Suche
Kleine Zeitung als bevorzugte Google-Quelle hinzufügen.

Viele Probleme, viele Ideen, aber noch keine Lösung

Die Tennisprofis kämpfen vermehrt mit Verletzungen und stöhnen unter der langen Saison. Auch die Psyche spielt eine entscheidende Rolle.

Jannik Sinner | Jannik Sinner hatte heuer bereits in Paris mit seinem Körper zu kämpfen
© AP/Thibault Camus
Jannik Sinner|Jannik Sinner hatte heuer bereits in Paris mit seinem Körper zu kämpfen

Es ist eines der bestimmenden Themen im Tennissport: Die Klagen über einen zu vollgestopften Turnierkalender häufen sich ebenso wie die Anzahl der verletzten Spieler. Dass zwischen diesen beiden Tatsachen ein Zusammenhang besteht, steht außer Frage. Keine Einigkeit herrscht hingegen bei den Auslösern für die immer häufiger auftretenden Zwangspausen. „Wir haben früher mehr gespielt als sie jetzt. Vielleicht ist es körperlich anstrengender, oder vielleicht ermüden sie schneller, ich weiß es nicht. Sie sagen, sie spielen ein sehr hohes Tempo. Vielleicht bräuchten sie mehr Ruhepausen. Wir haben die Australian Open zu Weihnachten gespielt“, sieht es etwa Legende John McEnroe.

Woanders ortet hingegen Rafael Nadals Onkel und Erfolgstrainer Toni die Probleme: „Im Tennis muss sich etwas ändern. Denn es ist unmöglich, dass sich die besten Spieler der Welt alleine beim Tennisspielen verletzen. Verletzungen können natürlich durch Schläge oder Stürze entstehen. Ich finde, es ist Zeit, das Tempo zu drosseln, vielleicht durch die Verwendung kleinerer Schläger, die die Wucht der Schläge reduzieren.“ Es ist einer von vielen Ansätzen: Weichere oder größere Bälle, nur noch Sätze bis vier Games, nur noch ein Aufschlag, kein „Best of five“ mehr bei den Grand Slams, andere Beläge – in den vergangenen Monaten und Jahren tauchten viele Ideen auf, wie man die Spieldauer verkürzen und damit auch den Verletzungen besser vorbeugen könnte.

Immer mehr Leidenswege

Denn die Situation ist alarmierend: Superstar Carlos Alcaraz musste heuer aufgrund einer Handgelenksverletzung vier Monate pausieren, der (Noch-)Weltranglistenerste Jannik Sinner konnte aufgrund von Knieproblemen seit Wimbledon kein Match mehr bestreiten und hat die Saison vorzeitig beendet. Der Zeitpunkt seiner Rückkehr ist ungewiss. Holger Rune fiel nach einem Archillessehnenriss beinahe ein Jahr aus, Jack Draper laboriert seit eineinhalb Jahren an Oberarm-Problemen bei der linken Schlaghand und verbringt mehr Zeit bei Ärzten als auf dem Tennisplatz. Dass diese Ausfälle nicht nur die Spieler selbst, sondern den ganzen Sport beeinflussen, zeigt der aktuelle Kampf um die Nummer-eins-Position: Weil Sinner ausfällt und Alcaraz in der dritten Shanghai-Runde überraschend gegen Zizou Bergs mit 5:7, 6:7 verloren hat, wird Alex Zverev als zweiter Deutscher nach Boris Becker zur Nummer eins der Tenniswelt. Wären Sinner und Alcaraz nicht ausgefallen, wär Zverev dieser Meilenstein wahrscheinlich nicht geglückt.

Inwieweit diese Verletzungen mit einem zu straffen Turnierkalender zusammenhängen, lässt sich nicht belegen. Doch hat Österreichs Nummer eins Sebastian Ofner, der nach einem operativen Eingriff an der Ferse ebenfalls die Saison vorzeitig beenden musste, erst kürzlich gegenüber der Kleinen Zeitung erklärt: „Tennis hat sich in den vergangenen Jahren so entwickelt, dass das Spiel immer langsamer und die Spieler immer fitter werden – und das auf allerhöchstem Niveau. Das führt dazu, dass nicht mehr nur auf Sand, sondern auch auf Hartplatz die Rallyes immer länger werden. Und das geht über das Jahr gesehen physisch enorm auf die Substanz.“ Als Reaktion auf die hohen Belastungen hat die ATP die Gesamtanzahl an verpflichtenden Turnieren von 19 auf 18 gesenkt. Ob dies sämtliche Probleme lösen kann, sei allerdings dahingestellt.

Auch der Kopf spielt mit

Nicht außer Acht lassen darf man bei der gesamten Problematik die psychische Komponente. So sind die Spieler in der Welt der sozialen Medien zusätzlichen mentalen Belastungen ausgesetzt, die sich in weiterer Folge auch auf die Physis auswirken können. Aktuellstes Beispiel dafür ist Coco Gauff. Die US-Amerikanerin hatte vergangene Woche in Peking gegen die Lokalmatadorin Sun Xinran eine umstrittene Punktwiederholung gefordert und wurde anschließend in den sozialen Medien sogar rassistisch attackiert. In ihrem darauffolgenden Match verlor Gauff entkräftet gegen Elise Mertens, ihre Titelverteidigung beim aktuell laufenden Turnier in Wuhan sagte sie ab.