Zverev: „Nach Paris hat sich viel gelöst bei mir“
Alexander Zverev blickt vor den am Montag startenden Erste Bank Open auf seine sensationelle Saison zurück und verrät seine weiteren Ziele.

Alexander Zverev hat 2026 sein Erfolgskonto gewaltig aufgestockt. Jahrelang war dem mittlerweile 29-jährigen Deutschen der Ruf vorausgeeilt, dass er bei den Majors den letzten Schritt nicht schafft. Als nunmehr zweifacher Grand-Slam-Sieger kann sich Zverev in Wien mit zwei Siegen auch noch zur Nummer 1 küren. An einem Schauplatz, das sagt er immer wieder, an dem er sich sehr wohl fühlt. Erster Gegner ist möglicherweise schon am Montag der Spanier Martin Landaluce.
Die ständigen Fragen nach dem ihm noch fehlenden Grand-Slam-Titel konnten teilweise schon Journalisten selbst nicht mehr hören. Die Erleichterung darüber, bei den diesjährigen French Open den Bann gebrochen und später bei den US Open noch getoppt zu haben, ist dem Noch-Weltranglisten-Zweiten schon anzuhören.
„Grand-Slam-Titel sehr wichtig für meine Karriere“
„Es war das einzige Turnier, das ich nicht gewinnen konnte. Auf jedem anderen Level habe ich gewonnen, natürlich nicht jedes Turnier auf der Welt. Ich hatte mental ein bisschen Druck. Dieser Grand-Slam-Titel, der war schon für mich und für meine Karriere sehr wichtig. Nachdem ich in Paris gewonnen habe, das hat schon viel gelöst bei mir“, gestand Zverev auf APA-Nachfrage. Dies habe ihm dann auch den New Yorker Erfolg ermöglicht. „Darüber bin ich sehr glücklich.“
Ob sich die Außenwahrnehmung vonseiten der Öffentlichkeit und der Fans geändert habe, verneinte der Wien-Sieger 2021. „Ich glaube nicht. Ich bin seit 2017 in den Top Ten der Welt. Wenn du schnell auf die Tour kommst und schnell so einen großen Titel gewinnst, verändert das was. Ich denke, die Tennisfans kannten mich. Klar, es ist trotzdem angenehm, jetzt zwei so große Titel zu haben.“
Sein Hunger ist noch gar nicht gestillt
Während manch andere Sportler nach dem Erreichen des ganz großen Ziels nicht nur durchatmen, sondern gar in eine mentale Krise stürzen - wie es einst auch Dominic Thiem zugegeben hat - ist bei Zverev der Hunger nach mehr nicht gestillt. „Man muss sich immer wieder neue Ziele setzen. Dieses Jahr war es, einen Grand Slam zu gewinnen, danach war es Nummer eins zu werden. Ich habe auch noch andere Ziele: Ich möchte hoffentlich noch die Chance haben, die anderen zwei (Majors) auch noch zu gewinnen. Das wäre schon etwas Besonderes für mich.“
Blut geleckt hat Zverev insbesondere in Wimbledon, wo er erst im Finale gegen Jannik Sinner verloren hat und so weit wie nie zuvor gekommen war. „Ich hatte dieses Jahr zum ersten Mal das Gefühl, dass ich auf Rasen auch mitspielen kann. Dass ich auf Rasen Tennis spielen gelernt habe, ist für mich auch ein Riesenerfolg gewesen, und ich endlich mal bei allen Vieren eine Chance habe, den Titel zu gewinnen.“
Freut sich auf Konkurrenz mit Sinner und Alcaraz
In diesem Jahr waren bei seinen Triumphen an der Seine und in Flushing Meadows die entweder verletzt ausgefallenen oder angeschlagenen Topstars Jannik Sinner und Carlos Alcaraz nicht (mehr) im Bewerb. Dass künftig der Weg zum Siegerscheck wieder vermehrt über diese Stars führen muss, ist Zverev bewusst. „Klar, Jannik und Carlos sind die größten Herausforderungen, die wir im Tennis haben, das ist keine Frage. Ich freue mich auch, gegen die in den nächsten paar Jahren konkurrieren zu können.“ Durchaus möglich, dass es schon beim so stark besetzten Wiener Turnier im Endspiel zum Duell mit Alcaraz kommt. „Bis dahin müssen wir natürlich unsere Arbeit machen, unsere Matches auch gewinnen.“
Zverev liebt Wien und Turnierumfeld
Der Diabetiker, der zum sechsten Mal im Stadthallen-Hauptfeld spielt, ist bekennender Wien-Fan. „Ich mag Wien. Ich liebe es, im deutschsprachigen Raum zu spielen, und finde die Stadt wunderschön, eine meiner Lieblingsstädte, die wir auf der Tour bereisen dürfen.“ Auch sonst ist Zverev auch vom Drumherum der Erste Bank Open angetan. „Die Hotels, in denen wir wohnen dürfen, sind wunderbar. Das Essen, die Menschen, die Organisation ist einzigartig für mich, absolute Weltklasse.“
Und ein bisschen brach er gar eine Lanze für die gute alte Stadthalle, auf deren Nachfolger in Neu-Marx die Fans schon so lange warten. „Es gibt Stadien auf der Welt, die größer sind und ein bisschen moderner, aber das ist nichts gegen die Stadthalle. Ich liebe die Atmosphäre, es immer sehr laut und energetisch. Die Fans sind sehr supportiv.“
Durchtrainieren und gezielt in Form sein als Konzept
Als einen Unterschied zu Vorjahren erwähnte Zverev eine andere Herangehensweise. Er habe Turniere, wie zuletzt auch in Asien, durchtrainiert mit physischen Einheiten, Gewichts- oder Lauftraining. „Ich habe mir ausgesucht, wo ich in Topform sein möchte. Es gab Turniere, wo ich nicht in Topform war und trotzdem meine Matches gewonnen habe. Aber in Topform war ich in diesem Jahr definitiv bei den Grand Slams, das habe ich gut gemacht mit meiner Mannschaft.“
Kritik von außen verstummt
Unkenrufer, Besserwisser und öffentliche Kritiker, darunter auch ein gewisser Boris Becker, sind nun verstummt oder loben den Deutschen. „Mich kritisiert hat immer nur einer und seine Meinung in den letzten paar Jahren interessiert mich wenig, um ehrlich zu sein. Weil jedes Mal, wenn er es gesagt hat, ist genau das Gegenteil passiert“, bezog er sich auf Becker, ohne dessen Namen zu nennen.
Seinen zweiten Wien-Titel als Ziel nimmt Zverev nicht in den Mund. „Ich will gutes Tennis zeigen, den Rest werden wir sehen.“