Theaterhaus Graz: Wenn neue Welten passieren
Das Sprachkunstwerk „Rede an die Tiere“, inszeniert von Navaridas & Deutinger.

Ein Mann räsoniert scheinbar über sich und die Welt, die Denkbewegung wirkt nicht mäandrierend, sondern eher uferlos. Es ist in Wahrheit überhaupt keine Bewegung des Denkens, sondern eine Bewegung der Sprache: Der französische Autor und Performer Valère Novarina (1942-2026) hat mit seinen Arbeiten den konventionellen Gebrauch von Sprache radikal in Frage gestellt und sie gleichsam entgrenzt. Aus dem Bewusstseinsstrom dringen unlogische, bizarre Wortkaskaden und -verdrehungen nach außen. Die Sprache als Produkt des Körpers, der Reflexe, des Biologischen, in diesem Fall adressiert an Wesen, die mit solcherlei Sprechart vermutlich vertraut sind: „Die Rede an die Tiere“ heißt das Stück von 1983.
Die Bezüge zur zustandsgebundenen Literatur, zur Écriture automatique und zur surrealistischen Traumlogik sind auffallend. Das denkende Ich kontrolliert nicht länger das sprechende Ich, woraus sich aber kein sinnloses Gebrabbel ergibt, sondern im besten Fall neue Relationen zwischen Ich und Welt auftun. Neue Realitäten werden nicht konstruiert, sondern passieren aus dieser Sprachbewegung, die die üblichen Pfade der Vernunft verlässt.
Alex Deutinger stellt diesen Mann in dem gemeinsam mit Marta Navaridas konzipierten, choreografierten und inszenierten Abend mit bewundernswerter Genauigkeit dar. Neben einer später auftauchenden Diskokugel ist eine Scheibtruhe das einzige Requisit: Deutinger gelingt über 70 Minuten immer wieder, etwas Neues mit der Truhe anzustellen, verwendet sie aber natürlich nicht, um Dinge von A nach B zu bringen: Eine großartige visuelle Entsprechung zum Text – die Scheibtruhe ist, wie die Sprache, ihrer Funktion entledigt und dient als etwas Neues. Was das ist, ist noch nicht so klar.
Die Aufführung im Theaterhaus wird am 9. und 10. Oktober wiederholt.