"Fliegender Holländer" in Wien: Musikalische Therapiestunde

Bei Wagners "Fliegendem Holländer" den Fokus weg von der dunklen Mythengestalt des Titels auf Senta zu legen, ist an sich keine neue Idee. So stimmig und schlüssig wie Philipp Stölzl gelingt dies aber nur wenigen Musiktheatermachern. Wobei auch sein Ansatz trotz Premiere im Musiktheater an der Wien am gestrigen Samstag strenggenommen kein neuer ist, handelt es sich doch dabei um eine Übernahme aus Basel, wo die Premiere 2009 gefeiert wurde.
Aber, was nicht nur der frenetische Applaus am Ende zeigte: Diese Inszenierung ist es wert, wiederaufgenommen zu werden. Die Grundannahme ist hierbei, dass die gesamte mythische Erzählung vom verfluchten holländischen Kapitän, der Jahrhunderte über die Weltmeere segeln muss und nur alle sieben Jahre für einen Tag an Land darf, wo er Erlösung finden kann, sollte ihm eine Frau Treue bis in den Tod schwören, in Sentas Kopf verlegt wird.
Die Kapitänstochter, die sich bei Wagner am Ende für den Verfluchten opfert, ist hier eine traumatisierte, überspannte Frau, die sich mit dem dominanten Vater Daland und dem gewalttätigen Verehrer Erik dem versammelten Patriarchat gegenüber sieht. Aus den bedrängenden Szenen entflieht sie in ihre Fantasiewelt, in welcher der dunkle Holländer als ihre Rettung fungiert. Am Ende wird sich die Traumatisierte in den Suizid flüchten.
Und diese Deutung hält. Nichts an Stölzls Interpretationsansatz ist gewollt, forciert oder zurechtgebogen. Alles scheint musikalisch gedeckt, narrativ schlüssig und werkimmanent. Diese tiefenpsychologische Lesart wird auch auf der Bühne mehr als sinnhaft umgesetzt, ist das gesamte Geschehen doch angesiedelt in einer altdeutschen Bibliothek, deren Wandgemälde sich über den Abend hinweg immer wieder öffnet und eine weitere Spielfläche offenbart. Hier ist überraschend mächtiger Platz für einen Holländer-Schiffsbug oder Dopplungen der Bibliothek als stringente Erweiterung der Spielwelt in Sentas schizoide Parallelwelt.
Ein wenig das Interpretationskonzept konterkarieren einzig die sängerischen Qualitäten des Ensembles. Die Männer stechen hier eindeutig hervor. Der Daland von Wilhelm Schwinghammer ist eine geradlinige und sauber geführte Bank, während Jordan Shanahan ein brillanter, ausdrucksstarker Holländer ist, dem man die hawaiianische Herkunft als Holländer in keiner Sekunde anmerkt.
Die kanadische Sopranistin Ambur Braid überzeugte indes bei ihrem Rollendebüt mit der Senta zwar darstellerisch vollends, ist stimmlich jedoch mit starkem Tremolo vor allem in den forcierten oberen Lagen zuhause, weniger in den Tiefen. Und schließlich interpretieren die Wiener Symphoniker unter Robert Jindra die Partitur nahe am Frühromantiker Carl Maria von Weber und weniger am späten Wagner, ohne dabei auf eine gewisse Durchschlagskraft zu vergessen. Die Gesamtbilanz des Abends: Trauma kann so schön sein.
(Von Martin Fichter-Wöß/APA)
(S E R V I C E - "Der fliegende Holländer" von Richard Wagner im Musiktheater an der Wien, Linke Wienzeile 6, 1060 Wien. Musikalische Leitung der Wiener Symphoniker: Robert Jindra, Inszenierung/Licht: Philipp Stölzl, Szenische Neueinstudierung: Philipp M. Krenn, Bühne: Philipp Stölzl/Conrad Moritz Reinhardt, Kostüm: Ursula Kudrna. Mit Daland - Wilhelm Schwinghammer, Senta - Ambur Braid, Erik - Cameron Becker, Mary - Ieva Prudnikovaite, Der Steuermann - James Ley, Der Holländer - Jordan Shanahan. Weitere Aufführungen am 20., 22., 25., 28. und 30. Oktober. www.theater-wien.at )