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Bonnie Garmus: Diesmal ist der Welterfolg eine Frage der Poesie

Bonnie Garmus legt nach dem Welterfolg von „Eine Frage der Chemie“ ihren zweiten Roman vor. „Peck & Peck“ handelt wieder von einem liebenswerten Außenseiter, der gegen den Rest der Welt ankämpft.

© IMAGO/Horst Galuschka
Die US-Autorin Bonnie Garmus
Bernd Melichar
Redakteur Kultur & Medien

Lästige „Bestseller“-Pickerl heften öfter auf Büchern, aber das Etikett „Weltbestseller“ ist eher selten. Einen solchen landete die US-Autorin Bonnie Garmus 2022 mit ihrem Debütroman „Eine Frage der Chemie“. Rund neun Millionen verkaufte Exemplare weltweit, Übersetzungen in mehr als 40 Sprachen, monatelange Präsenz auf den Bestsellerlisten, eine aufwendig produzierte Fernsehserie mit Brie Larson: Aus der bis dahin unbekannten amerikanischen Autorin wurde praktisch über Nacht eine internationale Bestsellergröße. Allein im deutschsprachigen Raum verkaufte sich der Roman laut Piper-Verlag mehr als 1,2 Millionen Mal. Die Geschichte der hochbegabten Chemikerin Elizabeth Zott, die sich im Amerika der frühen Sechzigerjahre gegen männliche Überheblichkeit, institutionellen Sexismus und gesellschaftliche Zumutungen behaupten muss, traf einen Nerv. Zott wurde zur feministischen Identifikationsfigur, die naturwissenschaftliche Kompetenz zur Waffe gegen patriarchale Dummheit und Anmaßung machte.

Jetzt also der schwierige zweite Roman. Er trägt den Titel „Peck & Peck“ und frei nach dem Motto „Never change a winning idea“ hat Garmus zwar das Setting geändert, ist aber ihrem Erfolgsrezept frei geblieben. Das da lautet: Liebenswürdiger Außenseiter kämpft gegen den Rest der Welt. Die Chemie wurde gegen die Poesie getauscht, und die Hauptfigur heißt diesmal Batter Gray. Schauplatz ist das New York der frühen Achtzigerjahre. Dort schlägt sich Gray durchs Leben; ein junger Mann mit einem einigermaßen unpraktischen Talent: Er liebt Gedichte. Nicht bloß gelegentlich, nicht als bildungsbürgerliche Zierde, sondern mit einer Hingabe, die in seiner Umgebung bestenfalls Kopfschütteln hervorruft – selbst bei seiner Mutter, die Schriftgestalterin ist und ebenfalls eine leidenschaftliche Beziehung zum geschriebenen Wort pflegt.

Guter Mainstream

Batter Gray schlägt sich mit Gelegenheitsjobs herum, doch dann geschieht das Unglaubliche: Er erhält eine Anstellung bei „Peck & Peck“, der angesehensten Lyrikzeitschrift der Welt. Was nach der Erfüllung eines Traums klingt, entpuppt sich rasch als Eintritt in eine literarische Irrenanstalt. Die Lektoren inszenieren sich als hermetische Hohepriester der Lyrik, was nicht ihrem elitären Geschmack entspricht, wird buchstäblich dem Feuer übergeben. Die Poesie wird beschworen, die Urheber meist verachtet.

Bonnie Garmus schreibt mit feinem Humor, ist unaufdringlich klug und verfügt über ein großes Erzähltalent. Das ist Mainstream-Literatur, mit der man gut leben kann. Und der Roman ist eine Liebeserklärung an die Literatur, an die Schönheit der Sprache und des Wortes. Das ist in einer Zeit des aggressiven Sprechdurchfalls und der flächendeckenden verbalen Umweltverschmutzung ein hehres Anliegen. Das Problem: Die Farbpalette von Garmus enthält hauptsächlich schwarz und weiß: Hier der charmante Außenseiter, dort die bösen Gegenspieler.

Fazit: Bei „Peck & Peck“ wäre dieses Buch – wäre es ein Gedicht – vermutlich in Flammen aufgegangen. Das Publikum wird wohl weniger streng sein.

Bonnie Garmus. Peck & Peck. Piper, 541 Seiten, 27,90 Euro.

Zur Person

Bonnie Garmus, geboren 1957 in Riverside, Kalifornien, studierte englische Literatur an der University of California in Santa Cruz. Sie arbeitete lange als Redakteurin in einem wissenschaftlichen Verlag. Ihr Debütroman „Eine Frage der Chemie“ (2022) wurde zum Welterfolg.