Den Ausschreitungen einen revolutionären Anstrich zu verleihen, würde sie romantisieren
In seiner Funktion als Herausgeber nimmt Hubert Patterer Stellung zu Fragen von Politik und Gesellschaft. Ausgangspunkt ist eine Leserzuschrift.
Sehr geehrter Herausgeber!
Was in Frankreich mit friedlichen Protesten von Schülern, Lehrern und Studierenden begann, artete in Orgien der Zerstörung aus. Autos brannten, Läden, historische Gebäude. Demonstrationen auch in Italien, Belgien, Portugal. Erinnern wir uns an die Französische Revolution 1789 und an den Sturm auf die Bastille. Das hatte weltweite, auch erschreckende Auswirkungen. Wir sollten uns keine Erinnerungslücken erlauben.
Helga Boyer, Graz
Liebe Frau Boyer!
1789? Bastille? Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit? Also, ich weiß nicht. Die Gewaltexzesse in Frankreich knüpfen meines Erachtens an keine geschichtliche Tradition an, auch an keine genetisch grundierte Protestkultur. Die Orgien haben für mich nichts Emanzipatorisches und nichts Revolutionäres wie die Arbeiterrevolten im 19. Jahrhundert oder die Bewegung der 68er. Es gibt hier kein politisches Programm, keine Utopie, keinen gesellschaftlichen Entwurf. Was die Bilder vermitteln, ist roher Nihilismus, blanke antizivilisatorische Zerstörungswut. Ihr einen revolutionären Anstrich zu verleihen, würde die Barbarei veredeln und romantisieren. Das gebührt ihr nicht. Damals ging es gegen den König, um die Befreiung von absolutistischer Willkür, Unterdrückung. Nationalhymne und Trikolore erzählen davon. Aber der Mob vom Wochenende zwischen abgefackelten Autos und zertrümmerten, geplünderten Läden hat keine Hymne angestimmt. Er schwang keine Trikolore. Er schwang Palästinenserfahnen. Er kaperte den öffentlichen Raum und feierte trunken dessen Eroberung. Wut und antiwestlicher Furor richteten sich gegen Symbole und Wahrzeichen jener Republik, die das Revolutionsjahr hervorgebracht hatte. Alles an diesen Bildern war anti-republikanisch. Ein Gebräu aus linksradikalen und migrantischen Faschos drosch auf die bürgerliche Warenwelt ein, auf Zeugnisse des christlichen Erbes und des liberalen Rechtsstaates. Die Hilflosigkeit und Überforderung der Ordnungshüter, die zurückwichen, schmerzten so sehr wie das Ausmaß an Zerstörung.
Die Geschehnisse führen vor Augen, wie rasch soziale Spannungen, eine generationsübergreifend gescheiterte Integration, abgehobene Eliten und politische Radikalisierung ein demokratisches Gemeinwesen in wirtschaftlichen Krisenzeiten erschüttern können. Neu ist die unheilige Allianz aus Linksextremismus und islamistischen Milieus. Das Anti-Jüdische verbindet das ungleiche Paar, in Berlin wie in Paris. Es sind Nachkommen mit französischem Pass ohne Bekenntnis zu den Grundwerten, die mit diesem verbunden sind. Viele lehnen sie offen ab und reklamieren die eigenen als Richtschnur für Recht und Ordnung. Es ist eine Machtprobe, bei der die westliche Welt, schenkt man dem Autor Michel Houellebecq und seiner fiktiven Dystopie „Unterwerfung“ Glauben, denkbar schlechte Karten hat. Ein ausgelaugtes Christentum, Konsumismus und der Verlust verbindlicher, bürgerlicher Werte haben eine metaphysische Leere geschaffen, Hohlräume, die andere mit Herrschaftsanspruch ausfüllen. Weil François, die Hauptfigur, an nichts glaubt, verliert er durch die Unterwerfung auch nichts, warum sollte er sich ihr widersetzen?
Die Agonie der Gemäßigten: Weil die politische Mitte ermattet und erledigt zuschaut, beschäftigt mit dem eigenen Bedeutungsverlust, kann sich die populistische Rechte als die wahre Gegenkraft in Szene setzen, als die Retterin des Abendländischen. Le Pen gegen Mélenchon, ganz rechts gegen ganz links, auf diese Polarisierung steuert nicht nur das benommene Frankreich zu, sondern halb Europa.
Eher wage ich einen Rückgriff auf Ingeborg Bachmann als auf die Bastille: Es kommen härtere Tage.