Suche
Kleine Zeitung als bevorzugte Google-Quelle hinzufügen.

„Freimaurer sind in einflussreichen Positionen“

Georg Semler, Großmeister der Großloge von Österreich, über das Verhältnis der Freimaurerei zur Politik, einen Abend mit Hans Peter Doskozil und die Rituale in den Logen.

© Clemens Fabry
Georg Semler, Großmeister der Großloge von Österreich
Oliver Pink

Als ich in den 1980er-Jahren in Kärnten aufwuchs, hieß es: Von der Politik bis zur Justiz – überall würden dort die Freimaurer sitzen. Können Sie sich vorstellen, dass das so war?

Georg Semler: Das war möglicherweise angeknüpft an einige prominente bekennende Freimaurer. Ein Landeshauptmann hat auch gesagt, dass er Freimaurer ist. Nur: Auch Landeshauptleute haben eine begrenzte Amtszeit, es war davor kein Freimaurer und danach kein Freimaurer. In der Justiz kann ich es nicht sagen. Die 1980er-Jahre sind außerdem relativ weit zurück. Aber in Kärnten hat die Freimaurerei eine gewisse Tradition. Und Freimaurer sind durchaus in einflussreichen Positionen. Das ist gar nicht so schlecht, wenn sie die Freimaurerei ernst nehmen und es für sie ein ethischer Standard ist.

In Kärnten wurde den Freimaurern immer eine Nähe zur Sozialdemokratie nachgesagt bzw. umgekehrt.

Ja, das war vielleicht in den 1980er-Jahren zutreffend, aber das hat sich seitdem völlig geändert. Wir leben eine völlige Offenheit hinsichtlich aller Parteien – sofern die Einstellung mit unseren Grundwerten übereinstimmt.

Der gegenwärtige burgenländische SPÖ-Landeshauptmann Hans Peter Doskozil schrieb in seinem Buch „Hausverstand“, dass ihn Genossen in Wien für die Freimaurer anwerben wollten. Waren Sie da auch involviert?

Ich kann darüber sagen, dass es ein Gespräch gab, keine Anwerbung. Diese Initiative ist von Landeshauptmann Doskozil ausgegangen, der sich offenbar für die Idee der Freimaurerei interessiert hat. Da gab es dann einmal ein Treffen, ein Abendessen. Dabei haben er und wir die Überzeugung gewonnen, dass sich dieses Projekt nicht weiterverfolgen lässt.

In seinem Buch beklagt er die Freimaurer-Seilschaften, die Macht und Einfluss in der SPÖ hätten.

Man kann alles behaupten. Die Frage ist, ob es auch beweisbar ist. Und man darf auch nicht vergessen: Das Gefühl einer Zurückweisungskränkung ist auch etwas, das Menschen motiviert, die Dinge im Nachhinein ein wenig anders zu sehen.

Insbesondere für die Freiheitlichen sind die Freimaurer eine Art Feindbild. Warum, glauben Sie, ist das so?

Wir treten für eine offene liberale Gesellschaft ein. Wenn man unter Umständen ideologisch etwas anderes sucht, dann könnte es zu einer bestimmten Kollision kommen.

Freimaurer galten früher gemeinhin als antiklerikal. Wie ist denn nun das Verhältnis zur katholischen Kirche?

Das ist ein großer historischer Irrtum, der zurückgeht auf die Anfänge des 18. Jahrhunderts, als die Kirche geglaubt hat, die Freimaurerei sei so etwas wie eine neue Mode-Religion. Beängstigt auch dadurch, dass viele gekrönte Häupter plötzlich zur Freimaurerei tendierten…

Die waren dann aber wahrscheinlich protestantisch – oder?

Ja. In England war die Freimaurerei immer Teil des Staates. Die katholischen Herrscherhäuser wie die Habsburger wollten ja als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation vom Papst gekrönt werden. Und der Papst hat gesagt: Ja, aber nur dann, wenn es bei euch keine Freimaurer im Land gibt. Bis 1918 waren die Freimaurer in Österreich daher auch verboten. Es hat dann aber auch eine Aussöhnung gegeben. Das Letzte, was wir sein wollen, ist eine Religion oder Ersatz-Religion. Es gibt heute keinerlei Widerspruch. Ich selbst bin römisch-katholisch und war Ministrant.

Es gibt seit geraumer Zeit eine anonyme Homepage, die angebliche Freimaurer und ihre Machenschaften outet. Wie sehen Sie das?

Ich weiß nicht, wer da dahintersteckt.

Offenbar jemand mit Insiderwissen. Ehemalige Freimaurer möglicherweise.

Von meinem Gefühl her sind es keine ehemaligen Freimaurer. Es sind eher Gegner unseres Bundes, die die Freimaurer als Feindbild hochstilisieren. Die Website nennt sich „Kriminelle Freimaurer“. Das Einzige, das wirklich kriminell ist, ist diese Website.

Gehen Sie juristisch dagegen vor?

