A24: Auf der cineastischen Autobahn zum Erfolg

A24 klingt für hiesige Ohren eher nach einem Autobahnprojekt. Im englischsprachigen Raum und bei Cineasten liegt die Sache jedoch anders: Hier steht A24 für Filme, die nachhallen und abseits des Mainstreams in Erinnerung bleiben. A24 ist eine amerikanische Filmproduktions- und Verleihgesellschaft mit Sitz in New York, deren Logo viele als Gütesiegel sehen. Aktuelle Entwicklungen rund um Investoren und KI irritieren jedoch.
Gegründet wurde A24 im Jahr 2012 von Daniel Katz, David Fenkel und John Hodges, wobei Letzterer 2018 ausstieg, die anderen beiden noch an Bord sind. Der Name A24 bezieht sich tatsächlich auf eine Autobahn, nämlich die italienische Autostrada A24, auf der Katz gerade gefahren sein soll, als er sich einst zur Gründung des Unternehmens entschloss, so die Anekdote.
A24 hat etwas geschafft, woran traditionelle Filmstudios und Streamer oft scheitern: Ein Publikum scheint fast blind auf die Marke und deren Gespür für bewegende Inhalte zu vertrauen. Dieses Ziel erreichen sonst nur - und oft lediglich vorübergehend - einige Regisseure und wenige Filmstars.
Fast alle gesprächswertigen Filme der vergangenen gut zehn Jahre sind aus dem Hause A24. Eine Titelliste mit Beispielen ist beeindruckend: zum Beispiel die dystopische Sci-Fi-Romanze "The Lobster" (2015) mit Colin Farrell und Rachel Weisz und der Horrorfilm "The Killing of a Sacred Deer" (2017) mit Colin Farrell, Nicole Kidman, Barry Keoghan, beide von Regisseur Yorgos Lanthimos.
Auch Charlotte Wells' Coming-of-Age-Drama "Aftersun" (2022) mit Paul Mescal, Noah Baumbachs Mystery-Drama "Weißes Rauschen" (2022), Darren Aronofskys Adipösen-Drama "The Whale" (2022) mit dem Oscar-Preisträger Brendan Fraser und Jonathan Glazers Auschwitz-Historienfilm "The Zone of Interest" (2023) mit Christian Friedel und Sandra Hüller wären zu nennen. Und nicht vergessen sollte man wohl auch Luca Guadagninos Schriftstellerdrama "Queer" (2024) mit Daniel Craig, Alex Garlands und Ray Mendozas Irak-Krieg-Drama "Warfare" (2025) oder Olivia Wildes Beziehungskomödie "The Invite" (2026) mit Wilde selbst und Seth Rogen, Penélope Cruz, Edward Norton.
Nicht wenige A24-Hits gehören zum Genre des Elevated Horror ("gehobener Horror"). Das meint Gruselfilme mit künstlerischer Ambition (statt bloß Blut und Schockeffekten). Beispiele sind Ari Asters "Hereditary - Das Vermächtnis" (ein Familiendrama mit okkultem Terror von 2018) und "Midsommar" (verstörender Folkhorror am helllichten Tag von 2019). Auch Scott Becks und Bryan Woods' "Heretic" (ein Kammerspiel mit gequälten Mormoninnen, das eine Art theologische Erörterung ist, aus dem Jahr 2024) wäre ein prominentes Beispiel.
Der heftigste Erfolg des Studios war aber kürzlich "Backrooms" von Kane Parsons. Der heute 21-jährige Parsons schuf als Teenager eine YouTube-Serie über das Online-Phänomen endloser, gelber, leerer Büroräume. Er adaptierte den Stoff, der sich eigentlich um Ängste, Trauma, Verlust und Wahnsinn dreht, mit einem Budget von lediglich rund 10 Millionen US-Dollar fürs Kino (unter anderem mit Chiwetel Ejiofor und Renate Reinsve). Er schuf damit einen sagenhaft erfolgreichen Film über eine gruselige Parallelrealität. Weltweit spielte das Werk bis heute mehr als 400 Millionen US-Dollar ein.
