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Wolfgang Retter: „Wir wurden als Wohlstandsgegner hingestellt“

Mit seiner Frau und wenigen Unterstützern errichtete der Umweltschützer im Jahr 1976 den ersten Wasserschaupfad Europas – ein Meilenstein in einem Kampf über Jahrzehnte.

Wolfgang Retter im Porträt
© KLZ / André Schmidt
Der heute 88-jährige Wolfgang Retter kam 1963 nach Osttirol. Er lebt mit seiner Frau noch immer in Lienz
André Schmidt
Redakteur Regionalredaktion Osttirol

Man nannte ihn einst auch „Umweltpapst“. Eine Bezeichnung, die Wolfgang Retter (88) nie mochte: „Der Papst ist im kirchlichen Sinne unfehlbar. Ich bin es nicht.“ Geboren 1938 in Innsbruck, besuchte Retter dort das Gymnasium, absolvierte dein Lehramtsstudium in Biologie, Erdwissenschaften, Physik und Chemie. Später promoviert er mit einer pflanzenökologischen Dissertation zum Doktor der Philosophie. Von 1963 bis zum Ruhestand 1998 war Retter als Gymnasiallehrer und Erzieher in Lienz tätig. Bekannt wurde er in Osttirol durch seinen Kampf um die Isel. Heute ist die Isel der einzige, nahezu komplett frei fließende Gletscherfluss der Ostalpen. Ein Ereignis vor 50 Jahren sorgte mit dafür.

Wie kam es vor 50 Jahren zum Wasserschaupfad Umballfälle?

Darf ich etwas ausholen?

Natürlich.

Ich kam als junger Lehrer nach Lienz. Mit meiner einen Monat vorher angetrauten Frau Erika war ich vorher nur zweimal auf Durchreise. Für uns Innsbrucker lag Osttirol damals kurz vor dem Ural. Aber mir blieb nichts anderes übrig im Schuldienst. So kam ich ans Gymnasium und in den Erzieherdienst am Heim. Denen sind damals alle Kollegen davongegangen. ‚Gut‘, haben wir gesagt, ‚in einem Jahr sind wir wieder woanders‘. Doch dann haben wir diesen wunderschönen Bezirk lieben gelernt.

Waren Sie da schon Naturschützer?

Wir waren vorbelastet. Meine Frau aus Salzburg vom Doktor Stüber, der die österreichische Naturschutzjugend gegründet hat. Erika und ich lernten uns im Studium in Innsbruck kennen, wo wir die Naturschutzjugend Tirol ins Leben riefen. 1970 war dann das europäische Naturschutzjahr. Und wir haben uns gefreut, dass wir in diesem Zuge einen Nationalpark bekommen sollten, auch ein wenig mitgewirkt. 1971 erfolgte in Heiligenblut die Unterzeichnung der drei Bundesländer.

Dann passierte etwas, was Ihr Leben prägen sollte.

1973 habe ich den Osttiroler Boten aufgeschlagen und gedacht: ‚Das gibt es nicht‘ – ein gigantisches Kraftwerksprojekt im Kalser Dorfertal. Die jungen Osttiroler wissen das heute nicht mehr. Eine schmale Klamm, dahinter ein riesiges Drucktal, das hätte man alles aufgestaut. Es hatte schon vorher Projekte gegeben, die waren aber viel kleiner. Dann kamen die Tunnelbohrmaschinen aus den USA, damit konnte man Beileitungen machen, die vorher undenkbar waren. Man wollte alle Osttiroler Gletscherbäche ins Dorfertal leiten – nach dem Prinzip der kommunizierenden Gefäße. Das wäre mehr Speicherwasser gewesen als in den vier Zillertaler Großspeichern zusammen.

Wie ging es weiter?

