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Clemens Setz: „Ich bin als Schriftsteller weniger verlogen, seit ich Vater bin“

Clemens J. Setz bekommt am Mittwoch den Großen Österreichischen Staatspreis verliehen. Ein Gespräch über Anerkennung, das Abgründige in seiner Literatur, sein Vatersein und warum er erkennt, wenn Künstliche Intelligenz im Spiel ist.

© Judith Stehlik, Suhrkamp Verlag
Der Schriftsteller und Übersetzer Clemens J. Setz
Bernd Melichar
Redakteur Kultur & Medien

Sie erhalten am 21. Oktober den Großen Österreichischen Staatspreis – höher geht es auszeichnungsmäßig nicht in diesem Land. Sind Preise für Sie von Relevanz – ist Ihnen ein Resonanzraum nach außen wichtig?

Clemens J. Setz: Preise waren lange die Art, wie ich mein Leben finanziert habe. Eine ziemlich törichte Art, da sowas ja überhaupt nicht planbar ist, aber so habe ich es tatsächlich gemacht. Inzwischen bin ich viel klüger und kümmere mich um verlässlichere Arbeiten, viele kleine Jobs nebeneinander.

Sie sind in einem Alter, in dem andere Schriftsteller noch auf ihren Durchbruch hoffen. Kann so viel Anerkennung auch eine Gefahr sein?

Auf jeden Fall. Kurz gesagt, es kann zu Kopf steigen. Ich erinnere mich, dass ich in den Jahren 2012 bis etwa 2018 sehr von meiner enormen Wichtigkeit erfüllt war. Gespräche mit mir waren damals sehr zirkulär, weil ich irgendwie nichts mehr begriff.

Noch-Vizekanzler Andreas Babler spricht in der Begründung von Ihrer „tiefen Empathie für das Andere“. Da hat er einen recht guten Textschreiber gehabt, oder? An anderer Stelle heißt es, Ihre Poesie sei abgründig, abseitig, abgelegen. Gefällt es Ihnen in dieser Nische?

Die Labels „Abgrund“ und „Empathie“ sind sicher nicht falsch, allerdings bin ich kein besonders strahlendes Beispiel für diese Kombination. Vor kurzem las ich ein ungeheures Buch, „Franček“ von Manuela Tomić, das diese Kombination in sagenhafter Intensität verkörpert.

Bei Kafka bricht das Ungeheuerliche in eine scheinbar geordnete Welt ein. Bei Ihnen hat man manchmal den Eindruck, das Ungeheuerliche sei längst da, wir hätten uns nur angewöhnt, es zu übersehen. Wie muss man sich Ihre Arbeitsmethode vorstellen, Ihren Alltag als Schriftsteller?

Ich arbeite an Literatur, wann immer sich halt eine freie Minute oder Stunde ergibt. Eigentlich ganz simpel. Zwischendrin, wenn ich nicht am Laptop sitzen kann, formuliere ich auch recht viel in Gedanken vor.

Würden Sie sagen, dass Sie einen besonderen Blick für das Ungewöhnliche haben, für das Ungeheuerliche unter der Oberfläche?

Es gibt Leute, die entdecken das Besondere im Alltäglichen. Also etwa das Monströse, Mörderische im gewöhnlichen Smalltalk zwischen Menschen, wie Harold Pinter es in seinen Stücken untersucht hat. Aber ich finde eher das Besondere im Besonderen, das heißt, ich muss erst mal sonderbare oder groteske Dinge erfinden, um „scharf sehen“ zu können. Also wenn ich beispielsweise über das Phänomen der Loyalität nachdenken möchte, würde ich mir vielleicht denken: Wie sieht die Loyalität unter befreundeten Serienmördern aus? Viel zu grotesk, viel zu übertrieben als Frage, aber ich sehe dadurch aus irgendeinem Grund viel klarer.

Ist die Fähigkeit des Staunens für Sie essenziell für einen Schriftsteller?

Staunen ist eigentlich Pflicht. Eine der geistlichen Übungen, die Schreibende immerzu ausführen sollten, also genau das Gegenteil von der custodia oculorum der Jesuiten, die darin besteht, niemals etwas Schönes anzusehen, sich immer abzukehren, wenn sich etwas Staunenswertes zeigt.

In der Begründung des Kunstsenats heißt es, dass Sie zur literarischen Avantgarde des Landes gehören. Ist das so – empfinden Sie diese Einordnung korrekt?

Nein, Avantgarde ist eher falsch, dafür bin ich doch etwas zu angepasst. Brigitta Falkner, Ines Birkhan, Elias Hirschl, oder das Duo Julia Knaß & Anna Neuwirth verdienen dieses Wort viel eher.

Sie würden sich tatsächlich als angepasst bezeichnen?

Angepasster als die aufgezählten Namen auf jeden Fall. Auch mein Naturell allgemein ist ein eher konfliktvermeidendes, friedliebendes, zur Feigheit neigendes. Ich sage praktisch nie, was ich wirklich denke.

In „Mein Leben als Noiseband“ stellt sich oft die Frage, was von der Kunst übrig bleibt, wenn das Leben erträglicher wird. Ist das Glück für einen Künstler womöglich eine größere Bedrohung als das Unglück?

Es gibt solche Fälle tatsächlich in der Literaturgeschichte – John Barth etwa, der eher schwache Bücher schrieb, nachdem er das vollkommene Eheglück und Geborgenheit im Leben erreichte. Aber bei den allermeisten steigen mit den glücklichen ja auch zugleich die unglücklichen Entwicklungen, also keine Gefahr.

