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Mehr als eine Diagnose: Wie ein Raum in Feldkirchen Leben verändert

Gemeinsam kochen, kreativ sein, Selbstvertrauen gewinnen: Im PerspektivenRaum Feldkirchen erhalten Menschen mit psychischen Erkrankungen Unterstützung auf ihrem Weg in ein selbstständigeres Leben.

© KLZ / Sandra Müllauer
Sandra Wolf besucht seit etwa einem Jahr den PerspektivenRaum Feldkirchchen. Besonders gerne hält sie sich im Kreativraum auf, um zu Filzen
Sandra Müllauer
Redakteurin Kärnten-Ressort

Der Duft von angebratenen Zwiebeln liegt in der Luft. In der Küche wird fleißig gearbeitet. Heute stehen im PerspektivenRaum in Feldkirchen Spinat mit Spiegelei und Bratkartoffeln auf dem Speiseplan. „Hallo, ich bin Frau Pasterk“, stellt sich eine Frau vor. Auch die anderen begrüßen die Besucher freundlich. Die Räume sind hell und an den Wänden sowie in den Regalen finden sich selbst gemachte Kunstwerke. Doch was hier entsteht, ist weit mehr als das, was man auf den ersten Blick sieht.

Der PerspektivenRaum ist ein vom Land Kärnten finanziertes Pilotprojekt von autArK, das seit 2022 besteht. Menschen mit psychischen Erkrankungen werden dabei unterstützt, ihren Alltag selbstständiger zu gestalten, soziale Kontakte zu knüpfen und Vertrauen in ihre Fähigkeiten zu gewinnen.

„Das ist zu viel Verantwortung“

„Soll ich Ihnen alles erklären?“, fragt Sandra Wolf zaghaft, doch die 23-Jährige aus Magdalensberg taut schnell auf. Seit einem Jahr kommt sie zweimal wöchentlich nach Feldkirchen und übernimmt kurzerhand die Führung. Erste Station ist ein großes Whiteboard mit dem Wochenplan. „Jeden Morgen wird entschieden, wer in der Küche, im Kreativbereich, im Holzraum oder in der Hauswirtschaft mitarbeitet“, erklärt Wolf. Nachmittags gibt es auch die Möglichkeit für Aktivitäten im Freien, manchmal finden Ausflüge oder Wanderungen statt. Auch Einzel- und Gruppentherapien gehören zum Angebot.

Einmal wöchentlich wird ausgelost, wer den Speiseplan zusammenstellen darf. Die 23-Jährige war noch nie an der Reihe und möchte das auch gar nicht. „Das ist zu viel Verantwortung. Es gibt ja immer jemanden, der etwas nicht mag“, sagt sie lachend.

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Sandra Wolf kommt aus Magdalensberg, sie fährt zwei Mal die Woche nach Feldkirchen
Sandra Wolf kommt aus Magdalensberg, sie fährt zwei Mal die Woche nach Feldkirchen © KLZ / Sandra Müllauer

Lieber beschäftigt sie sich im Kreativraum. Besonders gerne filzt sie, aber sie hat auch schon Erfahrungen mit Tonarbeiten gesammelt. „Dafür bin ich zu ungeschickt“, meint sie. Trotzdem hat sie einen Frosch geformt. Leider ist ihm ein Fuß abgebrochen. Der Rundgang führt weiter zum Therapieraum, zum Balkon und in einen Ruheraum mit Wasserbett, in dem es einen schaukelt, wie Wolf erklärt. Hier kann man sich zurückziehen, wenn es einem nicht so gut geht.

„Ich gebe nicht auf“

Der Kreativraum ist auch der Lieblingsort von Katarina Anđelina Pasterk. Die 31-Jährige ist seit dreieinhalb Jahren dabei und arbeitet gemeinsam mit einer Ergotherapeutin an einer gefilzten Blume. Das erfordert Geduld und Fingerspitzengefühl. „Aber ich gebe nicht auf“, sagt sie. Das gilt nicht nur für ihre Handarbeit, sondern auch für ihr Leben.

