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Renate Götschl: „Es ist ein Privileg, aber es ist auch harte Arbeit“

Die steirische Speedqueen Renate Götschl blickt zurück in ihre Kindheit am Bergbauernhof und will Menschen die Natur und den Respekt davor wieder näher bringen. Den Skitourismus sieht sie trotz Kritik noch immer positiv, denn „wir können noch skifahren und ich freu mich auch über ein weißes Band.“

© Lukas Beck
Renate Götschl hat gemeinsam mit der Bergbäuerin Margret Lueger ein Buch über Kindheit am Bergbauernhof geschrieben und erinnert daran, was heute fehlt.
Barbara Haas
Leitende Redakteurin Frauen & Familie, Podcast-Host von fair&female

Als „Speedqueen“ sorgte sie viele Jahre für Rekordzeiten: Renate Götschl (51). Sie wurde dreimal Weltmeisterin, gewann einmal den Gesamtweltcup und zehnmal einen Disziplinenweltcup. Mit 46 Weltcupsiegen in vier verschiedenen Disziplinen zählt sie zu den erfolgreichsten heimischen Ski–Legenden, doch jetzt zeigt sie eine ganz andere Seite. Gemeinsam mit der Bergbäuerin Margret Lueger hat sie in einem Buch in ihre Kindheit im Murtal geblickt. In „Unsere Kindheit am Bergbauernhof - was von damals heute fehlt“ geht Götschl ganz weit zurück in ihrem Leben und erzählt, was sie inmitten von Kühen, Kälbern, Schweinen und vielen anderen Tieren gelernt hat. „Ich hatte große Freiheiten und ich habe gelernt, mit meiner Langeweile umzugehen und andererseits die Liebe zu den Tieren zu entwickeln. Das hat mir Respekt für die Natur eingebracht, den ich mein Leben lang nicht verlieren werde.“ Im Gespräch geht es aber auch um das Privileg eines Bauernhofes, der ja auch Besitz ist, es geht um Romantisierung von Selbstversorgung und wir sprechen über Götschls Leidenschaft, das Skifahren.

© Privat Honorarfrei
Bilder aus der Kindheit am Bergbauernhof.

Frau Götschl, Sie sind am Bergbauernhof auf 1000 Meter aufgewachsen. Was können Sie Menschen, die so ein Leben nicht kennen, mitgeben? Was fehlt denn von damals?

Renate Götschl: Was fehlt, ist bei vielen Menschen der Zugang zur Natur. Das beginnt bei den Lebensmitteln, die man billig kauft statt regional und geht bis zu den Wanderern, die einfach nicht verstehen können, dass man durch eine Herde Mutterkühe einfach nicht durchgeht. Das finde ich schade, denn das Leben mit der Natur ist großartig, aber man muss auch Demut zeigen und wissen, dass man nicht alles machen kann. Und für Eltern wünsche ich mir, dass sie manchmal die Digitalisierung einfach einmal weglegen, egal in welcher Form und sich wieder auf ihre Sinne einlassen und verlassen.

Ihre Kindheit war mit vielen Freiheiten versehen, wenn man sich Ihre Geschichten im Buch anhört. Auch mancher „Schabernak“, wie Sie selbst sagen, war dabei. Was ist Ihnen am stärksten in Erinnerung?

Die Freiheit hat mich kreativ gemacht, ich konnt den Tag meist so gestalten, wie ich wollte. Ich musste natürlich auch helfen, je nachdem, was zu tun war, aber ich habe viel selbst gemacht, musste aber auch lernen, mit meiner Langeweile umzugehen. Das ist aber eine ziemlich gute Übung.

Einen Bauernhof zu haben, zu erben, kann auch als Privileg verstanden werden: Sehen Sie das auch?

Ja, es ist ein Privileg, wenn man bedenkt, dass es ein Besitz ist. Doch es ist schon sehr harte Arbeit, bei der man vollständig von der Natur abhängig ist, wie man auch in diesem Sommer mit der Dürre gesehen hat. Also man hat von diesem Besitz ja insofern nichts, weil man ihn nicht weggibt, verkauft oder so. Die Bauern und Bäuerinnen tun alles, um zu überleben, insofern ist das Leben ein Privileg, die Umstände eher nicht.

Manche Passagen in dem Buch wirken fast romantisiert - alles selbst zu machen, alles anzubauen. Sich selbst zu versorgen. Das ist für Viele heute eine Sehnsucht. Wie blicken Sie darauf?

Es ist nicht romantisiert, ich hab es so erzählt, wie es war. Wir haben wirklich alles selbst gemacht, wir haben alles verarbeitet. Das mag vielleicht heute für manche super klingen, bei uns war einfach klar: Wir müssen sparen, wir können uns das gar nicht leisten, etwas nicht ganz zu verarbeiten. Deshalb würde ich mich freuen, wenn die Leute wieder stärker regional einkaufen würden. Das ist Handarbeit. Und die ist auch etwas wert.

„Ich freu mich auch über ein weißes Band Schnee“

© Privat Honorarfrei
Mit Margret Lueger hat Götschl jetzt ein Buch herausgebracht.
© Privat Honorarfrei
Viele Tiere, viele Freiheiten. Eine Kindheit mitten in der Natur.

Wie ging es Ihnen eigentlich, als der Profisport anfing und Sie aus dem Bergbauernleben herausgerissen wurden. War das ein Schock?

Ja, das war es schon, aber ich war so fokussiert und das Rennfahren war meine ganze Leidenschaft, dass ich mir immer dachte: Wenn ich schnell fahre, dann wird alles andere von allein passen. Ich war zwar schon eher schüchtern, habe aber dann auch gelernt mit dem Rummel und der Presse umzugehen.

Die Frage nach dem Wintersport und dem Skitourismus wird heftig diskutiert. Ist das ein guter Umgang mit Natur? Wie sehen Sie das?

Also ich sage: Man kann noch skifahren und ich sehe in erster Linie die Wertschöpfung und die Arbeitsplätze, die damit verbunden sind. Wir hätten sehr viele Arbeitslose in sehr vielen österreichischen Regionen, wenn wir die Skiwirtschaft nicht hätten. Insofern freue ich mich auch über ein weißes Band, wenn das halt nur mit Beschneiung da ist.

Skifahren ist mittlerweile ein Luxushobby...

Das sehe ich nicht so. Skifahren ist leistbar, man muss vielleicht dann schauen, ob man Wohnen und Essen anders organisieren kann, aber du kannst acht Stunden Skifahren für 70 oder 80 Euro. Und was dafür alles zur Verfügung gestellt wird, ist gigantisch. Österreich lebt vom Tourismus und ich finde, es wird so schonend, wie möglich betrieben.

Ihre beiden Töchter sind jetzt 15 und 16 Jahre alt - haben Sie ihnen Ihre Kindheit am Bauernhof auch näher bringen können?

Ja, ich hab sie so oft als möglich zur Oma gebracht, damit sie lernen, wie man mit Tieren umgeht, wie man Kühe und Kälber füttert, damit sie eben wissen, was der Wert dieser Arbeit, aber auch die Freude daran ist.