Michael Hofstetter und eine Partitur, die mit den Figuren lacht
Michael Hofstetter dirigiert Mozarts Oper „Così fan tutte“, die am 29. Oktober Premiere am Stadttheater feiert. Ein Gespräch über pseudomoralische Prüderie und die Zärtlichkeit von A-Dur.

Wie erzählt Mozart mit der Musik und der Orchestertextur die Geschichten seiner Opern?
Musik ist ja auch eine Sprache und die Orchestertextur, die Orchestererzählung, die Orchestersprache der Partitur kann also genauso lebendig und farbreich werden wie ein Text mit Silben und Buchstaben. Bei Mozart kommt der musikalische Gestus direkt aus dem Wort, er erzählt mit jeder Ton- und Taktart etwas Neues. Die Partitur spricht, weint und lacht mit den Figuren. Da Ponte war ein brillanter Librettist und gemeinsam haben sie in drei Opern ein Stück Menschheitsgeschichte geschaffen.
Wobei „Così fan tutte“ oft als die schwächste der drei Opern gesehen wird?
Das haben die Leute des 19. Jahrhunderts in ihrer pseudomoralischen Prüderie gemeint, weil sie dachten, dieser Partnertausch wäre irgendwie schlüpfrig. Dabei geht es ja um das, was junge Menschen in der ersten Liebe, in diesem Feuer, erleben an Wünschen, an Hoffnungen, an Enttäuschungen: Ich habe dich lieb, hast du mich lieb und bist du mir auch treu und kann ich dir treu sein? Mozart zeigt das ja schon ganz am Anfang mit der Oktave im ersten Takt. Da ist hellste Begeisterung und sofort darauf rutscht das Herz in die Hosentasche. Da ist die ganze psychologische Fallhöhe drinnen.
Die Oper beginnt und endet in C-Dur. Ein Kreislauf?
Ja, man ist nach einer unfassbar emotionalen, psychischen Reise wieder am Anfang angekommen. Man ist sozusagen durch alle Qualen durchgegangen, aber in diesem C-Dur am Ende steht dann die innere Erkenntnis der Figuren: Wir haben jetzt alle was gemacht, was wir wirklich bereuen. Aber die Wirklichkeit anzunehmen bedeutet auch, die Enttäuschung zuzulassen – im wahrsten Sinne des Wortes: sich nicht länger über den anderen zu täuschen. Das ist ehrlicher, gesünder und eine wertvolle Erkenntnis.
Mozart scheint schon musikalisch anzudeuten, dass in diesen Beziehungen etwas nicht stimmt. Was verrät uns da die Musik?
Ja, er deutet schon am Anfang mit den Stimmlagen an, dass da etwas nicht stimmt: Er verpartnert Sopran mit Bariton und Mezzosopran mit Tenor. Aber wenn dann nach dem Partnertausch mit Fiordiligi und Ferrando Sopran und Tenor zusammen sind, kommt bei Mozart A-Dur als Tonart, und das ist reine Liebe, das ist ehrlichste Zärtlichkeit. Da ist ganz klar, dass die beiden zusammengehören, zumindest für diesen Augenblick.
Wie eng arbeiten Sie mit Regisseurin Nilufar K. Münzing zusammen? Haben Sie sich schon vorab getroffen?
Nein, wir reden bei den Proben. Wir müssen uns nicht groß abstimmen, weil sie eine hochmusikalische Regisseurin ist. Alles, was sie im Regiekonzept hat, finde ich in der Musik wieder. Und umgekehrt nimmt sie Dinge, die ich anrege, sofort auf. Das geht ganz organisch.
Wie sind Sie eigentlich Dirigent geworden?
Ich habe schon früh angefangen Klavier zu spielen. Später, da war ich vielleicht zehn Jahre alt, war ich mit meiner Mutter in der „Zauberflöte“. Wir sind irgendwo im zweiten Rang gesessen und ich konnte den ganzen Abend den Blick nicht vom Dirigenten wenden. Ich wusste: Das will ich machen. Das war damals eine Inszenierung von August Everding, die Jahrzehnte an der Bayerischen Staatsoper gespielt wurde. Viele Jahre später habe ich dann selbst diese Inszenierung dirigiert, das war sehr emotional für mich. Und der Witz ist nun: Nikolay Borchev, der damals in dieser Produktion den Papageno sang, ist unser Don Alfonso in der „Così“.
Mozart begleitet Sie also schon sehr lange?
Er ist für mich ein ganz natürlicher Freund. Am meisten fühle ich mich zu Hause in der Musik vom Anfang des 18. Jahrhunderts bis zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, bei Händel und Gluck, auch noch Schubert und Verdi. Ich habe auch viel anderes dirigiert, aber den musikalischen Dialekt dieser Zeit verstehe ich einfach am besten.
Apropos Gluck: Sie sind im Vorjahr kurzfristig als Dirigent von „Orfeo ed Euridice“ am Stadttheater Klagenfurt eingesprungen. Wenn man sich Ihren Zeitplan anschaut, ist es überraschend, dass sich das ausgegangen ist.
Ich war selbst überrascht, dass ich das irgendwie eintakten konnte, denn ich hatte gerade eine Produktion am Prager Nationaltheater. Aber bis auf wenige Überschneidungen war es dann möglich.
Klingt allerdings sehr stressig. Sie müssen viel reisen. Wie geht es Ihnen damit?
Wenn ich ehrlich bin: Ich habe es ein Leben lang genossen, überall in Europa unterwegs zu sein. Aber seit ein, zwei Jahren spüre ich Heimweh. Heimweh nach einem Leben, das für andere Menschen komplett normal ist, also mit Partner, Haus, Hund. Das kenne ich ja praktisch nicht. In den letzten 25 Jahren war ich über das Jahr zusammengezählt vielleicht 30 Tage zu Hause. Jetzt will ich meine Projekte so sortieren, dass die Zeitfenster dazwischen auch ein anderes Leben ermöglichen. Das ist gerade noch der richtige Zeitpunkt dafür.
Zu Person und Termin
Michael Hofstetter wurde 1961 in München geboren. Nach Stationen in Wiesbaden, Ludwigsburg und Stuttgart, Generalmusikdirektor des Theaters Gießen. 2012-16 Chefdirigent von Recreation Graz. Seit 2020 Intendant der Gluck-Festspiele Nürnberg, seit 2021/22 Erster Gastdirigent des Tölzer Knabenchors.
Così fan tutte. Premiere 29. Okt., 19.30 Uhr, Stadttheater Klagenfurt. Karten: Tel. (0463) 54 064.