Um Arbeit betteln? Kärntnerin nach 200 Job-Absagen verzweifelt
Die Akademikerin Bernadette de Roja sucht nach einer Arbeit im Raum Graz: „Ich will eine Chance.“ Als Frau mit Behinderung fühlt sie sich vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen.

Bernadette de Roja feierte vor kurzem ihren zweiten Geburtstag. Das macht sie seit 17 Jahren, jedes Jahr. Denn am 5. Oktober 2009 wurde sie im Alter von zwölf Jahren auf dem Heimweg von der Schule in Villach von einem Lieferwagen niedergefahren und schwerstens verletzt. Als sie nach Monaten im Wachkoma wieder zu sich kam, konnte sie nicht mehr sprechen, nicht selbstständig atmen, nicht schlucken und sich nicht mehr bewegen. Nicht einmal mehr ihren Kopf konnte sie heben.
Die junge Kärntnerin hatte schwere Hirnverletzungen und musste alles neu lernen: sprechen, lesen, schreiben, essen, sitzen. Jahrelange Therapien und Rehas und unzählige Operationen waren notwendig. Allen Prognosen zum Trotz kämpfte sie sich mit beispiellosem Mut zurück ins Leben. Seitdem feiert sie jedes Jahr am 5. Oktober ihren zweiten Geburtstag.
Heute ist de Roja 29 Jahre alt, hat ein abgeschlossenes Studium in Erziehungs- und Bildungswissenschaften, absolvierte eine Ausbildung als Peerberaterin an der Fachhochschule und lebt alleine in Graz. Sie ist einseitig gelähmt, braucht für längere Wege den Rollstuhl und schafft es, kürzere Strecken alleine zu gehen.

Es braucht recht viel, um Bernadette de Roja zur Verzweiflung zu bringen. „Aber derzeit bin ich echt verzweifelt. Denn ich bekomme keine Arbeit, ich finde einfach keinen Job“, sagt sie. Seit zwei Jahren sei sie auf der Suche nach einem passenden Arbeitsplatz, seit einem Jahr „ganz intensiv“.
„Niemand will mich einstellen“
„Ich habe mehr als 200 Bewerbungen geschrieben, aber nur Absagen bekommen. Ich will arbeiten, aber niemand will mich einstellen. Ich komme mir vor, als ob ich um Arbeit betteln müsste. Als Mensch mit Behinderung bist du unerwünscht im Berufsleben. Wir sind zwar im Jahr 2026, aber ich spüre kaum Inklusion am Arbeitsmarkt“, ist sie enttäuscht. Sie sei derzeit zwar mit 30 Stunden im Monat geringfügig tätig, aber das sei ihr zu wenig. „Ich möchte regelmäßig arbeiten.“

An ihrem heurigen zweiten Geburtstag hatte sie daher nur einen Wunsch: „Mein größter Wunsch ist es, eine Arbeit zu finden. Ich würde gerne im Verwaltungsbereich oder im Organisationsbereich eines Büros arbeiten, mit Kundenkontakt, am liebsten im Großraum Graz“, sagt sie. Kämpferisch wie de Roja nunmal ist, hat sie auch auf Sozialen Medien einen Aufruf gestartet.
Viele Leute würden denken, Menschen mit Behinderung „sind eh versorgt“, sagt sie. Das sei nicht wahr. „Mich unterstützen auch meine Eltern finanziell und ich frage mich wirklich, wie das andere Menschen mit Behinderung schaffen, die diese Unterstützung nicht haben.“
Berührendes Video über de Rojas harten Weg
Sie habe ihre schriftlichen Bewerbungsunterlagen von Experten und Juristen durchsehen lassen, alle fanden sie gut. „Ich erwähne in einem Absatz meine körperliche Beeinträchtigung und ich fürchte, deshalb will mich niemand für sich arbeiten lassen.“
Dabei sei sie ein selbstständiger Mensch: „Ich wohne alleine in einer Wohnung, ich koche für mich, ich habe einen Partner, ich habe Freunde und Familie, die mich in meinen vier Wänden unterstützen, ich komme so weit gut klar und bewältige mein Leben auf meine Art und Weise, so wie andere auch.“
Model mit Behinderung
Viele kennen Bernadette de Roja, weil sie hin und wieder als Model vor der Kamera steht. Als Frau mit Behinderung will sie anderen Mut geben, sich sichtbar zu machen. Vor einigen Jahren trat sie sogar in einem Bipa-TV-Spot auf und lachte von riesigen Plakatwänden in ganz Österreich. „Modeln ist ein schönes Hobby und ich freue mich über Kooperationen“, sagt sie.
Aber in erster Linie suche sie jetzt eine richtige Anstellung: „Ich will arbeiten und bekomme keine Chance. Ich möchte aber eine Chance bekommen und zeigen, dass ich arbeiten kann.“

Das sagt der Behindertenanwalt
Siegfried Suppan, der Leiter der Anwaltschaft für Menschen mit Behinderung in der Steiermark, kennt Fälle wie den der jungen Kärntnerin zur Genüge. Die Gründe für die schwierige Arbeitssuche von Menschen mit Behinderung kann er klar benennen: „Viel zu viele Betriebe kommen ihrer Beschäftigungspflicht nicht nach und zahlen lieber eine Ausgleichstaxe, als Menschen mit Behinderung anzustellen.“ Unternehmen mit 25 oder mehr Mitarbeitern sind in Österreich gesetzlich verpflichtet, begünstigt behinderte Menschen einzustellen. Die Mehrheit der Betriebe erfülle das nicht. „Weil so wenige ihrer Einstellungsverpflichtung nachkommen, gibt es halt auch zu wenige Jobs“, erklärt Suppan. Die Betroffenen leben dann von sozialer Unterstützung.
Was können Menschen mit Behinderung tun? Eine Diskriminierung, also dass jemand aufgrund seiner Behinderung nicht eingestellt wird, sei schwer nachzuweisen. „Und selbst wenn es nachzuweisen wäre, könnte man zwar auf Schadensersatz klagen, aber nicht darauf, dass man einen Arbeitsplatz bekommt“, hält der Behindertenanwalt fest. Seine Forderung: „Die Ausgleichstaxe muss erhöht werden. Aktuell zahlen Betriebe 344 bis 512 Euro im Monat. Ich schlage vor, dass sie den Mindestlohn der jeweiligen Branche monatlich zahlen müssen.“
Zudem wäre es wichtig, endlich „mit dem Märchen des besonderen Kündigungsschutzes aufzuhören“. Bei Arbeitsantritt hat ein Mensch mit Behinderung vier Jahre lang überhaupt keinen besonderen Kündigungsschutz. Es gebe viele Unsicherheiten bei dem Thema, weiß Suppan. Die hören oft auf, wenn Menschen mit Behinderung eingestellt werden. „Weil die Betriebe dann merken, wie loyal und engagiert viele dieser Mitarbeiter sind und wie gut sie dem Sozialgefüge tun.“
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