Suche
Kleine Zeitung als bevorzugte Google-Quelle hinzufügen.

Der „Waldmensch“ und ein Mordversuch im gelockerten Vollzug

Im November 2010 wird eine Sexarbeiterin in Graz lebensgefährlich verletzt. Der Täter (als „Waldmensch“ bekannt) befand sich während der Tat im gelockerten Vollzug. Kurz nach seiner Flucht ins steirisch-niederösterreichische Wechselgebiet gibt es auch dort Mordalarm.

© Silvia Sommer - Steffen
Die Umstände der Tat sind äußerst brutal. Der Verdacht fällt bald auf den als „Waldmensch“ bekannten Friedrich O.
David Knes
Außenpolitik/International, Podcast

November 2010. In einem Grazer Laufhaus ertönt aus einem Zimmer ein heftiger Streit, ein Schrei – und plötzlich ist es still. Dann nur noch ein leises Röcheln. Eine Sexarbeiterin sieht noch einen Mann flüchten. Eine Kollegin findet schließlich Magdalena D. (29) blutüberströmt am Boden ihres Zimmers. Es gelingt ihr, die Blutung zu stillen. Das und eine mehrstündige Notoperation retten das Leben der Frau.

Die Umstände der Tat sind äußerst brutal. Der Täter schlägt die Frau mit einem Bügeleisen, würgt sie mit dessen Kabel und schneidet ihr mit einem Stanley-Messer tief in den Hals. Schnell verdächtigt man Friedrich O. (48), der eigentlich eine Haftstrafe in der Grazer Karlau verbüßt. Doch er befand sich in gelockertem Vollzug. Seine Ausgänge hatte er immer wieder für Besuche in diesem Laufhaus genutzt – bei seinem späteren Opfer. Nach der Tat verschwindet O.

1 / 4
In diesem Laufhaus kam es im Jahr 2010 zur Bluttat.
In diesem Laufhaus kam es im Jahr 2010 zur Bluttat. © Leodolter/KLZ

Friedrich O. gilt als gefährlich. Die Ermittler vermuten, dass er sich in den Wäldern des steirisch-niederösterreichischen Wechselgebiets versteckt hält. Dort kommt er her und dort hatte er sich schon früher längere Zeit des Öfteren versteckt und so den Beinamen „Waldmensch“ erhalten. Wenige Tage nach dem Verbrechen in Graz wird in der Gegend die 71-jährige Maria Piribauer ermordet. Ihre beiden Brüder finden die Bäuerin in der Küche des gemeinsamen Hauses tot auf – erstochen. Der Verdacht fällt auch hier sofort auf Friedrich O.

© APA / Andreas Pessenlehner
In diesem Haus wurde Maria Piribauer (71) ermordet.

Spuren im Schnee führen zu Versteck

Einer Nachbarin von Friedrich O.s Elternhaus fallen Fußspuren im Schnee auf, die in den Wald führen. Polizisten folgen dieser, finden das Versteck unter einem Holzstoß und verhaften den „Waldmenschen“. Der gesteht die Tat in Graz, doch mit dem Mord an Piribauer will er nichts zu tun haben. Und auch die Ermittler können bald ausschließen, dass sich O. zur fraglichen Zeit am Tatort aufgehalten hat. Der Mord bleibt bis heute ungeklärt.

„DELIKT“ HÖREN UND ABONNIEREN

„delikt“ ist der Kriminalpodcast der Kleinen Zeitung. Redakteurinnen und Redakteure erzählen darin von den Hintergründen und Recherchen zu Kriminalfällen mit Bezug zur Steiermark oder zu Kärnten.

Alle Folgen unseres Kriminalpodcasts können Sie auf unserer Website und App, sowie auf allen entsprechenden Plattformen kostenlos hören. Abonnieren Sie den Podcast, um keine neue Folge zu verpassen! 

Apple Podcasts
Spotify
Amazon Music

Geschworene als „unterbelichtete Steirer“ beschimpft

Ein Gutachter diagnostiziert Friedrich O. eine massive Persönlichkeitsstörung; der Angeklagte fühle sich als Opfer, sei egozentrisch, leicht kränkbar, aggressiv. Kurz: gefährlich, aber zurechnungsfähig. Vor Gericht beschimpft er die Geschworenen, die ganzen „unterbelichteten Steirer“ würden ihn sowieso verurteilen. Das tun sie auch: lebenslange Haft, Einweisung in eine Anstalt.

© Gernot Eder/KLZ
Vor Gericht beschimpfte Friedrich O. die Geschworenen

Für Kritik am Strafvollzug sorgte seinerzeit, dass Friedrich O. trotz zahlreicher einschlägiger Vorstrafen (von Körperverletzung bis zur Vergewaltigung) in den gelockerten Vollzug gekommen ist. Obwohl ein Fachteam der Justizanstalt vor Vollzugslockerungen gewarnt hatte, entschied sich die Anstaltsleitung dafür. Die Begutachtungskriterien wurden nach dem Fall verschärft. Für Magdalena D. kamen diese Änderungen allerdings zu spät.