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Hinreißende Hommage an einen mythenumwobenen Star

Das Wiener Staatsballett tanzte John Neumeiers grandioses Ballett-Essay über den legendären russischen Tänzer „Nijinsky“.

© Ashley Taylor
John Neumeier schickt Alessandro Frola auf eine packende Tanzreise durch Nijinskys Leben
Barbara Freitag

Vaslaw Nijinsky (1889-1950) steht seit jeher im Zentrum des Schaffens von John Neumeier, selbst längst eine Ikone des Tanzes. Er besitzt auch eine umfassende Sammlung mit Dokumenten aller Art. Noch in seiner Jugend in Milwaukee stieß er auf den mythenumwobenen Star der Ballets Russes, die zwischen 1909 und 1929 das europäische Ballettpublikum durch stilbildende Aufführungen begeisterten. Nijinskys Schaffen im Tournee-Ensemble, das sein Gründer Serge Diaghilew zu Weltruhm gebracht hatte, war kurz und intensiv. Man denke an den Skandal der Uraufführung von „Le Sacre du Printemps“, 1913 in Paris.

Zur Mythologisierung Nijinskys trug bei, dass er an Schizophrenie erkrankte und Jahrzehnte in Nervenheilanstalten verbrachte, auch in Wien. Seine letzte Vorstellung gab er 1919 im Ballsaal des Hotel Suvretta House in St. Moritz und nannte sie „Hochzeit mit Gott“. Hier setzt Neumeiers packende Tanzreise durch Nijinskys Leben ein (Uraufführung 2000 in Hamburg). Auch das Bühnenbild kreierte der Meisterchoreograph anhand der Originalentwürfe von Léon Bakst, das die gewaltige Tanzarchitektur perfekt umrahmt.

© Ashley Taylor
Das Bühnenbild: perfekter Rahmen für die gewaltige Tanzarchitektur

Getanzter Essay über einen „Lebensmenschen“

Es ist kein Handlungsballett, sondern Neumeier schuf zur Musik von Frédéric Chopin, Nikolai Rimski-Korsakow, Dimitri Schostakowitsch und Robert Schumann eher einen Essay über seinen quasi Lebensmenschen, mit den Mitteln des Körpers. Die Szenen changieren zwischen berühmten Rollen Nijinskys, aus „Schéhérazade“, „Le Spectre de la Rose“, „Petruschka“ und natürlich „L’Après-midi d’un faune“. Dem Fotomaterial entsprechend sind die Kostüme gestaltet, beeindruckend, wenn dann etwa Victor Caixeta im berühmten Faunen-Outfit Nijinsky zum Leben erweckt. Der eigentliche Nijinsky im Stück, Alessandro Frola, ist zumeist zugegen, während seine Rollenbilder agieren.

© Ashley Taylor
Starke Kostüme: Victor Caixeta im berühmten Faunen-Outfit 

Es ist ein Tanzstück in großer Besetzung, in dem sich Neumeiers Meisterschaft besonders zeigt. Diese liegt in der feinen choreographischen Ausarbeitung kleiner Gruppierungen, die gleichzeitig mit anderen tanzen und den Bühnenraum füllen. Dadurch entsteht eine ständige Dynamik, obwohl keine dramatische Handlung passiert. Tänzerisch gesehen ist es trotz Spitzenschuhen absolut zeitgenössischer Stil. Klassisch getanzt wird nur dort, wo es dramaturgisch sinnvoll ist.

Ballettchefin Alessandra Ferri bot ein hervorragendes Ensemble auf. Ein ästhetischer Genuss, sowohl Corps als auch Solisten zu betrachten und schwierig, jemand hervorzuheben. Obwohl Frola vielleicht als Typ nicht die ideale Besetzung des Nijinsky ist, machte er das wunderbar. Erwähnenswert auch Antonio Casalinho als Nijinskys Bruder, Eno Peci als Diaghilew, Davide Dato als Nijinsky-Rolle, Ketevan Papava als Romola, Olga Esina als Mutter, Ioanna Avraam als Bronislawa und Madison Young als Tamara Karsawina. Nathan Brock leitete das Staatsopern-Orchester am Punkt. Fazit: Eines der besten Werke Neumeiers, der sich beim begeisterten Publikum gerührt bedankte.

„Nijinsky“. Ballett von John Neumeier. Wiener Staatsoper. Nächste Termine: 24., 27., 30. Oktober. Karten: www.wiener-staatsoper.at, Tel: +43 1 5131513.

© Ashley Taylor
Ein hervorragendes Ensemble besticht in „Nijinsky“