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Oper Graz: Romeo und Julia nach der Katastrophe

Etienne Béchard verlegt sein „Romeo und Julia“-Ballett in der Grazer Oper in die Welt nach einer Katastrophe. Natur und Zivilisation sind zerstört, toxische Strukturen geblieben.

© Werner Kmetitsch
Gionata Sargentini als Romeo und Kirsty Clarke als Julia
Beate Frakele

Mit seiner Version der Liebenden aus gegnerischen Familien prägte William Shakespeare einen bis heute wirkmächtigen Stoff, den Sergej Prokofjew in den 1930ern mit kontrastreicher, expressiver musikalischer Sprache als Ballett umsetzte. An der Oper Graz löst der französische Choreograf Etienne Béchard die Handlung (nicht als erster) aus der Familienfehde in Shakespeares Verona und erklärt den Machtkampf verfeindeter Gruppen aus der Knappheit der Ressourcen nach einer Umweltkatastrophe. Die Situation mutet archaisch an, Überfluss, Konsum und Regeln sind Vergangenheit. In dieser Welt aus Chaos und Gewalt ist scheinbar kein Platz für Harmonie oder Liebe.

Der Vorhang öffnet sich auf eine nächtliche Szenerie, in der Romeo (Gionata Sargentini) nach Bestandteilen für ein Radio sucht, auf dem er Songs einer vergangenen Zeit hört. Er ist ein sanfter Einzelgänger, beobachtet von seinen Freunden Benvolio (Christoph Schaller) und Mercutio (Tommaso Bracci). Fassungslos sieht er sich in der Konfrontation mit Tybalt (Thibaut Lucas Nury) zum Mörder werden. Er und Julia (Kirsty Clarke) erkennen einander „across a crowded room“. Abseits und ernst, ist sie wie ihre Mutter (Mireia González-Fernandez), der Gewalt des Vaters (Fabio Agnelli) und damit von Graf Paris (Lucas Reibeiro) unterworfen und wird brutal auf ihren Platz verwiesen. An ihrer Seite ist die quirlige Freundin (Yuka Eda). Als abgründige Version des Narren führt Béchard den Whisperer (Barbora Kubátová) ein, der sich auf Befehl an Julia vergeht. Statt Bruder Lorenzo vollzieht eine doppelgesichtige Schamanin (Savanna Haberland) die Trauungszeremonie. Bei ihr lauert auch die Bedrohung durch (todbringende) Drogen. An der Rampe, im Autowrack kommt es zum verzweifelten und grausamen Doppelselbstmord. Er öffnet den Feinden die Augen.

Postapokalyptische Schönheit

Dabei ist die Produktion von grandioser Ästhetik und großer Schönheit, wozu zunächst die Bühne von Isabel Toccafondi mit der Lichtregie von Tom Vincke beiträgt, sie erweist sich gleichzeitig als Raum der Zerstörung und tiefer, zugewandter Gefühle. Als sei sie selbst Teil der dargestellten Welt, nützt Toccafondi Vorhandenes aus der Werkstatt der Grazer Bühnen wie das Autowrack, in dem Romeo und Julia sterben, und den Wohnturm der Capulets, eine aus allerhand Trödel zusammengeflickte Ruine, die sich wie eine Arche durch die Nacht bewegt. Durchaus eine Klasse für sich bilden die Kostüme von Thomas Bradley, der sich explizit zu Upcycling bekennt, denn sie bestehen aus Lumpen und Resten und haben in ihrer physischen Plastizität und symbolischen Farbgebung große poetische Kraft. Ästhetischer, auch musikalischer Höhepunkt ist der Maskenball im Hause Capulet, eine martialische Machtdemonstration.

Marius Burkert, nach der Pause vom Publikum begeistert begrüßt, dirigierte die Grazer Philharmoniker. Zwischen wuchtig, rhythmisch, gellend und betörend lieblich punkteten sie mit ausgesprochenem Flow und Expressivität. Béchard nahm sich die Freiheit, die Partitur zu kürzen, Nummern zu verschieben und manchen Popsong einzufügen, der den romantischen Romeo in verwehte Zeiten zurückversetzt. Die Choreografie verbindet Elemente des klassischen und des modernen Tanztheaters mit Akrobatik. Den feinen psychologischen Nuancen in der Musik entspricht eine detaillierte Personenregie, wobei es der hervorragenden Kompanie gelingt, der Düsternis der Situation eine vitale, locker anmutende Bewegungssprache entgegenzusetzen und damit ein Versprechen auf den versöhnlichen Schluss zu geben. ●●●●○

© Werner Kmetitsch
Christoph Schaller als Benvolio, Tommaso Bracci als Mercutio und Thibaut Lucas Nury als Tybalt