Nein. Weil wir nicht wissen, wer dahintersteckt, es wird betrieben über eine WordPress-Website in völliger Anonymität.

Wieso wird man Freimaurer? Wegen der Karriere? Um sich in den höheren gesellschaftlichen Schichten einen Platz zu sichern?

Das denke ich nicht. Es sind Menschen, die vielfach in einer gefestigten Position sind und sich fragen: Da muss es doch intellektuell, emotionell und ethisch noch mehr geben? Da kann Freimaurerei sehr hilfreich sein, das Treffen der Brüder sehr befruchtend sein.

Das klingt jetzt sehr schön und hehr. Aber so selbstlos ist der Mensch dann auch wieder nicht. Steckt da nicht doch der Wunsch nach Beziehungen, die einen beruflich weiterbringen, dahinter?

Ich hoffe, dass wir in unseren Aufnahmeverfahren solche Dinge herausfiltern, dazu gibt es viele Gespräche, weil das das Letzte ist, das wir anbieten.

Wenn ich jetzt zu Ihnen sagen würde: Ich will Freimaurer werden. Was passiert dann?

Dann würde ich sagen: Das freut mich sehr. Dann würde ich mich mit Ihnen einmal im Kaffeehaus verabreden und Ihnen erzählen, was Sie erwartet. Ich habe auch versucht, das in meinem Buch darzulegen. Und ich würde Ihre Erwartungen abfragen. Nach diesem Erstgespräch folgen weitere Gespräche mit unterschiedlichen Personen, die dann eine Einschätzung abgeben. Und am Ende wird in einer Loge geheim über die Aufnahme der Person abgestimmt.

Wieso ist bei den Freimaurern eigentlich diese Geheimniskrämerei notwendig?

Ich sehe es nicht als Geheimniskrämerei. Schöner Begriff, aber mir gefällt Diskretion besser. Wir sind kein Geheimbund. Unsere Organisation steht im Telefonbuch, im Vereinsregister. Wir wollen lediglich zwei Dinge für uns behalten: die Namen der lebenden Mitglieder. Und es soll nicht rückverfolgbar sein, wer in einer Loge eine Meinung geäußert hat. Damit jeder frei sprechen kann. Ohne Sorge vor Diffamierung haben zu müssen.

Man darf aber nicht wissen, wer überhaupt Freimaurer ist.

Es kann jeder über sich sagen natürlich. Wir haben aber historisch eines gelernt: Es ist durchaus mit einem Risiko behaftet, in bestimmten Kreisen der Gesellschaft, bei gewissen politischen Stimmungen, zu sagen, ich bin Freimaurer.

In Ihrer Großloge gibt es keine Frauen. Warum nicht?

Das hat historische Gründe. Die reguläre Freimaurerei wurde 1717 in England gegründet als Männerbund. Wir sind in diesem System geblieben. 100 Jahre später wurde in Frankreich ein anderes System gegründet, das weibliche Freimaurerei in gleicher Wertigkeit ermöglicht hat. Wie gesagt: Wir sind eben ein Männerbund geblieben. Was jetzt überhaupt nicht heißt, dass ich das als Privatperson nicht anders sehen kann. Und wir haben einen sehr angenehmen Austausch auch mit den Damenlogen in Österreich.

Gibt es eigentlich irgendwelche anderen Verbände, bei denen man als Freimaurer nicht Mitglied sein darf?

Das ist mir nicht bekannt.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass am Anfang der sogenannten Arbeit in der Loge der „raue Stein“ steht. Wir sitzen hier nun in der Rauhensteingasse. Zufall?

Es ist in der Tat Zufall. Die Gasse wurde benannt nach dem Grafengeschlecht von Rauhenstein. Als das Haus, in dem das Lager des „Konsum“ war, dann zu kaufen war, konnten wir uns das nicht entgehen lassen. Seither ist es der Sitz der Großloge von Österreich und aller Wiener Logen. Und das Gebäude hat noch einen besonderen Charme: Es hat einen dreieckigen Grundriss. Und das Dreieck ist bei uns ein wichtiges Symbol.

Wie läuft so ein Abend in einer Loge ab?

Ein Logentreffen wird rituell eröffnet. Es ist ein Signal dafür, dass man die Welt da draußen hinter sich lässt. Es ist so, wie wenn im Konzertsaal das Licht ausgeht. Dann kommt ein Musikstück. Und dann kommt das Baustück, das ist ein Vortrag, den ein Bruder hält zu einem Thema, das nicht aus seinem Berufsfeld stammen soll. Wir haben lieber Themen, die ihn in seiner Persönlichkeit berühren. Es sind alle Themen zulässig ­­– außer Partei- und Tagespolitik und Religion.

Wie viele Freimaurer sitzen denn nun in der österreichischen Bundesregierung?

Keine.

Zum Buch

Georg Semler: Freimaurer sein – Eine Lebenshaltung in einer Welt im Zeitenumbruch. Edition Lapis. 150 Seiten.

Das Buchcover

Mehr zum Thema „Freimaurer“