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„Holländer“: Richard Wagner, auf den Kopf gestellt

Philipp Stölzl inszeniert „Der fliegende Holländer“ als packende Geschichte weiblichen Begehrens. Hätte der Orchestergraben mitgespielt, wäre es ein großer Abend für das Theater an der Wien geworden.

© Baus
Keine Chance auf Erfüllung: Ambur Braid als Senta
Martin Gasser
Ressortleitung Kultur und Medien

Diese Senta! Schon als Mädchen hat sie sich in den obersten Regalen der väterlichen Bibliothek herumgetan und dort das Märchen vom Fliegenden Holländer gefunden. Man weiß: Lektüre weckt Leidenschaften. Das dickleibige Buch wird ihr treuester Begleiter, den sie kaum je aus der Hand legt und die Figur des verwunschenen Seemanns zur Projektionsfläche ihrer Begierden. Sie träumt sogar davon, dass ihr Vater den Holländer als Bräutigam nach Hause bringt, aber der hat eher einen biederen, mindestens doppelt so alten Mann für sie im Sinn. Der ihr den Hof machende Erik ist auch keine wirkliche Alternative für den wie ein Rockstar daherkommenden, geheimnisvollen Mann aus dem Buch.

Das klingt sehr simpel, und das ist es auch: Selten sieht man eine so eine klare szenische Interpretation wie die von Philipp Stölzl, der Richard Wagners „Holländer“ auf den Kopf stellt. Das ist keine Erzählung von weiblicher Opferbereitschaft, sondern eine über das weibliche Begehren, das an gesellschaftlichen Realitäten zerschellt. Hier geht es um Erfüllung, nicht um Erlösung.

Das Raffinierte an der von Philipp M. Krenn hervorragend neueinstudierten Inszenierung aus Basel und Berlin ist nicht der Inhalt, sondern die Form. Das ist handwerklich gekonnt und voller erzählerischer Finessen. Stölzl arbeitet mit Doppelungen und Überblendungen, zieht kurze Episoden ein, wechselt beständig zwischen Realität und Fantasie, zwischen Erinnertem und Vorgestelltem. Wobei ein Gemälde des gegen die Küste anbrandenden Meers den Rahmen bildet, aus dem die Figuren ins Geschehen treten. Sehr filmisch ist das alles obendrein, freilich ohne dazu auch nur eine Sekunde Video zu benötigen.

Flucht in den Tod

Der dritte Akt mit der besoffenen Hochzeitsgesellschaft und der sich vor sexueller Repression in den Tod flüchtenden Senta ist einfach hinreißend in Szene gesetzt. Philipp Stölzl, dessen Inszenierungen sich bisweilen in ihren Ausstattungsideen verlieren, hat hier schon vor 15 Jahren in der Schweiz ein kleines Meisterwerk vorgelegt. Dazu kommt ein darstellerisch vorzügliches, sängerisch leider durchwachsenes Ensemble. Ambur Braid setzt als Senta den Maßstab, ihre frische, strahlende Stimme ist die Basis für ein differenziertes Stimmportrait. Jordan Shanahan ist ein viriler Holländer, kein Dämon, und auch kein Ashaver, aber doch mit einigen tragischen Verschattungen. Die Nebenrollen fallen deutlich ab. Wilhelm Schwinghammer und Cameron Becker bleiben als Daland und Erik völlig blass. Weil die Wiener Symphoniker unter Dirigent Robert Jindra auch noch undifferenziert spielen, viel zu dick auftragen und obendrein im ersten Akt besonders fehleranfällig sind, bekommt diese im Grunde wunderbare Produktion ein paar heftige Dellen ab. Schade.