Live-Performance kann die ganze Geschichte von ikonischen Songs nicht mehr vermitteln, außer natürlich du heißt Bob Dylan.

Freilich zeigte das um einen Live-Musiker (Felix Gebhardt von der Band Zahn) erweiterte Trio, dass es den vermutlich aufregendsten Song-Katalog aller deutschsprachigen Bands hat und live aus dem Vollen schöpfen kann. Und dass man nach wie vor auf dem eingangs erwähnten schmalen Grat zwischen Anspruch und Einfachheit balanciert, wie niemand sonst der vielen Kollegen. Diese Band will etwas, und dass sie etwas will, verdeutlicht sie immer noch sehr gut.