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Ist es sinnvoll im Studium die Latein-Pflicht abzuschaffen?

Marie Miedl-Rissner
Redakteurin Bundesland Steiermark
Das Bild zeigt eine Büste von Seneca
© Album
Was zählt mehr: Hochschul-Pragmatismus oder Allgemeinbildung?

Medizin, Jus oder andere Studien: Geht es nach der Österreichischen Universitätenkonferenz, soll Latein als Erfordernis gestrichen werden. Ist das sinnvoll?

© KK

Hic sedet Iulia. Iulia amica mea est. Das ist so ziemlich alles, was bei mir nach dem Lateinunterricht in der Oberstufe geblieben ist – und das trotz guter Noten. Nach meiner Schulzeit gebraucht habe ich Latein nicht mehr.

Man könnte nun argumentieren, dass ich keines der Studien besucht habe, für die das Latinum aktuell Voraussetzung ist. Wenn man mit Studierenden aus diesen Studienrichtungen spricht, hört man aber vor allem eines: Das Latinum war eine Belastung ohne Mehrwert.

Kein Wunder. Denn blickt man etwa auf das Medizinstudium, wird einem Latein in Form von Fachbegriffen zwar schnell begegnen, das Latinum ist dennoch die falsche Antwort. Denn die lateinischen Namen der menschlichen Knochen müssen die meisten Studierenden genauso auswendig lernen, wie auf Deutsch. Gleiches gilt auch für juristische Fachbegriffe.

Natürlich könnte man jetzt argumentieren, dass Latein mehr als nur ein Studienspezifikum ist, zur Allgemeinbildung zählt. Das mag wahr sein, allerdings setzt das ein Interesse voraus, das über das bloße Auswendiglernen für das Bestehen einer Prüfung hinausgeht. Als Mittel zum Zweck trägt das Latinum jedenfalls nicht zum Wissensgewinn bei.

Als Mittel zum Zweck trägt das Latinum jedenfalls nicht zum Wissensgewinn bei.

— Marie Miedl-Rissner, Redakteurin Bundeslandressort Steiermark

Abgesehen davon ist die Vermittlung von Allgemeinbildung, die Entwicklung eines Verständnisses für Politik und Machtmissbrauch, die Latein oftmals zugeschrieben werden, nicht primär die Aufgabe der Universitäten. All das sind keine elitären, akademischen Themen, sondern sollten allen Kindern und Jugendlichen bereits während der Schulzeit nähergebracht werden.

Fakt ist aber auch: Die vielen Herausforderungen, mit denen wir aktuell konfrontiert sind, egal ob in der Politik, der Gesellschaft oder am Arbeitsmarkt, machen es für Studien immer wichtiger, möglichst breit aufgestellte Absolventinnen und Absolventen hervorzubringen. Eine tote Sprache kann hier dennoch nicht die richtigen Antworten liefern, zahlt nicht in das angewandte Wissen ein. Dafür gibt es deutlich konkretere Wege.

Wer noch ein weiteres Argument für ein Zurückfahren des Latinums an Universitäten braucht: Die lebenden Beweise dafür, dass man Studien wie Jus oder Medizin auch ohne Lateinvorkenntnisse problemlos studieren kann, gibt es bereits zuhauf. Denn viele Studierende absolvieren das Latinum erst dann, wenn sie bereits zahlreiche Fachprüfungen bestanden haben.

Die Latein-Pflicht abzuschaffen ist längst überfällig. In Zeiten von Einsparungen sollte man sich auf das Wesentliche fokussieren.

© KK

In den Achtzigerjahren im Gymnasium musste man für den Lateinunterricht noch die erste Seite von Ovids Metamorphosen und die erste Seite von Cäsars „De bello Gallico“ auswendig lernen: „Gallia est omnis divisa in partes tres …“ Zu Deutsch: Gallien ist in seiner Gesamtheit in drei Teile geteilt. Damals, also so um 1985 nach Christus, war Latein noch eine Art Bildungscode und unterschied altphilologisch aufgeladene Bürgerkinderlein von neusprachlichen Plebs. Stur memorieren, um bei Bedarf wie beiläufig die Zugehörigkeit zu einer Elite zu dokumentieren. Humanistische Bildung? Einbildung auf höchstem Niveau! Doch das war’s nun auch schon mit Mieselsucht, der Rest ist ein Plädoyer pro Latein, säuberlich in drei Teile geteilt wie das Gallien des lorbeerbekränzten Imperators.

Teil eins: Zunächst wäre da die Grundthese, dass Bildung mehr als Ausbildung ist. Und dass der Populismus, der nun Latein kappen will, Bildung mit beruflicher Verwertbarkeit verwechselt. Nach diesem Prinzip könnte man Allgemeinbildung grosso modo (grob gesagt) gleich mitentsorgen. Ein Mediziner muss nicht Seneca kennen, um einen Katheter zu setzen; ein Jurist muss nicht Cicero kennen, um einen Kaufvertrag aufzusetzen. Aber wollen wir wirklich, dass unsere Universitäten reine Fachidioten hervorbringen?

Man muss nicht Cicero lesen, um einen Vertrag zu erstellen. Aber sollen unsere Akademiker reine Fachidioten sein?

— David Pesendorfer, Blattmacher im Print-Team

Latein ist keine „tote Sprache“, sondern eine, die man lebendig zu Grabe trägt: ein Fundament europäischer Geistesgeschichte, tiefstmöglich verscharrt. Dabei würden Ärzte, die Seneca lesen, grundlegenden Überlegungen zum Glück und zur Lebensweisheit begegnen; und Juristen, die Cicero lesen, würden erkennen, dass Fragen nach Machtmissbrauch und Polit-Moral keine Gegenwartserfindungen sind, sed frustra (aber umsonst).

Teil zwei: Gerade Latein trainiert etwas, das im KI-Zeitalter sehr wertvoll ist – eigenständiges Denken. Eine Übersetzung aus dem Lateinischen verlangt, Zusammenhänge zu erkennen und Entscheidungen zu begründen. Das heißt nicht, dass Latein das einzig verfügbare Gehirntraining ist, aber zumindest ein ziemlich probates.

Teil drei: Die Universitätenkonferenz will die Latein-Pflicht in mehr als der Hälfte der betroffenen Studienrichtungen abschaffen. Bildungsminister und Wissenschaftsministerin begrüßen den Vorstoß – und argumentieren im Wesentlichen mit der Bequemlichkeit. Besteht der Sinn einer universitären Ausbildung darin, ausschließlich das für den Studienabschluss Notwendige zu beherrschen? Dieser Logik zufolge ließe sich jede zusätzliche intellektuelle Herausforderung abschaffen. Quid multa? (Wozu noch viele Worte?)