Auch aufsehenerregende TV-Produktionen sind mit dem Haus A24 verbunden, etwa die Serien "Euphoria" (Sky/Wow und HBO Max), "Beef" (Netflix) oder "Only Margo" (Apple TV; Originaltitel: "Margo's Got Money Troubles"). Ganz aktuell ist etwa die Horror- und Thriller-Serie "Crystal Lake" (seit 15. Oktober bei HBO Max), bei der es sich um eine Art Prequel zur Kult-Slasher-Filmreihe "Freitag der 13." handelt.
Es sind die schrägen, oft auch queeren Momente, neuartigen Erzählmuster und riskanten Rollen, die A24-Werke auszeichnen und Filmstars reizen. Wer heute in der Schauspielwelt was auf sich hält, wünscht in einem A24-Film mitzuwirken. Superstars wie Nicole Kidman ("The Killing of a Sacred Deer", "Babygirl"), Hugh Grant ("Heretic"), Robert Pattinson ("Das Drama", "Primetime") und die Gen-Z-Darlings Timothée Chalamet ("Marty Supreme") und Pedro Pascal ("Eddington", "The Materialists") haben es längst getan.
Anfangs setzte A24 nur auf den Vertrieb besonders exzentrischer Filme wie "Swiss Army Man", in dem der einstige "Harry Potter"-Darsteller Daniel Radcliffe eine ständig furzende Leiche an der Seite von Paul Dano spielt. Der Durchbruch als Produktionsfirma geschah 2016 - und zwar mit dem Streifen "Moonlight" von Barry Jenkins. Das Drama dreht sich um das Aufwachsen eines schwulen Jungen in Miami, erzählt in drei Kapiteln das Erwachsenwerden eines Afroamerikaners.
Bei der Oscarverleihung 2017 setzte sich der queere Film nach dem Umschlagfiasko gegen das Los-Angeles-Musical "La La Land" durch und wurde zum besten Film gekürt. 2023 holte auch das A24-Sci-Fi- und Multiversum-Spektakel "Everything Everywhere All at Once" von Daniel Kwan und Daniel Scheinert (The Daniels) den Oscar als bester Film.
Einige A24-Fans, die der scheinbaren Indie-Bude auch mit Merchandise-Produkten, dem hauseigenen Podcast und im AAA24-Mitgliederclub die Treue halten, sehen derzeit den Mythos "ihrer" Firma in Gefahr. Nach mehreren Finanzierungsrunden hat das jenseits der Börse privat geführte Unternehmen inzwischen eine Marktbewertung von rund dreieinhalb Milliarden US-Dollar. Es ist also längst nicht mehr der kleine Player, als der er manchen noch immer gilt im Gegensatz zu den großen Hollywoodstudios.
Im Sommer stieg der Internetriese Google ein, das erste direkte Investment des Technologiekonzerns in ein Filmstudio. A24 und Google DeepMind vereinbarten eine Forschungskooperation. Gemeinsam sollen neue KI-Werkzeuge entwickelt werden. Man wolle, so A24, technische Entwicklung mitgestalten, statt sich später Werkzeuge fürs Filmbusiness von anderen diktieren lassen zu müssen.
Im Jahr 2024 war bereits die Investmentfirma Thrive Capital bei A24 eingestiegen. Deren Gründer Joshua Kushner ist der jüngere Bruder von Jared Kushner, Donald Trumps Schwiegersohn und wichtiger Berater. Eine inhaltliche Trump-Nähe lässt sich bei A24 bisher nicht ausmachen. Doch im hochpolitisierten Amerika unter dem polarisierenden US-Präsidenten Trump gilt die finanzielle Entwicklung der Firma als heikel - wie es halt so ist, wenn ein Unternehmen als Anti-Establishment, neues Hollywood oder eben Bastion gegen Hyperkapitalismus moralisch überhöht wird.
(S E R V I C E - https://a24films.com/ )