Markus Achatz hat seine Depression in ein sehr persönliches Stück gegossen
Markus Achatz erzählt in seinem neuen Stück „(Alles) was der Fall ist“ von schwierigen Zeiten. Ein Gespräch über Scham, Safe Spaces und Ludwig Wittgenstein.

„An diesem sehr persönlichen Abend gibt sich der Schauspieler Markus so offen wie noch nie“, heißt es in der Ankündigung der Uraufführung „(Alles) was der Fall ist“. Was ist dieses besonders Persönliche?
MARKUS ACHATZ: Es geht in diesem Stück um meine Depressionen als junger Erwachsener. Ich hatte seit einiger Zeit das Bedürfnis, diese schwierige Zeit in meinem Leben künstlerisch zu verarbeiten und habe dann einfach angefangen, ein paar Seiten niederzuschreiben, die aus mir rauswollten. Danach habe ich Martin Dueller (Regie und Text) gefragt, ob er sich vorstellen könnte, das mit mir zu inszenieren. Es war mir wichtig, dass jemand draufschaut, dem ich vertraue und der noch eine andere Ebene ins Stück bringt. Deshalb finden sich auch Gedanken von Ludwig Wittgenstein in dem Text.
Warum Wittgenstein?
Weil Wittgenstein sich intensiv damit beschäftigt hat, was Sprache ausdrücken kann und wo sie an ihre Grenzen stößt. Und auch für mich ging es darum, eine Sprache zu finden für etwas, das man eigentlich nicht aussprechen kann. Es gibt Metaphern, mit denen man versuchen kann, Depressionen zu beschreiben: ein schwerer Rucksack, eine Glasglocke, ein tiefes Meer, eine Krake, die einen runterzieht. Aber das alles sind nur Annäherungen. Trotzdem ist es wichtig, dass man eine Sprache dafür findet, dass man darüber redet. Das habe ich mit dem Aufschreiben getan.
Können Sie ein bisschen von der Zeit damals erzählen?
Ich war damals im Alter von 22 Jahren Vater geworden und ehrlich gesagt total überfordert. Wir waren so jung, mitten im Studium, hatten kein Geld und lebten in Berlin. Ich habe damals neben dem Studium auch schon sehr viel gespielt und mich in den vielen Rollen und der Verantwortung einfach verloren. Noch schwieriger war es dadurch, in die Vaterrolle hineinzufinden. Ohne Therapie hätte ich das alles niemals geschafft. Auch heute lauert die Krankheit noch im Hinterkopf und ich muss auf mich hören und mir immer wieder bewusst Pausen geben.
Glauben Sie, ohne Therapie kann man aus einer Depression herauskommen?
Ich weiß es nicht. Was ich erfahren habe: Eine Therapie beschleunigt die Genesung. Das ist eine Krankheit, die schon Menschen in den Selbstmord getrieben hat. Wenn man also extrem überfordert ist, dann sollte man sich Hilfe holen. Und das Wichtigste: Man sollte sich dafür nicht schämen.
Zu Person und Stück
Markus Achatz. Geb. 1985 in Klagenfurt. Von 2004 bis 2008 Schauspielausbildung am Michael Tschechow Studio Berlin. 2009 bis 2012 im Ensemble der Landesbühne Sachsen-Anhalt, danach freier Schauspieler. Lebt seit 2013 wieder in Kärnten, gemeinsam mit Sarah Rebecca Kühl Künstlerische Leitung des Theater Waltzwerk.
(Alles) was der Fall ist. Uraufführung 30. Okt., neuebuehnevillach. Bis 14. Nov. Infos/Karten: neuebuehnevillach.at
Warum reden noch immer so wenige Menschen über Depression?
Eben wegen dieser Scham. Man soll ja ständig dem Gegenüber oder im Beruf zeigen, dass man funktioniert, dass man es drauf hat, dass man Spaß hat. Und wenn das nicht so ist, schämt man sich. Dabei merke ich jetzt: Wenn ich darüber spreche, kommen so viele schöne Reaktionen. Für mich bedeutet das Stück, das Erlebte nochmals mit Abstand zu betrachten und diese Zeit zu transformieren. Das ist durchaus ein egoistischer Vorgang. Aber ich bin mir sicher, dass auch das Publikum etwas mitnehmen wird.
Sie stehen gemeinsam mit dem Musiker Hans Wagner auf der Bühne. Wie kann man sich das vorstellen?
Er begleitet mich mit seiner Musik durch das Stück, spielt aber auch eine durchgängige Rolle. Wir haben uns alle im Frühjahr drei Tage zurückgezogen, geredet, herumgesponnen und Hans hat sofort Songs geschrieben. Eines trägt den Titel „Das schwarze Loch“, ein anderes „Safe Space“.
Was ist Ihr Safe Space?
Meine Partnerschaft, meine Familie, die Natur und die Bewegung. Mit Sport ging es mir immer gut. Jeder Psychologe wird das bestätigen: Durch Bewegung kann man negative Gefühle abbauen, das ist ein Schlüssel. Ich war auch in meiner Jugend ein begeisterter Skateboarder, deshalb wird man mich in dem Stück auch auf dem Skateboard sehen. Das erinnert mich einfach an eine sehr glückliche Zeit meines Lebens.