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Lutz Seiler: Lesereise als surrealer Road-Trip

Lutz Seiler lässt sein literarisches Alter Ego auf eine abenteuerliche Pilgerreise gehen.

© APA /Hendrik Schmidt
Autor Lutz Seiler
Karin Waldner-Petutschnig

Diese Liebesgeschichte ist mythengetränkt und aussichtslos, voll fiebriger Dringlichkeit und eisiger Verzweiflung: Lutz Seiler lässt sein literarisches Alter Ego, den Maurer und Dichter Carl Bischoff, den man schon aus dem Vorgängerroman „Stern 111“ kennt, auf eine abenteuerliche Pilgerreise gehen, die ihn von Berlin über Amsterdam, die Kurische Nehrung mit Thomas Manns Sommerhaus, bis in die Steppe von Kasachstan führt. Eigentlich ist es eine Lesereise für den nur wenig erfolgreichen Lyriker, die von einer mysteriösen Untergrundorganisation, den „Freunden der Erde“, organisiert wird. 

Carl weiß nicht, dass er sich in eine Schamanin verliebt, als er Ayscha in einer Berliner Bar kennenlernt. Die „Fellstiefelfrau“, wie er sie nennt, berührt ein Mal in seinem Handballen, ein Stigma: „Die Erde hat Heimweh“. Von da an zieht es ihn ihr nach, ohne zu ahnen, was sie mit ihm vorhat. Poetisch und surreal ist der Bilderbogen, den der Autor zwischen einer sprechenden Ziege im Tierpark von Berlin und den Jurten im sibirischen Winter aufspannt, sprachlich bezaubernd und voll leuchtender Details. 

Uranerz-Abbaugebiet

So wie der Büchner- und Bachmann-Preisträger Lutz Seiler stammt auch der Protagonist des Romans aus einem Uranerz-Abbaugebiet in der DDR. Kaum überraschend also, dass Carl schließlich in einem verwaisten Atomwaffen-Testgelände in der kasachischen Steppe landet, wo Ayscha, die inzwischen die Nachfolge ihres Schamanen-Vaters angetreten hat, mit ihrem Geheimbund die Welt nach 9/11 wieder ins Gleichgewicht bringen will. „Die Menschheit ist ein toter Ast am Baum des Lebens.“ Von seinem Berliner Freund Fränkie hat Carl einen kleinen Geigerzähler als Talisman mit auf die Reise bekommen: „Er hatte sich den Zähler auf die Brust gelegt. Den Erzähler, dachte Carl. Die Stimme der Steppe. Und dann hörte er es endlich, sein tickendes Herz …“

Lutz Seiler. Das tickende Herz. Suhrkamp. 464 Seiten, 28,80 Euro