Suche
Kleine Zeitung als bevorzugte Google-Quelle hinzufügen.

Jetzt "goldenes Fenster" für Quantentechnologie-Regeln

© APA/THEMENBILD
Aus Tirol kommen Forderungen nach Regulierung von Quantentechnologie

Ein Netzwerk für gesellschaftliche Aspekte von Quantentechnologien ist am 1. Oktober an der Uni Innsbruck gegründet worden. Es handle sich um die erste global ausgerichtete Allianz von Forschungseinrichtungen, die sich mit ethischen, rechtlichen, sozialen und politischen Dimensionen der Technologie beschäftige. Derzeit sei das "goldene Fenster" für Regulierungen, mahnte Netzwerkgründer Matthias Kettemann im APA-Interview konkrete Maßnahmen ein.

Europa und insbesondere Österreich sei im Bereich der Quantentechnologie in einer großartigen Ausgangslage. "Wir sind quantentechnologischer Weltführer", spielte der Rechtswissenschafter vor allem auf die Innsbrucker Universität an, an der "jeden Monat neue Fortschritte erzielt werden". Es brauche abseits der technologischen Forschung aber auch eine ethische und rechtliche Rahmung: "Bei sozialen Medien und KI haben wir über Regeln erst gesprochen, als die Marktmacht verteilt und die gesellschaftlichen Entwicklungen spürbar waren", erklärte Kettemann: "Bei Quantentechnologie haben wir die Chance, früher dran zu sein." Der Rechtswissenschafter spricht von einem "goldenen Fenster".

"Sowohl bei KI als auch bei den sozialen Medien sind wir mit der Regulierung viel zu spät gekommen, nämlich zu einem Zeitpunkt, wo die großen vier Unternehmen so viel Macht für sich erobert hatten, dass sie einfach nicht mehr zu regulieren waren", zeichnete der Forscher die vergangenen Jahre nach. Das habe einerseits Folgen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt gehabt - für den Schutz der Kinder etwa bei den sozialen Medien.

Zweitens, und das sei gesamtgesellschaftlich genauso schlimm, habe es Folgen für die heimischen Innovationsökosysteme gehabt. Weil die großen Firmen über die letzten Jahre so viel Geld machten, hätten sie alles aufkaufen können, was an Innovation da war. "Gibt es ein großes, erfolgreiches europäisches KI-Start-up. Nein. Warum? Weil fast alle in ihren Anfangszeiten von US-amerikanischen und chinesischen Firmen aufgekauft worden sind", war sich der Wissenschafter sicher.

Kettemann war überzeugt, dass Quantentechnologie auf eine Weise entwickelt werden soll, die vom "Geist der internationalen Solidarität" getragen sei: "Das heißt, im Gegensatz zu allen anderen bisherigen Technologien wollen wir mit Quantentechnologie den digitalen Graben verringern und nicht größer werden lassen." Mit dem digitalen Graben sei die unterschiedliche Entwicklung im Bereich Digitales zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden - zwischen den Staaten, die im weiteren Sinne einen guten Internetzugang haben und jenen, die keinen guten haben - gemeint. Jede Technologie, die auf dem Internet aufbaue, vertiefe diesen Graben. Darum sei es ein Anliegen, dass die Quantentechnologie die erste Technologie werde, zu der weltweit alle Forscherinnen und Forscher Zugang haben.

Neben der "Ökonomisierung" sah Kettemann auch im Bereich der Sicherheit die Notwendigkeit für ein Regelwerk. Quantenkryptografie sei eine der bekannteren Phänomene von Quantenrechnern: Durch die hohe Rechengeschwindigkeit lasse sich damit die Mehrheit der bestehenden Verschlüsselungstechnologien aushebeln. "Man sagt, ein normaler Rechner muss acht Monate rechnen, um eine E-Mail zu entschlüsseln, ein Quantenrechner macht das in Millisekunden", veranschaulichte der Forscher die Herausforderung.

Diese Gefahr müsse - wiederum durch den Einsatz von Quantentechnologien - umschifft werden. "Staaten, die noch nicht so weit in der Quantentechnologie sind, laufen Gefahr, dass ihre Kommunikation unsicher wird. Aus meiner Sicht wäre es ein völkerrechtlicher Schritt, festzulegen, dass alle Staaten der Welt einen Anspruch auf den Zugriff auf diese Technologien haben sollen, um sicherzustellen, dass die Bevölkerung entsprechend geschützt werden kann", meinte Kettemann.

Weiters gehe es ihm auch um die "intergenerationale Gerechtigkeit": "Wir haben es bisher immer verabsäumt, bei Regulierungen an die nächste Generation zu denken. Im Bereich Social Media und KI haben wir eine Generation ins Messer laufen lassen. Jetzt haben wir die Chance, das besser zu machen."

Der Experte erklärte auch, welche Auswirkungen Quantentechnologie ohne Regulierung haben könnte: "Eines der Schreckensszenarien, die man so an die Wand malt, ist, dass in Zukunft sowohl Firmen als auch autoritäre Staaten Quantenrechner nutzen können, um alles über ihre Bevölkerung zu wissen. Weil man mit dieser Technologie das Verhalten von Menschen vorhersagbarer und damit lenkbarer macht." Auch die Kommunikation sei dann besser zu überwachen. Natürlich gebe es auch positive Beispiele, wie Quantentechnologie einsetzbar wäre, man könnte z. B. punktgenaue Herzfehler herausfinden: "Bei Technologie gibt es eben immer Vor- und Nachteile. Die Frage ist, was sich durchsetzt."

Allein mit der Idee, sich jetzt schon Gedanken über gesellschaftliche Auswirkungen von Quantentechnologien zu machen, sei Kettemann aber nicht: "Die UNESCO hat die sogenannte globale Quanteninitiative ins Leben gerufen. Die Europäische Union beschließt in diesem Jahr den EU Quantum Act. Wir brauchen globale Standards, die in inklusiven Prozessen entstehen, weil all das, was wir jetzt festlegen, hat eine Zukunftswirkung." Er schlage also vor, dass man Standardisierungsprozesse eröffne, fairer macht, mehr Stakeholder beteilige und in den technischen Prozessen "jetzt schon ethische und politische Aspekte miteinbezieht". Es sei jetzt der richtige Zeitpunkt, globale Verträge anzudenken.

Für das Quantennetzwerk für rechtliche, ethische und Regulierungsfragen konnten 35 Zentren aus fünf Kontinenten "zusammengerufen" werden. Es wurde am 1. Oktober 2026 gegründet, einmal im Monat findet aktuell ein Austausch statt. "Die Idee wäre, einmal im Jahr eine Konferenz abzuhalten", zeigte sich Kettemann optimistisch. Tirol ist bei der Quantenforschung führend: Nobelpreisträger für Physik und Quantenforscher Anton Zeilinger lehrte und forschte von 1990 bis 1999 an der Universität Innsbruck. 2025 hatte das Land Tirol 150.000 Euro in den "Quanten-Hub Tirol" investiert.