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Statt weniger Wochen: Patient mit Lungenkrebs überlebt dank neuer Therapie bereits seit Jahren

Der kleinzellige Lungenkrebs ist ein extrem aggressiver Tumor: Neue Wirkstoffe geben Patienten, für die es bis vor kurzem keine Therapie gab, neue Hoffnung und Lebenszeit.

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Statt weniger Wochen: Patient mit Lungenkrebs überlebt dank neuer Therapie bereits seit Jahren
Sonja Krause
Steiermark-Ressort, Schwerpunkt Gesundheit

Eigentlich wurden diesem Lungenkrebspatienten aus der Steiermark nur noch etwa zwölf Wochen Lebenszeit prognostiziert – so weit fortgeschritten war seine Erkrankung, mit Metastasen in der Leber, in den Knochen, im Gehirn. Eigentlich, so erinnert sich Onkologe Philipp Jost, wäre der Patient in die Palliativbetreuung übergeben worden, es gab für ihn keine Therapieoptionen mehr. Doch es kam ganz anders: Die MedUni Graz war als eines von wenigen Zentren weltweit Teil einer internationalen Studie zu einem neuen Wirkstoff gegen das kleinzellige Lungenkarzinom – „eine der aggressivsten und am schlechtesten zu behandelnden Formen von Lungenkrebs“, wie Jost erklärt.

Durch die Teilnahme an der Studie konnte dem steirischen Patienten das neuartige Medikament als einem der ersten Betroffenen weltweit verabreicht werden. Heute, gut vier Jahre später, lebt dieser Patient noch immer und seine Krebserkrankung ist unter Kontrolle. „Nicht alle Patienten sprechen dermaßen gut auf die neue Therapie an“, betont Jost. Doch mit dem neuen Antikörper ist eine Tür aufgegangen, die Patienten Hoffnung macht, für die es bis vor kurzem kaum Hoffnung gab.

© LKH-Uniklinikum
Philipp Jost, Leiter der klinischen Abteilung für Onkologie am LKH-Uniklinikum Graz

90 Prozent der Betroffenen sind Raucher

Das kleinzellige Lungenkarzinom ist eine Unterform des Lungenkrebs, die zu 90 Prozent Raucherinnen und Raucher betrifft. Was den Tumor so heimtückisch macht, ist, dass er sehr schnell wächst und sich bereits in einem frühen Stadium auf verschiedene Bereiche der Lunge ausdehnt, wie Jost, Leiter der klinischen Abteilung für Onkologie am LKH-Uniklinikum Graz, erklärt. „Auch die Lymphknoten sind bereits früh mitbetroffen und diese schnelle Ausbreitung macht die Behandlung entsprechend schwierig.“ Zwar spricht diese Art von Tumor zunächst gut auf eine Chemotherapie an, jedoch kehrt der Krebs danach sehr rasch zurück – nach einem solchen sogenannten Rezidiv standen bis vor kurzem keine effektiven Therapien zur Verfügung.

Dazu kommt: Dadurch, dass 90 Prozent der Betroffenen Raucherinnen und Raucher sind, kämpfen viele Patienten zusätzlich mit Begleiterkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen. All das machte die Therapie herausfordernd und die Prognose in vielen Fällen düster. Doch mit den neuen Therapieoptionen „hat sich eine große Tür geöffnet“, sagt Jost.

Lungenfunktionstest für Kinder

Von 22. bis 24. Oktober findet die Jahrestagung der österreichischen Gesellschaft für Pneumologie statt, wo über neueste Entwicklungen zur Lungengesundheit diskutiert wird. Eine Empfehlung, über die Experten dort beraten: routinemäßige Lungenfunktionstests bereits im Kindes- und Jugendalter einzuführen. Denn: Wie gesund die Lunge im Erwachsenenalter ist, entscheidet sich zu einem wesentlichen Teil bereits in der Kindheit. Die österreichische LEAD-Studie zeigt: 7,6 Prozent der Kinder und Jugendlichen unter 15 Jahren weisen bereits eine Lungenfunktion unterhalb des Normalwerts auf. Eine eingeschränkte Lungenfunktion erhöht das Risiko für spätere chronische Lungen-, Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen im Erwachsenenalter. Vorgeschlagen werden Untersuchungen im Alter von sechs, zehn sowie 14 bis 15 Jahren, die in bestehende schulärztliche Untersuchungen integriert werden könnten.

Antikörper dockt an Tumorzelle an

Die neue Antikörpertherapie funktioniert quasi nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip: Der Antikörper dockt gezielt an ein Eiweiß an der Oberfläche der Tumorzellen an. Auf diese Weise bindet der Antikörper an die Tumorzelle – aber nicht nur das. Der Antikörper kann zusätzlich Immunzellen zum Tumor locken, die dann den Tumor bekämpfen. So wird das eigene Immunsystem dazu genutzt, den Krebs zu bekämpfen.

Die Voraussetzung für diese und alle weiteren zielgerichteten Therapien, die in den vergangenen Jahrzehnten die Krebsbehandlung revolutionieren: „Dank 30 Jahren genetischer Forschung an Tumorerkrankungen haben wir in vielen Fällen herausgefunden, wie Tumore funktionieren, welche Eigenschaften sie haben und wo ihre Achillesferse liegt“, erklärt Jost. Nun sei man an dem Punkt angekommen, wo Wirkstoffe, die genau an diesen Achillesfersen ansetzen, auch auf den Markt kommen. „Wir sehen gerade wirklich eine Revolution: Jahrzehntelang mussten wir mit der Chemotherapie durchkommen, mittlerweile haben wir gezielte Therapien für verschiedenste Tumorarten, angepasst an genau die Art von Tumor, den der einzelne Patient hat.“

Dank 30 Jahren genetischer Forschung an Tumorerkrankungen haben wir herausgefunden, wie Tumore funktionieren und wo ihre Achillesferse liegt.

— Philipp Jost,, Leiter der klinischen Abteilung für Onkologie am LKH-Uniklinikum Graz

Hoffnung auf Einsatz bei anderen Tumoren

Die vielversprechenden Ergebnisse haben dazu geführt, dass die neue Therapie seit Sommer 2026 in Europa zugelassen ist – für das fortgeschrittene kleinzellige Lungenkarzinom nach einer Vorbehandlung. Die Hoffnung des Onkologen ist nun: „Es gibt Tumore in anderen Organen, die ganz ähnliche Eigenschaften haben. Die Hoffnung ist, dass der Wirkmechanismus auch dort funktioniert.“ Dazu laufen gerade Studien.

In einem solchen neuen Wirkstoff stecken Jahrzehnte an Forschung – dementsprechend hoch sind die Kosten für solche modernen Therapien in der Krebsmedizin. Gleichzeitig steht das Gesundheitssystem in Österreich unter einem immer stärkeren Sparzwang: In diesem Spannungsfeld bewegen sich Ärztinnen und Ärzte, die ihren Patienten die bestmögliche Medizin anbieten wollen.