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Hat die Ukraine Russlands Troll-Fabriken das Handwerk gelegt?

In den sozialen Medien berichten große Accounts nach den Drohnen-Angriffen auf die Yandex-Datenzentren in Russland von einer sich ändernden Nutzerstruktur: Weniger MAGA-Fans, stille Russland-Versteher und ein deutlicher Abfall bei Aktivitäten rund um die AfD.

© IMAGO/Ukraine Online Telegram Channel
Nach den Angriffen auf die Wildberries-Lagerhäuser nimmt die Ukraine jetzt die Yandex-Datenzentren ins Visier
Ronald Schönhuber
Redakteur Außenpolitik & International, Wien 

Die Bilder sind ähnlich wie im Sommer. Dichte Rauchwolken steigen über großen Gewerbeimmobilien in den Himmel, zwischen den Lücken in den Stahlblech-Panelen schlagen Stichflammen nach draußen. Doch diesmal sind es die nicht die Lagerhallen des russischen Versand-Giganten Wildberries, die von den ukrainischen Drohnen ins Visier genommen wurden, sondern die Datenzentren von Yandex. Bereits drei Standorte des Unternehmens, das früher oft als russisches Google bezeichnet wurde, sind durch die Angriffe massiv beschädigt worden.

In den vergangenen 24 Stunden hat die ukrainische Kampagne gegen die russischen Rechenzentren jedoch noch eine ganz andere Tangente bekommen. Vor allem in den sozialen Medien verbreitete sich die Idee, dass durch die Angriffe auch russische Bot-Farmen und Troll-Fabriken im großen Stil ausgeschaltet wurden, wie ein Lauffeuer. Das Beobachtungstool des großen US-Internetdienstleisters Cloudflare lieferte dazu die passende Begleitmusik: Die automatisierten Anfragen aus dem Yandex-Netzwerk erreichten unmittelbar nach den Angriffen nur 0,4 Prozent des sonst üblichen Niveaus.

Prompt meldeten große Accounts wie die rechtsgerichtete Aktivistin und Trump-Unterstützerin Laura Loomer, der russische Oppositionspolitiker und frühere Schachweltmeister Garri Kasparow und der ehemalige US-Botschafter in Russland Michael McFaul eine sich rapide ändernde Nutzer-Struktur auf Plattformen wie X: Weniger MAGA-Accounts, plötzlich stille Russland-Versteher und kaum noch lautstark für eine Loslösung von Kanada kämpfende Separatisten aus Alberta. Der tschechische EU-Abgeordnete Tomáš Zdechovský postete sogar eine Grafik, laut der es nach den Angriffen auf einmal einen massiven Abfall bei der Aktivität AfD-naher Nutzer gab – Zdechovskýs Beitrag wurde mehr als drei Millionen Mal angesehen.

Bot-Armeen sind vor allem dezentral organisiert

Die Erzählung von der Ausschaltung der russischen Bot-Armeen dürfte aber vor allem dem Wunschdenken geschuldet sein - und einem beträchtlichen Missverständnis. So hat es zwar tatsächlich einen massiven Einbruch bei Aktivitäten aus dem Yandex-Netwerk gegeben, doch dieser betrifft vor allem automatisierte Web-Crawler - also kleine Hilfsprogramme, die Webseiten durchforsten und mit den dort gefundenen Informationen Suchmaschinen füttern. Tatsächliche Belege für den Rückgang von Bot-Aktivitäten fehlen hingegen. So sind Erwähnungen und Interaktionen rund um die AfD an dem betroffenen Wochenende laut Datenanalysen zwar leicht zurückgegangen, das Minus fiel bei allen anderen Parteien aber ungefähr genauso groß aus.

Professionelle staatliche Einflusskampagnen (wie die russische „Doppelgänger“- oder „Matrjoschka“-Kampagne) laufen zudem nicht über ein einzelnes Netzwerk, sondern sind technisch dezentralisiert. Sie nutzen zumeist sogenannte Residential Proxies (gekaperte oder gemietete IP-Adressen echter Internetanschlüsse weltweit) und internationale Cloud-Anbieter, um nicht blockiert zu werden. Die Ausschaltung der Yandex-Rechenzentren hätte hier also bestenfalls einen minimalen Effekt gehabt.