Es gab erste kritische Stimmen und wir haben uns zusammengetan. Die Landesbeamten waren keine Hilfe, die waren getrimmt aufs Kraftwerk. Tirol wäre zur Hälfte beteiligt gewesen. Bei der Wirtschaft waren die Meinungen zweigeteilt. Die einen haben große Aufträge erhofft, andere hatten Bedenken wegen des Tourismus. Die haben sich nichts zu sagen getraut. Es hieß: ‚Schaut nach Kaprun, da haben sie einen Großspeicher. Die haben jetzt eine Gletscherbahn, da floriert alles.‘ Wir haben mit Leserbriefen und Schreiben an die Politiker den Widerstand forciert. Dann hat die E-Wirtschaft eine Versammlung abgehalten und alles, was Rang und Namen hatte, zusammengerufen. Wir bescheidenen Kritischen haben uns selbst eingeladen und uns angehört, wie toll alles wird. In einer Pause hat mich der Geschäftsführer der Gesellschaft, die das alles geplant hatte, zur Seite genommen. Er hat geschaut, dass keiner zuhört und gesagt: ‚Herr Doktor Retter, sie wird man zur Verantwortung ziehen, für das, was sie den Leuten erzählen.‘ Das war ein Zeichen, dass wir uns absichern mussten. So entstand der Landschaftsschutzverein.

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Kinder der Volksschule Prägraten illustrierten den kleinen Reiseführer, den die Retters zum Wasserschaupfad herausbrachten
Kinder der Volksschule Prägraten illustrierten den kleinen Reiseführer, den die Retters zum Wasserschaupfad herausbrachten © André Schmidt

Wie kamen die Umballfälle ins Spiel?

Die E-Wirtschaft hat den Landeshauptmann Wallnöfer auf die Pebellalm gefahren, auf eine Brücke gestellt und gesagt: ‚Herr Landeshauptmann, schauen sie, das alles rinnt umsonst aus dem Tal. Damit könnten wir drüben in den Turbinen einen super Strom machen.‘ Da haben wir uns das Gegenteil ausgedacht: einen kleinen Reiseführer über das Umbaltal, damit die Leute sehen, was das Wasser in der Landschaft wert ist. Wir haben Infos von den Unis Innsbruck und Salzburg eingeholt, ein paar neue Wege und Markierungen geschaffen. Die Prägrater Volksschulkinder haben uns Zeichnungen für den Führer gemacht. Der Lehrer war uns zugetan, aber danach hat er in den Prägratner Gasthäusern nichts mehr zu essen bekommen. 15.000 Schilling haben uns Rundweg und die Erstauflage gekostet.

Sorgte die Eröffnungsfeier 1976 für Aufsehen?

Wir haben Werbung gemacht, Naturschutzbund und Alpenverein eingeladen. Sogar Bundespräsident und Bundeskanzler haben Grußworte geschickt. Und der Europarat entsandte einen Generalsekretär. Das war ein beleibter Niederländer, der hat ein bissel geschwitzt da hinauf (lacht). Aber dann war er selig, weil er eine Gams beobachten konnte. Danach hat es Kreise gezogen, wir haben unseren Führer unter die Leute und zu den Medien gebracht. Der Kosmos, damals die Zeitschrift für Naturliebhaber im deutschsprachigen Raum, hat einen Beitrag gebracht. Die Umballfälle wurden zum Symbol für die Auseinandersetzung zwischen Kraftwerk, Naturschutz und eben dem Nationalpark. Damals gab es in Tirol einen Beschluss: erst das Kraftwerk. Der Nationalpark wird das, was übrigbleibt.

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Wolfgang Retter am Rednerpult bei der Eröffnung des Wasserschaupfads Umballfälle im Jahr 1976 . . .
Wolfgang Retter am Rednerpult bei der Eröffnung des Wasserschaupfads Umballfälle im Jahr 1976 . . . © privat

Wie war die Stimmung in Osttirol?