Private Zwischenfrage: Hat Ihr Vatersein Ihr Schreiben verändert?

Oh, natürlich. Ich bin weniger verlogen als früher. Ich habe lange mit einem unerfüllten Kinderwunsch gelebt und habe jahrelang innere Verbiegungen und Selbstbelügereien betrieben, bloß um diesen diffusen Schmerz zu lindern. Die Spuren sieht man freilich heute noch.

In „Das Lesebändchen in der U-Bahn“, der ersten Geschichte aus „Mein Leben als Noiseband“, imaginiert sich ein Mann seinen toten Sohn zurück. Kann Literatur auch Verlorenes zurückbringen bzw. Schmerz lindern?

Nein, aber anschaubar machen kann es den Schmerz, studierbar.

Kein Tag ohne KI-Hype oder KI-Panik. Sie haben sich bereits sehr früh mit Künstlicher Intelligenz beschäftigt. Im Buch „Die Zukunft des Schreibens“, einem Interview mit Journalismus-Studenten, geht es auch darum. Auf die Frage: „Was kann die KI noch nicht, was der Mensch kann?“ antworten Sie: „Die KI ist…außergewöhnlich schlecht in: Zweideutigkeit, Weirdness und Geschmack. Letzteres im Sinne von erlesener, vollkommener, exzentrischer Geschmack.“ Wenn das so ist, wird die KI also zumindest in naher Zukunft keinen Setz-Roman schreiben können?

Die KI hat (noch) viel zu edle Beweggründe, um Texte zu erzeugen. Sie will helfen, dein Projekt besser machen, sie reagiert sogar um 3 Uhr in der Nacht hellwach und fokussiert. Meine Bücher entstanden alle eher aus „niederen“ Beweggründen, also zum Beispiel heimlich in jemanden verliebt sein, sich rächen wollen, sich auf peinliche Art beweisen wollen usw.

Kommen die Worte „weird“ und „exzentrisch“ auch vor, wenn Sie sich selbst beschreiben würden?

Nein. Ich würde mich, glaube ich, wenn ich ganz ehrlich bin, in erster Linie als „erfahrungsarm“ bezeichnen. Das unterscheidet mich von den meisten meiner Bekannten. Dann erst kämen Eigenschaftswörter wie „belesen“, „mönchisch“, „unentschieden-konservativ“ usw.

Davor, dass die KI demnächst große, gute Literatur schreiben kann, brauchen wir also keine Angst haben. Wovor sollten wir sehr wohl Angst haben?

Vor massenhaften Psychosen, die sich im täglichen Umgang damit entwickeln.

Wir leben in einer Welt, in der Algorithmen uns ständig mit dem versorgen, was unseren Vorlieben entspricht. Ihre Literatur macht beinahe das Gegenteil: Sie konfrontiert uns mit dem Unbekannten, Unangenehmen, Unverständlichen. Könnte die eigentliche Aufgabe der Literatur künftig darin bestehen, uns wieder fremd zu werden? Uns also gerade nicht zu bestätigen, sondern zu verstören?

Die allgemeine Beziehung zur KI gleicht dem toxischen Lovebombing-Stadium in Beziehungen mit Borderline/narzisstischen Persönlichkeiten. Meist folgt darauf eine Phase der radikalen Abwertung. Wenn Literatur zumindest diese Phasen missachtet, und völlig anders zu einer Leserschaft spricht, ist sie bereits sehr kostbar.

Sie sind aus Graz, der oft ausgerufenen „Hauptstadt der Literatur“ nach Wien gegangen. Verändert ein Lebensmittelpunkt das Schreiben?

Als ich noch in Graz wohnte und die Stadt jeden Tag sah, habe ich nie begriffen, wie labyrinthisch und unendlich sie in mir angelegt ist. Jetzt, mit dem Abstand, erkenne ich sozusagen das „ewige Rätsel“, das dieser spezielle Ort für mich darstellt. 

Ich habe mich speziell für dieses Interview bei zwei Fragen von der KI beraten lassen. Wissen Sie welche?

Ich würde sagen: Nr.4 und Nr. 15.

Richtig! Woran haben Sie es erkannt?

Die Formulierungen waren hier sowohl klischeehaft wie auch non-sequitur; das heißt, eine Aussage oder Schlussfolgerung geht nicht logisch aus dem Vorhergesagten hervor. Das ist eine der üblichen Neigungen von KI-generierten Texten zur Literatur. Die LLM (Large Language Model) „Claude“ von Anthropic scheint diese Neigung übrigens bereits überwunden zu haben, die anderen LLMs zeigen sie noch recht stark.

Zur Person

Clemens J. Setz, geboren 1982, zählt zu den renommiertesten Schriftstellern im deutschsprachigen Raum. Durchbruch mit dem Roman „Die Frequenzen“ (2011). Im Suhrkamp-Verlag sind zuletzt erschienen „Monde vor der Landung“ und „Die Bienen und das Unsichtbare“. Auszeichnungen: Georg-Büchner-Preis 2021, Österreichischer Buchpreis 2023, Großer Österreichischer Staatspreis 2026. Setz lebt mit seiner Familie in Wien.
Lesetipp. Clemens J. Setz. Mein Leben als Noiseband. Erzählungen. Suhrkamp, 384 Seiten, 26,80 Euro.