Pasterk wohnt in der Nähe von Friesach und ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln rund eineinhalb Stunden pro Strecke unterwegs. Die Anreise organisiert sie selbstständig. Auch von ihrem Partner erzählt sie. Beide tragen ein geknüpftes Armband mit dem Namen des jeweils anderen. Heute möchte sie noch eines für ihn anfertigen, diesmal mit einer Liebesbotschaft.

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Manuel Stollwitzer, Beate Prettner, Christian Kerschbaumer, Katarina Anđelina Pasterk, Isabella Breiml und Michaela Pötscher-Gareiss (von links)
Manuel Stollwitzer, Beate Prettner, Christian Kerschbaumer, Katarina Anđelina Pasterk, Isabella Breiml und Michaela Pötscher-Gareiss (von links) © KLZ / Sandra Müllauer

Der Mensch, nicht nur seine Diagnose

Im PerspektivenRaum stehen nicht die Diagnosen, sondern die Menschen mit ihren Wünschen, Fähigkeiten und Geschichten im Mittelpunkt. Wie wichtig das ist, weiß Michaela Pötscher-Gareiss, Psychotherapeutin und Fachbereichsleiterin bei autArK. „Im Krankenhaus bekommen die Klientinnen und Klienten Stabilität, aber keine Therapie“, erklärt sie. Hier erleben manche erstmals eine längerfristige Psychotherapie, bei der sie nicht auf ihre Erkrankung reduziert werden. „Das ist dann halt der Maxi und nicht der Schizophrene“, sagt sie. Gerade bei zusätzlichen Beeinträchtigungen komme es häufig zu einer doppelten Stigmatisierung.

Schritt für Schritt in die Selbstständigkeit

Wie solche Fortschritte aussehen können, zeigen Manuel Stollwitzer und Christian Kerschbaumer. Die beiden leben zusammen in einer betreuten Wohngemeinschaft in Krumpendorf, wo sie dreimal wöchentlich Unterstützung im Alltag erhalten. „Eine echte Männer-WG“, bestätigt Projektleiterin Isabella Breiml. Langfristig wollen sie selbstständig wohnen. Stollwitzer hat durch den PerspektivenRaum, den er so gut wie jeden Tag besucht, wieder Selbstbewusstsein und Freude am Leben gewonnen. Kerschbaumer spricht von seiner zweiten Familie.

Drei weitere Menschen haben den Schritt aus psychosozialen Wohneinrichtungen in eine eigene Wohnung bereits geschafft, ein vierter hat eine Wohnungszusage und wartet auf den Einzug. Auch beruflich gibt es Erfolge: Zwei Personen arbeiten wieder in ihren früheren Jobs, zwei weitere sind geringfügig beschäftigt. Zehn absolvieren derzeit Praktika.

Zukunft noch ungewiss

Seit 2022 wurden im PerspektivenRaum 87 Menschen begleitet, aktuell nutzen 40 das kostenlose Angebot. Wie oft sie kommen, richtet sich nach ihren individuellen Möglichkeiten. Dabei achtet das Team darauf, niemanden zu überfordern, erklärt Breiml.

Anlässlich des Welttags für psychische Gesundheit am 10. Oktober betonte Gesundheitsreferentin Beate Prettner (SPÖ) die Bedeutung solcher Einrichtungen. „Wir sehen, dass der Bedarf nach Unterstützung, nach Begleitung, nach Beratung, nach Therapie immer größer wird.“ Ob das Projekt nach der Pilotphase im Oktober 2027 weitergeführt wird, ist angesichts der angespannten Landesfinanzen allerdings noch offen.

In Feldkirchen wird derweil weiter gekocht, gebastelt und gelernt. Manchmal geht es darum, wieder arbeiten oder selbstständig wohnen zu können. Manchmal einfach darum, eine gefilzte Blume fertigzubekommen. So oder so, Hauptsache, man hält es wie Katarina Pasterk und gibt nicht auf.