Es gab verschiedene Player, etwa das Amt für Landwirtschaft. Die waren wie Kaiser im Bezirk und hatten einen Hofrat an der Spitze, vor dem mussten die Bauern fast niederknien. Der ist durch die Dörfer gezogen und hat gesagt, ,wenn der Nationalpark kommt, werdet ihr die Indianer im Reservat‘. Auch Flussbauer Alfred Thenius, der sagenhafte Ingenieur und eigentlich ein begeisterter Bergmensch, war für das Kraftwerk. Thenius wünschte noch mehr Erschließungen. Den Prägratnern versprach er damit ein Gletscherskigebiet. Wir wurden als Wohlstands- und Fortschrittsgegner hingestellt.

Wie kam es doch zur Absage?

1982 gab es eine Landeshauptmannkonferenz. Kärnten und Salzburg hatten angefangen, ihren Nationalparkteil einzurichten. Wir waren auch eingeladen. Und es kamen Leute aus Salzburg mit Plakaten: ‚Rettet die Umballfälle‘. Da war ich total überrascht. Nur die Tiroler saßen noch immer auf dem Kraftwerk, die E-Wirtschaft wollte auf die Umballfälle nicht verzichten. Wir waren eigentlich bescheiden, wollten nur ‚Erinnerungsbäche‘ behalten: Isel und Gschlössbach. Zwei von über dreißig – aber keine Chance. Wir konnten dann ein ökologisches Gutachten mit zwölf Teilgutachten erreichen, erstmalig in Österreich mit einem Landschaftsgutachten. Das bestätigte, dass der Verlust der Gletscherbäche die Landschaft entwerten würde und unwürdig für einen Nationalpark sei. 1989 sagte der Energieminister das Kraftwerk ab – aus wirtschaftlichen Gründen. In der langen Zeit waren andere Möglichkeiten aufgekommen, vor allem Gasturbinen, mit denen man rasch Spitzenstrom erzeugen konnte.

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„Betreten verboten“ hieß es im  Widerstand gegen den Nationalpark
„Betreten verboten“ hieß es im Widerstand gegen den Nationalpark © André Schmidt

War die Isel damit gerettet?

Es gab etwas Ruhe, der Nationalpark konnte sich entfalten. Dann kam Herwig van Staa, der Schwiegersohn vom Wallnöfer, in die Politik. Der wollte die Tiwag fördern, es gab den berüchtigten Optionenbericht: 20 Möglichkeiten in Tirol, Kraftwerke zu bauen, in Osttirol das Pumpspeicherwerk Matrei-Raneburg. Man hätte Felbertauernstraße, Hochspannungs- und Ölleitung verlegen müssen und bedeutenden Kulturraum verloren. Dann kam die Ermahnung der EU, mit Natura 2000 ernst zu machen. Da haben wir versucht, die Isel in den Vordergrund zu rücken, für den Schutz der Tamariske geworben. Die Diskussion wurde gehässig. Heute würde man sagen, es waren ‚Fake News‘ unterwegs – auch von den Bürgermeistern. Etwa, dass es ein Betretungsverbot für den Nationalpark gäbe. Erst mit Umsetzung von Natura 2000 im Jahr 2015 und mit der Errichtung des Iseltrails mit Matthias Schickhofer und dem Tourismusverband drehte sich die Wahrnehmung. Wir waren aus der Schusslinie.

Und was macht Wolfgang Retter heute?

Mit 88 Jahren wird die Zeit knapper. Ich schaue, dass ich in Form bleibe. Auch im Kopf versuche ich, in Schuss zu bleiben. Ich bin viel in unserem Garten, aber auch unterwegs. Ich informiere mich über das, was rundherum läuft. Auch wenn es nicht immer lustig ist.

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Das Iselfest ist zu einem festen Bestandteil im Veranstaltungskalender geworden
Das Iselfest ist zu einem festen Bestandteil im Veranstaltungskalender geworden © Wolfgang Fritsch