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Lucas Braathen will neue Rennen: „Nennen uns Weltcup, aber sind ein Europacup“

Nach einem turbulenten Sommer startet Lucas Pinheiro Braathen in Sölden in die Weltcup-Saison. Der Brasilianer schielt auch in Richtung Gesamtweltcup und hofft auf einen globaleren Weltcup.

© APA / Barbara Gindl
Will Grenzen überwinden: Lucas Pinheiro Braathen
Matthias Janisch
Redakteur Sport

Es war eine verkehrte Welt für Lucas Pinheiro Braathen, seinerseits brasilianisch-norwegischer Superstar im alpinen Skizirkus. Denn in diesem Sportjahr war er selbst Teil einer historischen Verschiebung der Matchverhältnisse zwischen seinen Heimatländern. „2026 hat Brasilien Norwegen im Skifahren besiegt und Norwegen Brasilien im Fußball. Alleine das zeigt schon, dass im Leben alles möglich ist“, scherzt der 26-Jährige und bezieht sich nicht nur auf seine historisch erste Goldmedaille für den brasilianischen Verband bei Winterspielen, sondern auch auf den norwegischen Fußball-WM-Sieg im Achtelfinale gegen die Star-Truppe aus Südamerika.

Die Zeit nach dieser Niederlage sei „nicht einfach gewesen“, erklärte Braathen. „Und für mich persönlich war es auch eine komplizierte Gefühlslage.“ Viel einfacher sei diese nach seinem Olympiasieg im Riesentorlauf von Bormio gewesen. Die Goldene wurde auch in Brasilien gefeiert. „Es war zu dieser Zeit der Karneval und plötzlich kannte die Kreativität der Leute keine Grenzen mehr. Es waren auf einmal auch Skifahrer am Strand unterwegs, das war verrückt. Im Sommer haben mich viele Leute beim Trainieren angesprochen.“

Mehr Super-G für den Brasilianer

Von seiner heißen Sommervorbereitung an der legendären Copacabana in Rio de Janeiro ging es in die vergangenen Wochen zurück auf Schnee, trotz der brasilianischen Wurzeln noch der favorisierte Untergrund des Shootingstars. Und heuer stand im Trainingslager in Chile eine ungewohnte Disziplin auf der Tagesordnung. „Der Fokus lag auf dem Super-G und in Südamerika haben die Bedingungen dafür auch perfekt gepasst.“ Warum sich der Technikspezialist nun vermehrt auf die langen Ski traut? „Ich bin im Gesamtweltcup Zweiter geworden, und obwohl der Rückstand groß war, ist es mein Ziel als Athlet, zu gewinnen. Natürlich möchte ich Marco Odermatt heuer die Stirn bieten.“

Die Chancen für den Umsturz an der Spitze der Ski-Hierarchie sind intakt, sollte Braathen neben dem Slalom und Riesentorlauf auch im Super-G sein Talent auf die Piste bringen. Wie schwierig dieses Unterfangen ist, weiß der Brasilianer ganz genau. „Die Entwicklung geht immer mehr in Richtung Spezialisierung auf eine Disziplin. Ich fahre also gegen Athleten, die sich auf eine Disziplin spezialisiert haben, während ich auf drei Hochzeiten tanze. Das kann aber auch ein Vorteil sein, da ich die Vielfalt des Skisports so viel intensiver erleben kann.“

Braathen will in die Welt hinaus

Wie wichtig dem amtierenden Riesentorlauf-Weltcupsieger sein Sport ist, zeigt seit Jahren auch sein soziales Engagement. Seine „Luci Foundation“ will Talente aus finanziell schwächeren Verhältnissen auf die Piste bringen. Für Braathen eine Herzensangelegenheit, vor allem, wenn er auf seine eigene Reise zurückblickt. „Der Sport war für mich damals eine echte Rettung, als ich mit Unsicherheiten gekämpft habe. Ich habe mich irgendwie immer zwischen zwei verschiedenen Kulturen bewegt und im Sport meine erste echte Heimat gefunden.“ Dieses Gefühl wolle er weitertragen, vor allem an Kinder aus schwierigen Verhältnissen. Denn in Zukunft dürfte es immer schwieriger werden, junge Menschen für den Skisport zu begeistern.

Das liegt neben den steigenden Kosten auch an den klimatischen Veränderungen, die der Skisport wie kaum ein anderer zu spüren bekommt. Laut Braathen könnte dies dafür sorgen, „dass die Kluft zwischen großen und kleineren Nationen noch weiter auseinandergeht, da man völlig unterschiedliche Möglichkeiten hat.“ Rauer wird der kritische Ton des für den Skisport so wichtigen Paradiesvogels, dem auf Instagram 965.000 Menschen folgen, wenn es um die Aufteilung der Rennen geht. „Wir nennen uns Weltcup, aber sind eigentlich ein Europacup.“ Dies sei auch dafür verantwortlich, dass sich der alpine Skisport seit Jahren in einem Dornröschenschlaf befindet. „Wir reisen einmal im Jahr in die USA – das ist zu wenig. Auch Japan hat historische Anlagen von den Spielen in Nagano, China hat bei Olympia 2022 eine perfekte Infrastruktur aufgebaut und in Südamerika haben wir nun einen Olympiasieger. Warum nutzen wir das nicht?“

Appell an die FIS

Die Antwort auf diese Frage liefert Braathen im Nachsatz. Zwar seien die Klassiker in Europa „das Fundament“ des Sports, „die großen Skinationen sollten aber daran interessiert sein, den Sport über ihre Grenzen hinauszutragen.“ Doch nicht nur Verbände wie Österreich und die Schweiz seien gefragt, allen voran müsse die FIS mutiger und globaler auftreten. „Ich bin der erste Olympiasieger aus Südamerika und habe den Sport dort über 200 Millionen Menschen nähergebracht. Deshalb lade ich die FIS ein, gemeinsam darüber zu sprechen, wie wir den Sport auf neuen Kontinenten verankern können.“