Ökonom Reith: „Abstieg der Inflation wird länger dauern als ihr Anstieg“
In keinem anderen EU-Land ist das Leben schneller teurer geworden als in Österreich, sagt Raiffeisen-Ökonom Matthias Reith. Er geht davon aus, dass das Wachstum länger dauern werde als im übrigen Europa.
ie europäische Zentralbank muss dafür sorgen, dass sich die Energiepreise nicht in andere Lebensbereiche hineinfressen.“ Daher geht Matthias Reith, Experte von Raiffeisen Research, von weiteren Leitzinsanhebungen im Dezember und im März aus bzw. rechnet erst Ende 2027 mit Zinssenkungen.
Auch sonst ist der Konjunkturausblick des Ökonomen, den er im Rahmen eines Business-Frühstücks Mittwoch Vormittag im Casineum gab, „nicht vergnügungssteuerpflichtig“, so Reith ernst. Österreich habe heuer eine konjunkturelle Vollbremsung hingelegt, nicht zuletzt wegen seiner „ausgeprägten Dienstleistungsschwäche. Der Kern des österreichischen Inflationsproblems sind die Dienstleistungen. In keinem anderen EU-Land ist das Leben schneller teurer geworden als in Österreich“. Reith geht von einer weiteren Zunahme der Inflation aus. „Und der Abstieg der Inflation wird länger dauern als ihr Anstieg.“
Reith: „Wer heute weniger investiert, ist morgen weniger innovativ“
In Hotellerie und Gastronomie bliebe trotz Preissteigerungen unterm Strich weniger übrig als vor Corona. Die Bauwirtschaft durchleide das achte Rezessionsjahr in Folge, „und das ist kein europäisches Phänomen, sondern ein österreichisches Problem“. Immerhin habe sich die Industrie ihren Aufschwung „selbst bezahlt“. Zum Glück: „Wer heute weniger investiert, ist morgen weniger innovativ.“
Wachstumsraten zwischen „null und einem Prozent“
Für das heurige Jahr geht Reith von einem „Wachstum“ von 0,7 Prozent aus, das sich zwar 2027 und 2028 „steigern“ werde, aber langsam, jedenfalls langsamer als im übrigen Europa. „Wachstumsraten zwischen null und einem Prozent sind die neue Realität in Österreich, wenn wir so weitermachen“, sagt der Volkswirt. „Dazu kommt die Bürokratie und die Demografie - Jahr für Jahr sind weniger Hände da, um zu produzieren.“ Österreich habe „Speck angesetzt“ und in den letzten Jahren sehr, sehr wenig richtig gemacht. „Wir haben ganz klar an preislichem Wettbewerb verloren. Es wird wohl zehn Jahre dauern, bis wir das wieder gutmachen. Ohne Produktionswachstum geht es ohnehin nicht.“
„Die Angst vor dem Wähler ist groß“
Manfred Wilhelmer, Vorstandssprecher der Raiffeisenlandesbank Kärnten und Gastgeber des Business-Frühstücks, leitete eine aufschlussreiche Fragerunde ein, in der Reith auch zu Pensionen und KI Stellung nahm. „Österreich gibt schon jetzt mehr für Pensionen aus als für Bildung. Entweder müssen wir also länger arbeiten, oder weniger Leistung beziehen, oder höhere Beiträge zahlen. Da wäre ich für ersteres. Aber die Angst vor dem Wähler ist offenbar so groß.“ Dass die Arbeitslosigkeit durch Künstliche Intelligenz ansteigen wird, glaubt Reith nicht. „Wohl aber wird sie Berufseinsteiger treffen, gerade auch in wissensbasierten Dienstleistungsberufen. Aber sie wird neue Jobs, neue Arbeitsprofile mit sich bringen.“