Graz-Premiere der „Nashörner“: Viel Applaus nach Klassiker-Durststrecke
Nachtkritik: Ionescos Parabel auf totalitäre Ideologien bereichert den Spielplan des Grazer Schauspielhauses. Es war an der Zeit! Die „Rhinozeritis“ lauert im Dunkeln des Menschen, was die sorgsam modernisierte Inszenierung unterstreicht.

Endlich wieder ein moderner Theaterklassiker auf dem Spielplan des Grazer Schauspielhauses! Die von Intendantin Andrea Vilter forcierte Kanon-Erweiterung liest sich ja hübsch-engagiert in einer Bewerbung, doch letztendlich macht es die Mischung der Stücke bzw. Umsetzungen anderer Vorlagen für die Bühne, um das mitunter ohnehin geduldsame Abo-Publikum nicht zu vergraulen und eine neue, junge Zielgruppe anzulocken. Nun also Ionesco „Nashörner“, mit denen vertrauensvoll – und zu Recht – Ulrike Arnold beauftragt wurde. Denn die Handschrift der Regisseurin gehört zu den prägenden Höhepunkten am Schauspielhaus seit nunmehr drei Jahren.

Arnold lullt den Zuschauer in ihren Inszenierungen anfangs gerne ein, erzeugt mit Musik sowie einem Kommen und Gehen Stimmungsbilder jener Gesellschaft, deren Bruchs, Herausforderung oder Umwälzung wir Zeugen werden. Nach Nestroy und Lessing auch bei Ionesco. Dass im ersten Bild ein nüchternes, austauschbares Shopping-Center inklusive Nagelstudio, Schnell-Imbiss und Kleintier-Praxis als Symbol für städtisches oder mittlerweile auch kleinstädtisches Leben verwendet wird, unterstreicht die brennende Aktualität des 1959 in Düsseldorf uraufgeführten (und erst Monate später in Paris inszenierten) Dramas des französisch-rumänischen Autors und Meisters der Mehrdeutigkeit. „Uns war es wichtig, nicht nostalgisch zu werden“, erklärt Arnold im auf vier Seiten reduzierten Programmheft, „wir haben eine Welt erfunden, die etwas Zeitgemäßes hat und gleichzeitig die Seltsamkeit dieser Ionesco-Welt widerspiegeln soll.“
Was für ein Protagonist!
Man mag „Die Nashörner“ schon mehrmals gesehen haben: Der Trumpf in Graz ist Sebastian Schindegger als Behringer, der in einer Art Unschuld so glaubwürdig jenen oft als tragisch-komischen „Antihelden“ bezeichneten Mitmenschen verkörpert, der sich dem Konformismus, dem Anpassertum, ja jeder verlockenden Mainstream-Maschinerie widersetzt. Er verkörpert in den knapp 100 Minuten mit jeder Faser: Dieses absurde Theater ist keine utopische Fabel!
Ein exzellentes Ensemble
Umgeben ist Schindegger freilich von einem Ensemble erster Güte – erwähnt seien Thomas Kramer als Hans und Sarah Sophia Meyer als Daisy. Der Regisseurin gelingt visuell mit Kostümbildnerin Anna Lechner zudem eine universelle, bedrohliche Umsetzung der Dickhäuter, wodurch das „Absurde Theater“ mit der Rhinozeros-Population erschreckend nah erscheint. Bloß die „Liebesbalz“ von Frau Ochs (Otiti Engelhardt) gerät zu einem lächerlichen Gähn-Moment.

Ohnehin lässt sich Arnold mitunter Zeit, bevor sie bei der Nicht-Kapitulation von Behringer vor Masse und Macht den Vorhang hastig bzw. sinnbildlich fallen lässt. Der humane Appell geht fast unter, während alle anderen von der „Rhinozeritis“ fasziniert und befallen wurden, kolonnenweise durch die Straßen oder Siedlungen trampeln. Ist der Untergang – nicht bloß durchs Trinken – nahe, oder ist Widerstand noch möglich? Die Graz-Premiere wurde jedenfalls leidenschaftlich beklatscht.
Bewertung: ●●●●○
„Die Nashörner“. Von Eugène Ionesco. Graz, Schauspielhaus. Nächste Vorstellungen: 21., 27. und 29. Oktober, 6., 18., 20. und 21. November, 5. und 17. Dezember, jeweils 19.30 Uhr. Karten: Tel. (0316) 80 00.
