Erst 70 Jahre alt: Badeort an der Oberen Adria feiert Geburtstag
Seit sieben Jahrzehnten mehr als Meer. Zum 70-jährigen Jubiläum wird in Bibione gefeiert und vor allem darüber diskutiert, wie man auch in Zukunft erfolgreich sein kann.

Auf 300 Beachvolleyballplätzen wird gebaggert, gepritscht und geschmettert, was das Zeug hält. 20.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren Mitte September insgesamt beim Beachvolleyball-Marathon am Strand von Bibione im Dauereinsatz. Daneben zog auch „Beach Fitness“ die Massen an. Tausende junge Menschen stählten in der Spätsommersonne ihre Körper und feierten am Abend bei DJ-Musik.
Die frühere Insel- und Sumpflandschaft
„Die Saison ist auch wegen dieser Events schon um drei Wochen länger als noch vor einigen Jahren. Das sind keine zugekauften Events, sondern die sind hier groß geworden“, sagt Giuliana Basso, Vizepräsidentin des Tourismusverbandes. Sie und ihre Familie betreiben mehrere Hotels (darunter das noble Savoy Beach Hotel) und tausende Apartments in Bibione und Lignano. Mit drei Apartments in Bibione Pineda hatte es 1972 begonnen.

Überhaupt ist jener Urlaubsort, der nun jährlich rund 5,5 Millionen Nächtigungen verzeichnet, deutlich jünger als oft vermutet. Jahrhundertelang war das Gebiet eine weitgehend unbewohnte Insel-, Lagunen- und Sumpflandschaft. Erst 1956 begann man Bibione (ein Ortsteil der Gemeinde San Michele al Tagliamento) als Badeort zu erschließen und damit eine rasante touristische Entwicklung, vor allem am deutschen und österreichischen Markt, einzuleiten. Bibione punktete mit breiten Stränden, sanft abfallendem Ufer, Leistbarkeit, Familienfreundlichkeit, guter Erreichbarkeit, Barrierefreiheit und mit der frühzeitigen Entscheidung für eine rauchfreie Strandzone. Viele Familien kommen schon seit Jahrzehnten verlässlich hierher und genießen la dolce vita.

Als „Il modello Bibione“ wird das anlässlich des 70. Geburtstags gefeiert – ein Kongress zum Jubiläum widmet sich aber auch dem Thema, wie sich das Erfolgsmodell in die Zukunft führen lässt. Touristiker, Experten, Unternehmer und Politiker diskutieren darüber und stellen Aspekte wie Klimawandel, Küstenschutz, Infrastruktur, Digitalisierung und Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt – und die Frage, wie aus dem klassischen Badeort eine Ganzjahresdestination werden kann. Auch wegen gestiegener Preise und enorm heißer Sommer verschiebt sich das Geschäft bereits vermehrt in die Nebensaisonen. Viele Betriebe richten sich entsprechend aus. „Wir sprechen damit neue Gästetypologien an“, sagt Basso. „Wir brauchen dafür aber mehr Infrastruktur, Kongresszentren, Sportplätze oder ein Sportbad.“

Bibione braucht Innovation, muss aber seine Identität bewahren, ist eine der Erkenntnisse des Kongresses. Adamo Zecchinel von Bibione Spiaggia betont etwa: „Wohlstand kann nicht allein an der Zahl der Sonnenschirme gemessen werden, sondern an der Qualität der Dienstleistungen und daran, ob Gäste wiederkommen wollen.“ Das Preis-Leistungs-Verhältnis passt nicht mehr überall, manches ist in die Jahre gekommen.
Klimawandel als Herausforderung
Klimawandel und Extremwetter sorgen für Herausforderungen. Bei Starkregen reichen die Kapazitäten des Kanalsystems nicht aus, die Küstenerosion nimmt zu. „Wir geben viel Geld aus, um den Strand wieder mit Sand aufzufüllen“, sagt Basso. Um die Strände zu sichern, fordert der EU-Abgeordnete Alessandro Ciriani sogar einen nationalen Plan für gezielte Strandaufschüttungen.
Für die Saisonerweiterung hat Bibione gute Voraussetzungen, sind sich die Diskutanten einig. Die Therme ist ganzjährig geöffnet, hat aber Investitionsbedarf. Der breit ausgebaute Radweg ist sehr beliebt und ein wichtiger Buchungsfaktor. Das Val Grande, die grüne Oase nahe Bibione, die in Hitzeperioden etwas Abkühlung bietet, wird für Besucher ausgebaut und rollstuhltauglich gemacht, das Umland entlang des Tagliamento soll Gästen schmackhafter gemacht werden.

Das ist ganz im Sinne von Italiens Tourismusminister Gianmarco Mazzi, der in Bibione drei Erfolgsfaktoren für Destinationen formuliert: Tourismusorte sollen stärker mit ihrem Hinterland zusammenarbeiten. Neue Technologien sollen helfen, potenzielle Gäste besser zu erreichen. Und das Angebot soll so erweitert werden, dass auch außerhalb der klassischen Sommersaison mehr Gäste kommen – etwa mit Kulinarik und regionalen Genussangeboten.
Bibione muss in den nächsten 70 Jahren wohl beweisen, dass es auch attraktiv bleibt, wenn nicht nur der perfekte Strandtag, sondern viel stärker das ganzheitliche Urlaubserlebnis zählt.